Risikofaktor Forscher – Die Super-Viren

Posted on 22. Dezember 2011

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Bauanleitung für Terroristen - H5N1-Virus, Erreger der Vogelgrippe (Bild: Northwest Ohio Consortium for Public Health)

Forschung ist frei – doch so frei, dass sie alles darf? Soweit zum forschungspolitischen Aspekt aktueller Nachrichten über ein Super-Virus, das Wissenschaftler in Rotterdam und Wisconsin im Labor erzeugt haben. Sie wollen in den angesehenen Wissenschaftszeitschriften „Science“ und „nature“ umfangreich darüber berichten. Ein Höhepunkt in jedem Forscherleben. Doch ist das richtig und verantwortbar? Die amerikanische Regierung und ihr Rat für Biosicherheit meinen „Nein“ und wollen die Publikation aller Einzelheiten verhindern. Doch schon werden Proteste aus dem Kreis der Forschung laut: Hier steht die Freiheit der Wissenschaft auf dem Spiel.

Ich denke, hier steht eher das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft in Frage. Und damit geht es um Wissenschaftskommunikation. Wie gehen die Forscher mit dem Thema um? Pochen sie auf die Freiheit der Forschung – und ziehen sich damit in den überwunden geglaubten Elfenbeinturm zurück? Oder stellen sie sich ihrer Verantwortung – und begreifen Wissenschaft nicht als geschlossenen Zirkel, sondern als Dienstleistung an der Gesellschaft?

Es geht um die Vogelgrippe und das Virus H5N1, die erst vor wenigen Jahren bei uns monatelang für Schlagzeilen sorgten.  Zwar waren die Schlagzeilen übertrieben, aber wir wissen jetzt wenigstens, was uns bei einem Ausbruch der Vogelgrippe erwarten würde. Genügend Experten haben sich damals damit beschäftigt: Eine weltweite Pandemie innerhalb weniger Tage, da Menschen keine Abwehrkräfte gegen dieses Virus haben, jeder Dritte würde erkranken, bei schwerem Krankheitsverlauf, Millionen Tote sind zu befürchten, ganze Wirtschaftssysteme wären lahmgelegt, wahrscheinlich würden Staaten oder zumindest ihre Notfall- und Sozialsysteme zusammenbrechen. Wer erlebt hat, wie hilflos hochentwickelte Industriestaaten mit der lokalen Reaktorkatastrophe von Fukushima umgegangen sind, der muss befürchten, dass es bei einer globalen Seuche sogar noch viel schlimmer kommen würde als dies die Experten vermuten.

Das Einzige, was uns bisher vor diesem Katastrophenszenario schützt: Das Virus verbreitet sich nicht von Mensch zu Mensch, lediglich in seltenen Einzelfällen von Vögeln zu Menschen. Nun aber haben die Forscher in Rotterdam und Wisconsin das Virus mit wenigen Änderungen an der DNA so verändert, dass es sich – wie ein Schnupfen – durch Tröpfcheninfektion bei Frettchen verbreitet. Frettchen aber sind die Labortiere, an denen häufig die Infektiosität von Viren für Menschen getestet werden. Es steht also zu befürchten, dass diese Super-Viren, wenn sie denn ins Freie gelangten, eine weltweite Pandemie auslösen. Keine Sorge, die Viren sind in den Hochsicherheitslabors der Forscher gut verwahrt. Aber die genetischen Veränderungen sind so einfach, dass sie durchaus auch von Terroristen oder in sogenannten Schurkenstaaten nachvollzogen werden könnten – wenn die Wissenschaftler, wie ursprünglich offenbar vorgesehen, ihre Bauanleitung detailliert in „Science“ und „nature“ veröffentlichen.

Steht wirklich die Freiheit der Forschung auf dem Spiel, wenn eine Regierung dies verhindern will? Freiheit findet ihre Grenzen in der Verantwortung – so habe ich Demokratie verstanden. Sonst wäre ja nichts dabei, auch Bauanleitungen für Atombomben ins Internet zu stellen. Vor allem aber ist Wissenschaft nach meinem Verständnis ein wesentlicher Teil der Gesellschaft: Wer angesichts der erwarteten Folgen dann jedoch darauf besteht, zu publizieren, anstatt sich mit allen Kräften zu bemühen – vielleicht sogar insgeheim – seine neuen Erkenntnisse zu nutzen, um Impfstoffe, Therapien und verantwortungsvolle Mechanismen zu ihrer Erforschung und zu ihrem Einsatz zu entwickeln, der steht im dringenden Verdacht, eher seine Eitelkeit zu befriedigen und dies auch noch mit dem Ruf nach „Freiheit der Forschung“ zu bemänteln.

Wo bleibt denn der Ruf nach Forschungsfreiheit in den unzähligen kleineren Konfliktfällen? Etwa in der Industrieforschung? Hier sind Ergebnisse grundsätzlich nicht öffentlich. Wer zahlt schafft an? Die Arbeiten in Rotterdam und Wisconsin wurden vom staatlichen US-Gesundheitsinstitut NIH finanziert.  Und auch in der öffentlichen Forschung halten Wissenschaftler schon einmal still: Ich selbst habe unmittelbar miterlebt, als das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg in Bier gehörige Mengen von krebserregenden Nitrosaminen entdeckte. Ein halbes Jahr hielten die Wissenschaftler ihre Ergebnisse unter der Decke – bis die Brauereien neue Herstellverfahren entwickelt hatten um die Nitrosamine zu vermeiden. Ob das gerechtfertigt war? Darüber kann man trefflich diskutieren. Die Risiken von Super-Viren im Eigenbau dagegen sind kein Diskussionsthema: Manchmal ist Schweigen die bessere Kommunikation. Auch dazu muss man Wissenschaftlern in den passenden Fällen raten.

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