Das Live-Projekt geht weiter – Die Farben der Kommunikation, Teil 13

Posted on 2. Oktober 2012

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Die Farben der Kommunikation – wie ein Spektrum des Lichts. (Grafik: Wikipedia)

Jeder, der sich intensiv mit einer Sache beschäftigt, baut sich bewusst oder unbewusst eine Theorie dazu auf. Sie mag von Theoretikern belächelt werden, für den Handelnden ist sie Richtschnur und Systematik,die ihm hilft, sich zurecht zu finden, seine eigenen Fragen zu beantworten – und natürlich auch die Fragen der anderen an ihn.

Meine Theorie ist die des „Spektrums der Kommunikation“. Da ich mich als Praktiker mit der Wissenschaftskommunikation beschäftige, musste ich einen Weg finden, all die verschiedenen Werkzeuge, Wege Erscheinungen und Prozesse der menschlichen Kommunikation einzuordnen. Ich tue dies, indem ich die Wirkung von Kommunikation mit dem Spektrum der sichtbaren Farben vergleiche.

Seitenlichtfasern

Das Live-Projekt geht weiter – Für HarzOptics professionell kommunizieren. Im Bild: Seitenlichtfasern.

Vom satten Violett bis zum tiefen Rot: die Farben gehen unmerklich ineinander über, dennoch markieren sie eine physikalisch distinkte Einheit, die Wellenlänge des Lichts oder aber eine Mischung von Wellenlängen. In der Kommunikation reicht dieses Spektrum vom einfachen Punkt im Morsealphabet bis zum Liebesakt zweier Menschen. Der Morsecode für „E“ transportiert nur einen Buchstaben, mehrere Morsezeichen schon so viel, dass erfahrene Funker am Rhythmus die Identität des Sendenden, ja selbst seine Stimmung erkennen, noch mehr transportiert eine Twitter-Nachricht, auch bewusst ausgedrückte Emotionen, schon sehr viel mehr ein Blogbeitrag oder ein Zeitschriftenartikel, ein Telefongespräch weniger als eine persönliche Begegnung, aber mehr als eine Postkarte. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen, da es ja unbegrenzt viele Wege der Kommunikation gibt, soviele wie Wellenlängen und Mischungen des Lichts. Soweit die Theorie eines Praktikers.

Ein Straßenleuchte in der Hand – Mit LEDs ginge das auch kleiner und eleganter.

Wie groß der Unterschied der Spektralfarben in der Kommunikation ist, habe ich vor zwei Wochen wieder erlebt, als ich meinen Partner im Live-Projekt, Christian Reinboth besuchte. Wir hatten uns vorher im Blog und in einigen E-Mails eigentlich alles erzählt, was wichtig war für unser Live-Projekt: Die Beratung zur Neuausrichtung der Öffentlichkeitsarbeit für sein An-Institut HarzOptics. Und dennoch kamen bei der ersten persönlichen Begegnung so viele neue Zwischentöne zum Tragen, wie sie in schriftlicher Kommunikation nie übermittelt werden können. Da geht es um Denkpausen und Tonlagen, um kurzes Zögern oder ein eingestreutes „man könnte auch“, um die persönliche Identifizierung des Sprechenden mit den Inhalten und um sein Lächeln ebenso wie um eine hochgezogene Augenbraue. In einem von Angesicht zu Angesicht gesprochenen Satz werden Sicherheiten und Unsicherheiten erkennbar, Unklarheiten durch das Zucken eines Gesichtsmuskel signalisiert, so dass der Andere unmittelbar darauf eingeht.

Ich habe bei diesem Besuch viel mehr über HarzOptics erfahren, als das jemals im Blog möglich gewesen wäre. Es ist schon etwas anderes, eine LED-Straßenleuchte selbst in der Hand zu halten, ihre Unförmigkeit und ihr Gewicht zu spüren, als nur davon zu lesen. Und es dient auch der Wissenschaftskommunikation:  Solange die LED-Lampen genauso plump aussehen wie ihre Vorgänger mit Glühlampen, wird man keine Chance haben, die Öffentlichkeit von ihrem innovativen Charakter zu überzeugen. Das sieht immer nur nach einem Wechsel der Glühbirnen aus. Auch Design ist Kommunikation, auch wenn es für ein kleines Institut einen Titanenaufgabe wäre, LED-Straßenleuchten mit neuem Design mit dem ganzen daran hängenden System zu entwickeln und möglicherweise sogar in den Markt einzuführen. Da ist es pragmatisch, erst einmal herkömmliche Lampengehäuse zu kaufen und die LEDs einzubauen.

Der Eingang zum Gründerzentrum Wernigerode – Der Sitz von HarzOptics.

Christian Reinboth  und ich, wir haben dreieinhalb Stunden eigentlich nur über Dinge gesprochen, die wir beide schon wussten, über die Produkte und Strategien von HarzOptics. Doch wir haben – weil es so spannend war – das geplante Mittagessen vergessen und die Schönheiten von Wernigerode. Am Ende aber hatten wir beide den Eindruck, die gegenseitigen Perspektiven und Absichten noch besser zu kennen, inklusive der Argumente, der möglichen Stolpersteine, der Chancen. Und wir haben gemeinsam beschlossen, das Live-Projekt mit einzelnen Projekten fortzuführen – Projekte, die ganz unterschiedliche Anforderungen an die Kommunikation stellen. Doch davon am kommenden Dienstag mehr.

Die Begegnung war für uns Anstoß und Motivation zugleich. Die eindringlichste Blog-Diskussion kann eben ein persönliches Gespräch nicht ersetzen – eigentlich eine Selbstverständlichkeit.  Dafür bieten die neuen Farben in der Kommunikation, die sich mit dem Internet ergeben, ganz andere Vorteile: Christian Reinboth und ich, wir wären uns nie begegnet, hätten nie erkennen

Wernigerode – eine reizvolle Stadt auch im Glühlampenschein (Foto: Werningerode-Toursimus)

können, dass es da gemeinsame, sich ergänzende Interessen gibt, die Zusammenarbeit über ein halbes Jahr hat reibungslos funktioniert , bei vertretbarem Aufwand (der Besuch in Wernigerode war immerhin eine 1.400-Kilometer-Reise – glücklicherweise auch aus anderen Gründen) – und profitieren davon konnte nicht nur HarzOptics, sondern auch alle Leser des Blogs „Wissenschaft kommuniziert“. Doch es soll nur niemand glauben, es funktioniere alles ausschließlich über das Internet. Die Kommunikation kennt viele, viele Farben, die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung bringen ständig neue dazu. Doch keine Farbe ersetzt eine andere.

Medien nehmen heute einen breiten Raum des Kommunikationsspektrums ein, emotionale Werte aber sind in einer persönlichen Begegnung immer besser zu transportieren. Aber auch das sind keine neuen Erkenntnisse für Kommunikatoren, es ist nur manchmal wichtig, sie sich bewusst zu machen, etwa wenn es darum geht, gezielt persönliche Kontakte zu pflegen oder den Medieneinsatz zu planen. Dann geht es um die Vorzüge und die Grenzen der neuen und der alten Kommunikationsformen. Noch nie hat eine neue Kommunikationsform die alten ersetzt. Auch das Internet wird das nicht schaffen. Unverzichtbar ist es aber schon heute.

Am nächsten Dienstag im Live-Projekt: Zwei konkrete Projekte – wer die Wahl hat, hat die Qual.

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