Streit bei den Medizinjournalisten – wo endet Journalismus?

Posted on 5. April 2012

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Medizin- und Wissenschaftsjournalisten vor Ort, hier bei der Wissenswerte in Bremen. Foto:Wissenswerte

Journalisten sind für Forschungssprecher wichtige Ansprechpartner (nicht die wichtigsten!). Und wenn es bei denen rumort, heißt es ganz genau zuzuhören, vor allem wenn die eigene Profession der Kommunikatoren davon betroffen ist. Und hier geht um die Abgrenzung von Journalismus und PR.

Seit gestern gibt es heftige Auseinandersetzungen bei den Medizinjournalisten. Anlass dafür ist die bevorstehende Vereinigung der drei bestehenden Verbände (Arbeitskreis Medizinpublizisten, Kollegium der Medizinjournalisten, Vereinigung Medizinische Fach- und Standespresse) zum „Verband der Medizin und Wissenschaftsjournalisten“ (man beachte die Wortwahl, die Perspektive reicht offensichtlich über die Medizinjournalisten hinaus). Natürlich mussten bei den jahrelangen Verhandlungen Kompromisse geschlossen werden: Die Mitgliederstrukturen sind unterschiedlich – der „Arbeitskreis“ erlaubt nur hauptberufliche Journalisten, in der „Vereinigung“ sind auch Hochschullehrer, die nebenher ein Fachblatt redigieren oder Kommunikatoren aus der Pharmabranche. Und natürlich kommen alle Eifersüchteleien wieder aufs Tapet: Ich war selbst dabei, als sieben „Aufrechte“ vor etwa 35 Jahren aus dem „Kollegium“ austraten und den „Arbeitskreis“ gründeten.

Worum geht der Streit bei den Medizinjournalisten? In den E-Mails, die seit gestern im „Arbeitskreis“ zirkulieren, dreht sich alles um die Vermischung von Journalismus und Public Relations. Kaum ein Freier – und da unterscheiden sich die Medizinjournalisten nicht von ihren Kollegen aus der Wissenschaft – kann heute noch ohne „Nebeneinnahmen“ aus PR-Aufträgen leben. Doch wo ist die Grenze? Wieviel PR darf sein, wieviel Journalismus muss? Sind Themen aus der eigenen PR gesperrt für alle journalistische Verwertung, was ist das überhaupt genau „Journalismus“?

Die Fragen sind längst bekannt, aber auch, dass die Antworten notgedrungen vage bleiben müssen, weil sie eher vom eigenen Gewissen als von justiziablen Regeln bestimmt

Regeln für Journalismus und PR - die "Standards" des Arbeitskreises Medizinpublizisten.

sind. Die Argumente in den Mails aber sind so doktrinär, das einzelne bereits ihren Austritt verkündeten. Doch warum zerstreiten sich die Medizinjournalisten jetzt? Geht es um den alten Krieg zwischen Journalismus und PR, oder doch nur um die Beruhigung des eigenen Gewissens? Vor allem Journalisten geben sich da ja oft wie alte Ehepartner, sobald nur das Thema PR auftaucht: Absolut voneinander abhängig und dennoch voller Argwohn.

Was wären denn Journalisten ohne ihre Kollegen auf der anderen Seite des Tisches? Von den wichtigsten Entwicklungen wüssten sie wahrscheinlich nicht einmal, denn über 80 Prozent aller Themen in Zeitungen, so eine Studie, gehen auf PR-Aktivitäten zurück. Ja selbst aus den gängigen Fachjournalen tauchen nur noch die per Pressemitteilung verbreiteten News in den Medien auf. Zum Selberlesen und Recherchieren bleibt gerade in ausgedünnten Randressorts wie Medizin und Wissenschaft doch kaum mehr Zeit, noch weniger bei den schlecht bezahlten freien Mitarbeitern. Mehr als die Hälfte aller Wissenschaftsmeldungen zitieren nur eine Quelle, wenn überhaupt.

Natürlich informieren Kommunikatoren interessengebunden. Und hoffentlich versuchen Journalisten, so gut es geht, dies offenzulegen und zu hinterfragen. Kein Mensch ist objektiv, auch nicht die Mediziner oder Wissenschaftler, und ebensowenig Journalisten oder PR-Leute. Es ist ein professionelles Rollenspiel zwischen Journalismus und PR. Und wer dieses Spiel offen akzeptiert, sich an die Regeln hält und ehrlich damit umgeht, der kann sogar in einer Person für beide Seiten stehen.

Transparenz ist das Entscheidende. Praktikable Regeln hat sich der Arbeitskreis Medizinpublizisten selbst mit den Standards für Medizin- und Wissenschaftsjournalisten gegeben. Mehr braucht es eigentlich nicht.

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