Zauberlehrlinge? – Was sollen Wissenschaftler denn noch alles können?

Posted on 14. Mai 2012

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Zauberlehrlinge oder Meister? – Thesen zur Wissenschaftskommunikation aus der Hochschule Bremen

Früher waren es, wenn man unseren Märchen vertraut, die Zauberer, die alles möglich machten, die für jedes Problem – ob groß, ob klein – eine Lösung parat hatten. Sie konnten einfach alles, machten alles, machten vor allem alles selbst – bestenfalls der ungeschickte Zauberlehrling durfte ab und zu einmal dazwischenfunken.

Manchmal glaubt man, unseren Traum aus den Märchen müssen heute die Wissenschaftler erfüllen. Auch ihnen trauen die Menschen heute alles zu: zu allem fähig, zu allem ausgebildet, zu allem genügend Arbeitskapazität. Interessanterweise sind es gerade Menschen, die ganz nahe an der Wissenschaft sind, die eigentlich Wissenschaft am besten verstehen sollten, die das Netzwerk der Forschung mit all seinen Besonderheiten am besten kennen  – die diesem Traum besonders ausdauernd träumen, am nachhaltigsten die Wissenschaftler selbst.

Was sollen Wissenschaftler nicht alles können:

  • Die Grundregeln des Universums und ihres Fachs verstehen – kompliziert genug;
  • gute Forschung in ihrer Disziplin betreiben und das Geld dafür einsammeln – ganz schön kompliziert;
  • Studenten und Nachwuchsforscher in Theorie und Praxis gekonnt ausbilden – bestimmt nicht einfach;
  • ihre Forschungsergebnisse mit eigenen Kollegen austauschen – schon wegen der Reisen enorm zeitraubend;
  • komplexe, zum Teil riesige Maschinen für ihre Forschung bauen – vielfach komplizierter als ein Bürohochhaus;
  • und als wäre dies nicht genug, sollen sie auch noch intensiv mit der Gesellschaft kommunizieren, mit Politikern, mit Schülern, mit Journalisten, mit Bürgerintitiativen, mit jedermann – wer gute Kommunikation nur einmal in der eigenen Familie versucht, merkt schnell,  dass es kaum etwas komplizierteres gibt.

Journalistik-Professorin Beatrice Dernbach

Jedenfalls fordert dies Beatrice Dernbach, Professorin für Journalistik an der Hochschule Bremen, gerade heute in der „Süddeutschen Zeitung“, aber auch in ihrem Buch „Vom Elfenbeinturm ins Rampenlicht„. Ihr Argument: „Die Wissenschaftler haben zu legitimieren, wofür sie viele Millionen Euro ausgeben.“ Sie bedauert dabei die Forscher, die Nachteile in der eigenen Zunft in Kauf nehmen, lässt die Wissenschaftler mit Journalisten abrechnen, die an ihnen „ziehen“, und  beklagt den hohen Aufwand, die Medienarbeit für den Wissenschaftler erfordert. „Ihm fehlt diese Zeit, um zu forschen.“

Und die Wissenschaftlerin, die selbst einen Studiengang für Wissenschaftskommunikation anbietet,  merkt gar nicht, dass sie gleich eine Begründung mitliefert, weshalb das nicht funktionieren kann: Wer 130 bis 160 Medienaktivitäten pro Jahr unternimmt, Interviews, Fernsehauftritte, eigene Artikel, kommt schon aus zeitlichen Gründen nicht mehr dazu, all die Aufgaben zu bewältigen, die wir oben für einen guten Forscher geschildert haben. Wenn aber andererseits Wissenschaftler keine ordentliche Forschung machen, dann wird die Gesellschaft bald fragen, ob sie – trotz höchstem Unterhaltungswert in Hörfunk und Fernsehen – noch die vielen Millionen Euro wert sind, ganz abgesehen von den anderen Privilegien der Wissenschaft.

Es ist ein Irrweg, Wissenschaftler zu den Komunikatoren ihrer Forschung machen zu wollen. Natürlich brauchen die Medien Persönlichkeiten als Gallionsfiguren, die personifizieren, was Wissenschaft ausmacht. Aber die Gesellschaft braucht vor allem exzellente Forschung und die Wissenschaftler, die alles dafür tun. Auf der anderen Seite braucht Wissenschaft wirklich professionelle Kommunikation, nicht nur so nebenher. In unserer Medien-beherrschten Gesellschaft ist nur noch das etwas wert, was auch wahrgenommen wird. Wer da aber erst einmal „Pflichtbewusstsein“ von den Bürgern fordert oder von Journalisten, gleich welcher Ausrichtung,  wissenschaftliche Vorbildung, verschwindet bald im Nirwana der Nichtbeachtung.

Funktionieren kann professionelle Wissenschaftskommunikation nur, wenn auch in Deutschland Wissenschaftskommunikatoren professionell ausgebildet werden, wenn sie die besonderen Rahmenbedingungen der wissenschaftlichen Welt beherrschen, aber auch fähig sind, Kommunikation zu verstehen, zu planen und auszuführen, und wenn sie im Wissenschaftsbetrieb eine Rolle bekommen als Partner, Berater und Kommunikatoren der Forscher. Das Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation „NaWik„, wie es jetzt in Karlsruhe entsteht, ist da ein Hoffnungsschimmer.

In anderen Bereichen der Gesellschaft ist längst erkannt, welch wichtige Rolle die Außendarstellung und damit die professionellen Kommunikatoren in dieser Gesellschaft spielen, etwa in der Politik, in der Wirtschaft, im Sport oder in der Kultur. Schmalspurwissenschaftler, die gelernt haben, eine Reportage zu schreiben, genügen da sicher nicht. Dazu ist Kommunikation nun wirklich zu komplex (siehe oben).

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