Was ist Wissenschaftskommunikation? – Eine Buchbesprechung

Posted on 8. Juli 2012

0


Wissenschaftskommunikation: Zwei Welten zusammenführen – Wissenschaft und den Lebensraum der Menschen. Bild:BNL

Ich hasse es, Buchbesprechungen zu schreiben. Natürlich sind sie immer eilig, das Buch soll ja aktuell rezensiert werden; daher reicht aber die Zeit nicht, das ganze Buch sorgfältig zu lesen, sondern nur Schlüsselkapitel. Und dann kritisiert man, und der Autor (der Verlag oder wer immer) beweist einem anschließend, dass genau das, was man bemängelt, an irgendeiner Stelle des Buches doch genau so erwähnt wurde, wie man es sich gewünscht hätte.

Dennoch habe ich mich breitschlagen lassen: „Wissenschaft kommunizieren“ heißt das neue Buch von Carsten Könnecker. Da kann mein Blog „Wissenschaft kommuniziert“ nicht dran vorbeigehen. Und das Buch versteht sich als Lehrbuch für Wissenschaftskommunikation: Ein gutes Lehrbuch wäre eine tolle Sache, da es um Aus- und Fortbildung für Wissenschaftskommunikation in Deutschland so schlecht gestellt ist (siehe “Die große Frage – Wo lernt man Wissenschaftskommunikation?“). Doch meine Hoffnung war vergebens.

Carsten Könnecker

“Wissenschaft kommunizieren” von C. Könnecker

Carsten Könnecker schreibt in seinem Buch Vieles, was richtig und was wichtig ist. Etwa über die gesellschaftliche Bedeutung der Wissenschaftskommunikation, über den Wandel des Verhältnisses von Wissenschaft und Gesellschaft, über den Wandel der Medien und der Rolle von Journalisten. Doch er beschreibt auch Dinge, die schlicht falsch sind, etwa wenn er Wissenschaftsjournalisten als eine der drei Berufsgruppen sieht, die Wissenschaftskommunikation betreiben: Sie sind keine Akteure, sondern eine wichtige, aber nicht die einzige Zielgruppe der Wissenschaftskommunikation, wie Könnecker selbst 202 Seiten später darstellt. (Denn sie gehören nicht zum Wissenschafts- sonder zum Mediensystem unserer Gesellschaft, und müssen folglich nach den Gesetzen dieses Systems handeln). Oder wenn er behauptet, dass Journalisten, wie Wissenschaftler, der Wahrheit verpflichtet seien – sind sie nicht: Sie sind der Sorgfalt verpflichtet und der Wirklichkeit, nicht der Wahrheit – ein gewaltiger Unterschied. Könnecker zieht auch selbst nicht immer die Konsequenzen aus dem, was er richtig beschreibt. Etwa wenn er Wissenschaftskommunikatoren als die zweite wichtigte Berufsgruppe in der Wissenschaftskommunikation bezeichnet, sie aber im weiteren Verlauf kaum mehr erwähnt und ihrer besonderen Rolle – erst in den Zukunftsperspektiven – gerade einmal 28 Zeilen widmet.

Könnecker legt viel Wert auf das Denken in Zielgruppen. Das ist richtig und kann nicht oft genug betont werden. Für sich selbst sieht er drei Zielgruppen: Wissenschaftler, Wissenschaftskommunikatoren und Wissenschaftsjournalisten. Die Forschungssprecher kommen dabei – siehe oben – sehr kurz weg. Junge Wissenschaftsjournalisten dürften von der ellenlangen (154 von 204 Seiten), trockenen Belehrung zu Überschriften, Bildtexten, und unterschiedlichen Darstellungsformen (von der Meldung bis zur Rezension) eher gelangweilt sein, zumal dies kaum Wissenschafts-spezifisch ist und es auf dem Buchmarkt weit bessere Darstellungen gibt. Und Wissenschaftler, die von Könnecker meistens angesprochene Zielgruppe: Müssen sie für gute Wissenschaftskommunikation das wirklich alles wissen? Wie Spitzmarken oder Pullquotes gesetzt werden? Mir scheint, da ist Könnecker der erfahrene Chefredakteur von redigierten Fachzeitschriften (Spektrum, Gehirn&Geist) mit dem Buchautor durchgegangen. Das ist weder das Wesentliche, noch das Schwierige an Wissenschaftskommunikation.

Und diese beiden Elemente fehlen leider in diesem Lehrbuch der Wissenschaftskommunikation. Das Wesentliche: Die ganz spezifische Welt der Wissenschaft mit den Augen der anderen zu betrachten, sich einzufühlen in die Kommunikationspartner – was wollen sie hören, was ist für sie relevant, wie funktionieren sie – kurz: die Fähigkeit zur bewussten oder unbewussten Außensicht, die Voraussetzung ist für eine erfolgreiche Kommunikation. Und das Schwierige: Die scheinbar rational dominierte Welt der Wissenschaft mit ihren Resultaten, ihren Auswirkungen, ihren spannenden Persönlichkeiten, aber auch mit ihren Selbsttäuschungen, Widersprüchen, Eitelkeiten und oft verleugneten Emotionen in einen fruchtbaren Austausch zu bringen mit einer ganz anderen Welt: der von Emotionen, Partikularinteressen, Egoismen, Zukunftsängsten, Machtkämpfen und Wettbewerb dominierten Welt unserer Gesellschaft, die nicht weniger ist, als der Lebensraum der Menschen, auch der Wissenschaftler. Das ist das Spannende an der Wissenschaftskommunikation, davon aber wird bei Könnecker so gar nichts spürbar.

About these ads