Krieg um die Wahrheit – schlecht fürs Klima

Posted on 3. Dezember 2011

6


Ein Missionar im öffentlichen Gewitter: Klimaforscher Stefan Rahmstorf (Foto:PIK)

Missionare sind furchtbar, vor allem wenn sie sich im Besitz der absoluten Wahrheit glauben – sie erkennen nicht, dass die Welt aus vielen Perspektiven besteht. Dabei geht es in der Wissenschaft gar nicht um Wahrheit, sondern um Wirklichkeit. Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) hat vorgeführt, welches Kommunikations-Desaster ein renommierter Wissenschaftler anrichten kann, der sich im Besitz der absoluten Wahrheit glaubt, und sie auch noch missionarisch durchzusetzen versucht.

Der Reihe nach: Rahmstorf wurde vom Landgericht Köln zur Unterlassung herabsetzender Äußerungen über die Wissenschaftsjournalistin Irene Meichsner verurteilt. Vorausgegangen war ein monatelanger Streit um Korrektheit und Quellen eines Beitrags der Journalistin in der Frankfurter Rundschau, in dem sie die wissenschaftlichen Belege einer Aussage im Klimabericht des Weltklimarates (IPCC) angezweifelt hatte. Der Witz: Rahmstorf ist zwar im IPCC, hat aber an diesem Abschnitt über Afrika gar nicht mitgewirkt.

Muss denn ein Streit um Fakten gleich so erbittert geführt werden, dass ein Gerichtsverfahren daraus entsteht? Denn bevor es bis zum Landgericht kommt, geht ja einiges voraus. Wer als Wissenschaftler meint, er müsse für seine Sicht der Welt gegen alle kämpfen, die eine andere Meinung haben, verkennt, dass auch Forschungsergebnisse nur eine bestimmte Perspektive der Welt sind. Wie verunsichert muss er in seiner eigenen Position sein, dass er aus Unnachgiebigkeit einen derartigen Kommunikationsschaden anrichtet: Denn durch den Streit um Details, die ohne diese Auseinandersetzung wohl kaum jemand wahrgenommen hätte, hat jetzt seine Glaubwürdigkeit erheblichen Schaden genommen, aber auch die Reputation seines Instituts, des Weltklimarates und der Klimaforschung insgesamt. Si tacuisses, philosophus mansisses.

Und wo waren die Kommunikatoren? Denn der Klimaforscher arbeitet ja in einem Institut, das oft im Licht der Öffentlichkeit steht und das ein Team kompetenter Forschungssprecher hat. Hat der Forscher seinen Feldzug gegen die Ungläubige allein geführt, ohne seine Fachleute einzuschalten? Haben diese nicht versucht, ihn zu bremsen? Wie auch immer, der Fall wirft auch ein Schlaglicht auf die Rolle der Forschungssprecher in der Wissenschaft: Sind gelten oft leider noch immer als ausführende Helfer, aber nicht als die berufenen Berater der Forscher. Denn das würde auch bedeuten, dass der Professor auch einmal schweigt, wenn es besser für ihn, sein Institut oder für die ganze Disziplin ist. Doch wo werden die Wissenschaftskommunikatoren schon als Berater gesehen? Der Fall zeigt, wie notwendig es ist, dass dies nicht nur in Ausnahmefällen zutrifft.

Als Journalist hatte ich auch immer wieder, teils heftige Auseinandersetzungen mit Wissenschaftlern. Einmal hat mir einer in einem Schreiben eine millionenschwere Schadenersatzklage angedroht, weil er in einem Ranking (das ich nicht einmal selbst erstellt, sondern nur veröffentlicht hatte) auf Platz vier stand und nicht auf Platz eins. Nach einiger Zeit haben wir miteinander gesprochen. Heute arbeiten wir streckenweise sogar zusammen. Ich halte dies für besser, als vor Gericht zu ziehen.

Advertisements