To be or not to be – die digitalen Medien

Geschrieben am 8. Dezember 2011

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Mit neuen Medien für die "Wunderkammer Wissenschaft" - Forum Wissenschaftskommunikation in Köln

Die Welt der Wissenschaftskommunikation ist kompliziert genug. Nicht nur das schwierige Verhältnis von Wissenschaftlern und Öffentlichkeitsarbeit, nicht nur die komplexen Inhalte, über die zu berichten ist, nicht nur das verwirrend geknüpfte Netz, in dem sich Kommunikation in unserer Informationsgesellschaft abspielt. Das genügt nicht. Denn jetzt soll alles noch viel komplizierter werden: Soziale Netze, Markenprofile, Zielgruppen und Bezugsgruppen sind angesagt. Das ist das Fazit des 4. Forums Wissenschaftskommunikation der Initiative Wissenschaft im Dialog (WiD), das am Donnerstag in Köln zu Ende ging.

Die wichtigste Entwicklung für jeden Kommunikator, gleich ob in der Industrie oder im Feld Wissenschaft, sind die Sozialen Netze: durch die Interaktivität des Internets, durch seine Zugangsmöglichkeiten von überall und durch die nahezu kostenfreie Technik, multimediale Daten zu speichern und zu verbreiten, ändern sich hier die Strukturen der Kommunikation, wie wir sie gewohnt sind. Jeder kann weltweit publizieren. Informationen werden nicht mehr nach dem Prinzip Sender-Empfänger verteilt, sondern in Freundes- und Interessentenkreisen weitergereicht, kommentiert, verkürzt und eingeordnet ausgetauscht.

Heute sind es vor allem junge Menschen, die diese Sozialen Netze nutzen, als deren herausragende Vertreter Facebook und Twitter gelten. Irgendwann wird sich das weiterentwickeln – biologisch und technisch – wie seinerzeit auch die Nutzung von PCs, oder von E-Mails oder des World Wide Webs. Interessante Erscheinung dabei: Die Nutzer der Sozialen Netze messen den Informationen, die sie von ihren Freunden, Kumpeln und Followern bekommen, mehr Glaubwürdigkeit zu als Informationen von etablierten Institutionen, und dazu zählen sie selbst die seriösen Medien.

Soziales Netz oder nicht für die Wissenschaftskommunikation, das ist die Frage, die in Köln heftig diskutiert wurde. Da steht der enorme Aufwand heute noch einer zahlenmäßig eher geringen Resonanz gegenüber. Andererseits bemerken aber auch gesetztere Altersstufen, welche Vorteile Twitter und Blogs bieten, selbst für so eine Konferenz, wo Twitter-Meldungen per Beamer projiziert, Blogsbeiträge diskutiert und kommentiert wurden. Doch zugleich steht die große Frage im Raum, wer soll die zusätzliche Arbeit für die Sozialen Netze leisten, und wie lässt sich eine regelmäßige, engagierte Bedienung der neuen Kanäle sicherstellen. Andererseits leisten sich Forschungsorganisationen nicht nur Interessenvertreter, sondern sogar eigene Pressesprecher in Brüssel. Da lohnt sich abzuwägen; wichtig ist, dass sich der Aufwand auszahlt, auch langfristig.

Tatsächlich aber hat Wissenschaftskommunikation noch nicht einmal die “traditionellen Kanäle” des Internets richtig in die eigenen Konzepte eingebaut. Darüber wurde in Köln leider kaum gesprochen. Natürlich hat jedes Institut, jede Organisation sein digitales Schaufenster, also eine Website, mit mannigfaltigen Angeboten. Doch selbst der Begriff Zielgruppen wird selten verwendet, stattdessen reden viele immer noch von „der Gesellschaft“, mit der man kommuniziert – als ob einerseits Wissenschaft nicht zur Gesellschaft gehört, und als ob andererseits die Gesellschaft eine homogene Menge sei. Umso interessanter der Vorschlag des PR-Profis Prof. Dieter Herbst von der Universität der Künste in Berlin, statt sich um “Zielgruppen” sich lieber um “Bezugsgruppen” zu kümmern, also um Gruppen von Menschen, die auf die eine oder andere Weise eine Beziehung zu einem Institut oder zur Forschung haben – Stakeholder heißen sie im modernen Wirtschaftsdeutsch.

Vieles wurde in den offiziellen Debatten gesagt, aber dennoch nicht alles angesprochen was wichtig wäre.

Warum schielen Forschungssprecher etwa immer so auf die Medien? Warum wird so wenig getan für die direkte Kommunikation mit Stakeholdern. Sie reichen vom Handwerker, der die Brötchen für die Kantine bringt, bis hin zum Politiker oder zum Forscherkollegen irgendwo auf der Welt, die natürlich interessiert, was sich da in Garching, Jülich oder Leipzig tut, also in der Institution, wo er jeden Tag liefert, über dessen Förderung er entschieden hat oder wo er zuletzt einen Vortrag hielt. Natürlich darf man nicht alle mit dem gleichen Text beglücken, aber bezugsgruppengerechte Kommunikation geht schon mit einer guten Mailadressen-Verwaltung, auch ohne Soziale Netze. Doch die heutigen Möglichkeiten effizient nutzen und handwerkliche Fehler vermeiden, das war in Köln kein Thema.

Die Forschungskommunikatoren, so mein Eindruck aus den Diskussionen, haben noch viel zu viel Angst: Angst vor den kommunikativ unberechenbaren Wissenschaftlern, Angst davor, etwas Neues zu versuchen und dabei vielleicht zu scheitern, Angst vor der eigenen Unsicherheit. Wer in der Kommunikation von Wissenschaft etwas erreichen will, muss daher vor allem und zuallererst die Forschungssprecher selbstsicherer machen: Sicher, dass sie gut ausgebildet sind, sicher dass sie neue Techniken und Medien in spezifischer Fortbildung erlernen können, sicherer als kompetente Partner in der Arbeitsteilung mit den scheinbar so allwissenden und mächtigen Wissenschaftlern. Doch darüber wurde in Köln auch nicht, oder bestenfalls in den Konferenzpausen gesprochen.

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