Auf Augenhöhe – Was Wissenschaft von Wirtschaft lernen kann

Posted on 25. Oktober 2012

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Jonathan Borofskys „Walking Man“ vor der Munich Re – Ein Symbol für Dynamik oder Unruhe? (Foto: Jens Weber)

So kann man sich täuschen: So weit, wie ich immer vermutet habe, ist auch die Kommunikations-mächtige und finanzkräftige Wirtschaft nicht. Das ist jedenfalls meine Schlussfolgerung aus einem Abend mit der Berliner Quadriga-Hochschule, die im Moment auf  Tingeltour durch Deutschland ist. Zwei ihrer Dozenten, Prof. Henning Herzog und Prof. Christopher Storck warben gestern in München im Haus der Munich Re um Studenten für diese Privat-Hochschule für Kommunikation vor allem mit dem Argument: Wenn Kommunikatoren auf Augenhöhe mit den Wirtschaftsbossen reden wollen, dann müssen sie auch etwas von Unternehmensführung und Management verstehen, ja sogar die Sprache der Manager sprechen.

Erinnert Sie das an etwas? Natürlich: Ersetzen Sie Wirtschaft durch Wissenschaft und Management durch Forschung – und schon haben wir die Situation, vor der Wissenschaftskommunikatoren ständig stehen. Immerhin mit dem Unterschied, dass es für die Wirtschaft eine Vielzahl von Ausbildungsmöglichkeiten in Kommunikation und PR gibt, zum Teil sogar an Hochschulen – für die Wissenschaft dagegen kaum etwas Vernünftiges.

Prof. Henning Herzog, Quadriga-Hochschule

Prof. Christopher Storck, Quadriga-Hochschule

Das Programm der Informations- und Werbeveranstaltung hatte ein attraktives Format. Statt langatmiger Vorträge führten die beiden Professoren ein Rollenspiel auf: „Zwiegespräch in vier Akten“ nannte das die Einladung, was dann zwar nicht stimmte (es waren fünf Akte plus Intermezzo und Abspann – aber wen interessieren diese Fakten schon, wenn die Einladung attraktiver wird?), was aber wirklich kurzweilig, anschaulich und ausgesprochen informativ wurde waren im Rollenspiel die Zwiegespräche zwischen Kommunikator und Unternehmensboss, von denen mir einige Sätze, Weisheiten und Wahrheiten hängen geblieben sind, die ebenso auf die Situation eines Forschungssprechers passen:

  • Das Wichtigste gleich vorweg: Welche Stellung der Kommunikator einnimmt hängt vor allem davon ab, dass der Kommunikationsmanager seine Verantwortung für das Unternehmen (vulgo:  das Institut) erkennt, sie für sich annimmt und sie auch gegenüber seinen Chefs aktiv wahrnimmt (Herzog).
  • In weiten Teilen des Managements (vulgo: der Wissenschaftler) fehlt die Erkenntnis, dass Kommunikation ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit ist. Unternehmenskommunikation (vulgo: Wissenschaftskommunikation) ist daher nicht eine nachgelagerte Vermittlung, sondern Teil ihrer Kernaufgabe (Storck).
  • Früher war Kommunikation eine Einbahnstraße: Entscheidungen (vulgo: Forschungserfolge) wurden der Öffentlichkeit vermittelt. Heute geht es bei der Kommunikation um Reputation, um die „gesellschaftliche Betriebserlaubnis“. Jedes Mitglied einer Organisation trägt zu ihrer Reputation bei, daher die Bedeutung auch der internen Kommunikation. Reputation bedeutet aber auch, auf Strömungen und Befindlichkeiten in der Gesellschaft zu hören und sie frühzeitig und aktiv in die eigenen Entscheidungen mit einzubeziehen (Storck).

Ich denke, angesichts der Entwicklung unserer Gesellschaft zu einer Partizipationsgesellschaft (siehe den Gastbeitrag Meyer-Guckel: „Wie Wissenschaft kommunizieren sollte“) ist auch für die Wissenschaftskommunikation die Einbahnstraße „Wir erklären Euch“ bald zu Ende. Heute reden bereits Blogs, Politiker und Medien bei der Qualität von Doktorarbeiten mit. Weitere Privilegien der Wissenschaft werden sicher bald zur Disposition gestellt. Partizipation ist die wahre Bedeutung der Kommunikation in Internet und von Web 2.0, nicht aber wie viele Menschen dort zu erreichen sind.  Bis Forschungssprecher auf Augenhöhe mit ihren Wissenschaftlern über diese Herausforderungen sprechen können, wird sicher noch eine lange Entwicklung notwendig sein. Viel Zeit ist nicht. Es ist auch keine Frage des Geldes, sondern der Einstellung. Die Wirtschaft ist – abgesehen von vielleicht einigen Großkonzernen– allerdings auch noch nicht so weit.

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