Raritäten oder gebratene Tauben? – Wie ticken Journalisten?

Posted on 30. April 2012

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Zahllose Informationskanäle stehen in Konkurrenz. Bild: news aktuell

Wie ticken Journalisten? Die entscheidende Frage für eine zielgerichtete Pressearbeit. Sind sie faul, anspruchsvoll und böswillig? Manchmal könnte man den Eindruck gewinnen, am liebsten hätten sie es, wenn ihnen die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, vulgo die fertigen Geschichten samt Headline und Bebilderung bzw. Film ins Redaktionssystem flattern. Doch wenn man dann gestandene Wissenschaftsjournalisten hört, die sich darüber beschweren, dass sich Forschungssprecher zwischen sie und die Wissenschaftler drängen, die am liebsten nur die Originalveröffentlichungen lesen, die schon jede Mitteilung einer Pressestelle als Konkurrenz für ihre eigenen Recherchen empfinden (und dann sich ihre Tagesordnung doch durch Pressreleases von „Science“ und „nature“ bestimmen lassen).

Sandra Liebich von news aktuell. Bild news aktuell

Die Einzeläußerungen sind voller Widersprüche. Sandra Liebich, Projektmanagerin ots beim PR-Dienstleister „news aktuell“ hat 1412 Journalisten online dazu befragt und jetzt in München die Ergebnisse präsentiert. Es ging nicht nur um die Ansprüche an Pressestellen, sondern auch – was fast noch spannender ist – um ihre Recherchegewohnheiten. Erstes Ergebnis: Ein wenig ist dran an den gebratenen Tauben, wohl mehr wegen Zeitdruck und geringen Personalkapazitäten in den Redaktionen – auf jeden Fall sind Journalisten, die ohne Anregung und Hilfe von Dritten nur Originalquellen lesen möchten, zumindest eine extreme Minderheit: Drei Viertel der befragten Journalisten erwarten von Pressestellen nicht nur vorbereitete Pressetexte, sondern zugleich auch Bilder, Links zu Hintergrundinformationen und ähnliche Dienstleistungen. Die Anspruchsskala im Detail: 85 Prozent wollen mit dem Text auch Bilder bekommen, 76 Prozent auch weiterführende Internet-Links, 72 Prozent erwarten PDFs mit Hintergründen und 69 Prozent auch Infografiken zur Pressemeldung. Videos und Audiomaterial sind dagegen mit 25 und 17 Prozent eher weniger gefragt. Die Details finden Sie hier.

Es ist sicher kein Zufall, dass genau dies genau das Dienstleistungsspektrum von „news aktuell“ umfasst, einer dpa-Tochter, die die direkten Drähte ihrer Mutter in die Redaktionen als Dienstleister vermarktet. Die Wünsche der Redakteure scheinen sie jedenfalls damit zu treffen. Immerhin setzen 69 Prozent der Befragten Journalisten PR-Bilder regelmäßig redaktionell ein (mindestens einmal in der Woche). 59 Prozent nutzen die mitgelieferten Links, und 53 Prozent schauen in die Hintergrundinformationen. Eigene Recherchequellen sind in der Minderheit. Die redaktionelle Nutzung der PR-Infografiken ist trotz der großen Nachfrage mit 34 Prozent eher bescheiden.

Das Internet ist unentbehrlich: Recherchegewohnheiten von Journalisten. Billd: news aktuell

Und die Recherchegewohnheiten, wenn die Journalisten eigene Stories schreiben? Dann ist natürlich das Internet unentbehrlich: 78 Prozent schreiben erst einmal E-Mails oder suchen – wo wohl? – in Google. Ein Beispiel mehr, welche Informationsmacht Goggle inzwischen ist. Erstaunlich hoch ist die Nutzung eigener Archive: 55 Prozent geben an, sie täglich zu benutzen, dabei kann man zweifeln, wo sie – außerhalb der großen Verlagshäuser – überhaupt noch existieren. 52 Prozent greifen auf die Meldungarchive der Nachrichtenagenturen zu, 32 Prozent gehen direkt auf Unternehmenswebsites und 26 Prozent gehen in Portale mit Presseinformationen. Höchst merkwürdig ist schon, dass – zumindest nach dieser Umfrage – das Telefon und das persönliche Gespräch bei der Recherche gar nicht mehr vorkommen.

Eines immerhin macht diese Studie von „news aktuell“ klar: Journalisten sind auch nur Menschen. Und wenn sie unter Zeitdruck stehen, dann nutzen sie den einfachsten und schnellsten Weg, um ihren Lesern, Zuschauern oder Usern eine ordentliche Story zu bieten – und die ist meist von Kommunikatoren vorbereitet. Auch wenn die Zahlen einige Fragen aufwerfen: Diejenigen, die Recherchen anpacken wie eine wissenschaftliche Arbeit, sich nur mit Originalquellen beschäftigen, alles zwei Mal gegenchecken – die sind entweder seltene Ausnahmen oder aber heuchelnde Selbstdarsteller. Die Hypokriten darf man getrost vergessen. Die seltenen Ausnahmen dagegen sind als Rarität wertvoll, die sollte man pflegen. Ein Ersatz für professionelle Pressearbeit aber ist das nicht.