Das Life-Projekt, Teil 12 – Ein Exkurs zur Sommerflaute

Posted on 11. Juli 2012

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Entdeckung in der Sommerflaute – Spuren des Higgs-Bosons. (Bild: CERN)

Lieber Herr Reinboth,
bedingt durch die Sommerflaute erscheint diese Folge des Live-Projekts mit einem Tag Verspätung. Sorry, aber Sie kennen das sicherlich: Ferien, alle sind in Urlaub, die Wissenschaftler am Institut und die Journalisten; nicht einmal jemand da, mit dem man eine Meldung abstimmen könnte. Und wenn, dann ist er überlastet, alles strömt auf ihn ein und nichts läuft wie gewohnt, denn auch für ihn gilt: Alle sind in Urlaub.
Doch für geschickte Kommunikationsprofis bietet die Sommerflaute einige dicke Chancen: Wenn niemand da ist, passiert auch nichts – doch auch wenn nichts passiert, müssen Zeitungen und Nachrichtensendungen gefüllt werden. Sie leben von Tag zu Tag. Die verfügbare Zeit, der Raum, liegen fest oder werden durch andere Faktoren bestimmt (zum Beispiel durch den Umfang der Werbung). An Tagen, an denen viel los ist, fallen notgedrungen auch Ereignisse unter den Tisch, über die sonst eigentlich berichtet worden wäre. Und umgekehrt.

Seitenlichtfasern bei HarzOptics.

Warum also nicht die Sommerflaute nutzen, um gerade jetzt mit Themen, die nicht an eine absolute Aktulität gebunden sind, an die Medien zu gehen. Die Chancen, dass sie größeren Widerhall finden, sind derzeit viel besser, als zu den meisten anderen Zeiten des Jahres (Ein Tipp: Es gibt in den Redaktionen noch eine zweite Flautezeit des Jahres: nach den Feiertagen im Januar). Es war sicher kein Zufall, dass die geschickten PR-Profis des CERN die offizielle Bestätigung des Higgs-Teilchens gerade auf Anfang Juli gelegt haben (die „wahrscheinliche“ Entdeckung hatten sie ja schon letztes Jahr verkündet ((Link: http://wp.me/p1XAlm-40)), erste öffentliche Hinweise gab es – honi soit qui mal y pense – 2011 in der Sommerflaute). Sie sind schon mit allen Wassern gewaschen, die Kollegen vom CERN, in Sachen Strategische Kommunikation kann man viel von ihnen lernen. Nicht dass das Higgs-Boson sonst nicht in die Medien gefunden hätte, aber die Medien konnten durch die Sommerflaute diesem Ereignis viel mehr Platz einräumen als in turbulenten Zeiten.

Christian Reinboth, Mitgründer von HarzOptics

Was kann man selbst tun, um das Sommerloch zu nutzen? Früher war diese Zeit eindeutig von Nessi besetzt, dem Ungeheuer von Loch Ness. Doch das ist den Medien mittlerweile zu langweilig geworden. Wissenschaft – mit Verlaub – ist da meines Erachtens eine weit bessere Alternative: Um sie zu nutzen, muss man als Forschungssprecher zunächst einmal zwischen absoluter und relativer Aktualität unterscheiden: Absolute Aktualität muss sofort bearbeitet werden. Wenn etwa ein Unfall passiert, wenn ein Institutsgebäude abbrennt, wenn ein Minister zu Besuch ist oder sonst etwas öffentlich Wahrnehmbares passiert – auch die Reaktion auf eine politische Entscheidung oder die Veröffentlichung in einer wichtigen Fachzeitschrift gehören dazu.
Relative Aktualität ist, wenn man selbst bestimmen kann, wann etwas öffentlich wahrnehmbar wird. Man hat sozusagen selbst in der Hand, wann etwas aktuell ist. Das kann die Einweihung eines wichtigen Forschungsinstruments sein, die Ehrung eines hochrangigen externen Forschers, oder auch nur die Pressemitteilung zu einem neuartigen, spannenden Forschungsprojekt (muss schon wirklich spannend sein, denn sonst sollte man sich mit Projekten eher zurückhalten). Nur diese Themen relativer Aktualität kommen natürlich für den Einsatz in der Sommerflaute in Frage.
Auch Veranstaltungen kann man gezielt auf diesen Zeitraum legen, wenn man es geschickt anpackt, kommt viellecht sogar der Minister (da sollte man natürlich vor Terminfestlegung klären, dass er/sie nicht gerade in Urlaub ist), der sonst schon immer gern wollte, aber in seinem engen Terminkalender nie die Zeit gefunden hat. Das wäre dann ein Bonbon für regionale Journalisten, an dem sie in der flauen Zeit kaum vorbeikommen, während sie sonst auf die Veranstaltung vielleicht verzichten hätten.
Auch Forschungsergebnisse kann man in dieser Zeit gut per Pressemitteilung kommunizieren, die wissenschaftlich vielleicht schon längst durch alle Publikationskanäle gelaufen sind, aber in den Publikumsmedien noch nicht wahrgenommen wurden. Ein aktueller Anlass findet sich immer, sei es eine Buchveröffentlichung, ein Vortrag – oder vielleicht ein Interview mit einem Journalisten (geschickt eingefädelt). Der Nachteil der Sommerflaute ist natürlich, dass auch die Medienauflagen, die Einschaltquoten und Zuschauerzahlen in Zeiten der Sommerflaute geringer sind. Das bedeutet: In den Medien wird größer berichtet, aber die Leute, die es sonst lesen/hören/sehen, sind zum großen Teil ebenfalls in Urlaub. Da muss man sorgfältig abwägen.
Doch die Sommerferien sind in Deutschland so breit über die Monate Juni bis September verteilt, dass man – zumindest mit überregional relevanten Themen – immer eine Chance hat, gerade in den anderen Regionen das gesamte Publikum zu erreichen. Wenn die einen in Ferien gehen, sind die anderen noch lange oder schon wieder zu Hause. Außerdem gibt es genug Wissenschaftsthemen, die – einmal geschickt in die Welt gesetzt – wochen-, monate- oder sogar jahrelang kursieren und somit immer wieder auf das eigenen Institut aufmerksam machen. Ich erinnere mich an eine Meldung aus einem Forschungsprojekt zur Neurowissenschaft am Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS). Der Tenor lautete: „Tiefe Männerstimmen sind nicht immer sexy“. Die erste Meldung dazu erschien Anfang 2007, ein dpa-Interview löste einen wahren Boom aus. Laut Google kursiert diese Meldung auch heute noch immer im Internet.
Bis zum nächsten Dienstag
Ihr Reiner Korbmann

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