Etwas benommen – doch die Wissenswerte lebt!

Posted on 30. November 2012

1


Wissenswerte2012

Die Wissenswerte 2012 in Bremen – von den Toten auferstanden.

Reiner_Blog_miniIch war in meinem Leben auf unzähligen Kongressen. Kaum jemals aber bin ich so gespannt zu einer Tagung gefahren, wie dieses Jahr nach Bremen zur Wissenswerte, dem Kongress der Wissenschaftsjournalisten. Wie würde die Wissenswerte Siechtum, Fast-Ableben und die Wiederaufstehung innerhalb eines Jahres verdauen (siehe „Na endlich! – Wissenswerte 2012 vom 26.-28. November“ und viele Posts vorher)? Ist sie die Selbe, wie zuvor? Ist sie immer noch der Marktplatz der Branche Wissenschaftskommunikation, wo sich Journalisten und Forschungssprecher treffen, miteinander kommunizieren, wo unzählige persönliche Begegnungen – geplant und ungeplant – aufwändige Redaktionsrundreisen, Telefonate und E-Mails ersetzen? Und wo vor allem die Kommunikation von Forschern (zahlenmäßig weniger), Forschungssprechern und Wissenschaftsjournalisten von Angesicht zu Angesicht stattfindet? Auch in Zeiten des Web2.0 notwendige Voraussetzung, dass sie den Rest des Jahres gut funktioniert.

Die gute Botschaft: Die Wissenswerte funktioniert. Zwar war die Zahl der Teilnehmer geringer als in den letzten Jahren – nicht mehr ausgebucht; zwar war das Programm der Sitzungen und Diskussionen eher langweiliger als in den letzten Jahren – es blieb ja auch weniger Zeit und Kapazität zur Vorbereitung. Doch die Finanzierung für die nächsten Jahren steht, es gibt also nicht nur diese, sondern mindestens vier weitere Wissenswerte bis zum Jahr 2016. Das Wichtigste aber: Die Atmosphäre stimmt wie eh und je.

Die Wissenwerste – für all diejenigen, die noch nie da waren – ist keine Konferenz, wo man von Vortrag zu Vortrag hetzt um Neuigkeiten zu erfahren. Hier geben Vorträge und Diskussionen Einblicke in Entwicklungen und Hintergründe, von denen man sonst bestenfalls die Ergebnisse wahrnimmt, helfen beim persönlichen Einordnen, vor allem aber bleiben Pausen und Rahmenveranstaltungen, um Leute zu treffen, die man sonst nur aus der Autorenzeile kennt oder von ihrer E-Mail-Adresse, mit denen man schon lang wieder reden wollte oder mit denen sich im Austausch neue Projekte ergeben. Sie ist eben ein Treffpunkt und Jahrmarkt der Kontakte und Anregungen, auf den man kaum verzichten kann, da man den Rest des Jahres als Forschungssprecher sonst wenig mit Journalisten zusammentrifft oder da man als Freier mit wenig Kontakt zu Kollegen in seinem eigenen beruflichen Raumschiff schwebt.

Männerquartet - Die Forschungssprecher des Jahres 2012 (v.r.) R. Dreier, C. Böhme, MWJ-Chefredakteur R. Korbmann, M. Finetti. Foto: Rathke

Männerquartet – Die Forschungssprecher des Jahres 2012 (v.r.) R. Dreier, C. Böhme, MWJ-Chefredakteur R. Korbmann, M. Finetti. Foto: Rathke

Das war auch dieses Jahr wieder so. Im Mittelpunkt der Kongressarchitektur wieder der große Saal mit Kaffee- und Wasserbar und dem Mittagbuffet – ein idealer Platz für gezielte und zufällige Begegnungen. Darum herum die Ausstellungsstände der Forschungsinstitute oder –organisationen, ein Platz für das Pläuschchen zwischendurch. Und erst am Rande dann die Kongressräume, wo Diskussionen, Vorträge und alle möglichen Zusatzveranstaltungen stattfinden, von der Ankündigungs-Pressekonferenz zum Jahr der Wissenschaft 2013 bis zur Verleihung der Urkunden an die Forschungssprecher des Jahres 2012.

Trotz des mageren Programms doch auch zwei sehr spannende Sitzungen: Eine – mit eher abschreckendem Titel („Dual Use“- was ist das?) – zu einem aufregenden Thema, das Wissenschaftsjournalisten in Deutschland eher verschlafen haben: Die zunächst verhinderte Publikation des „Kochrezepts“ für ein möglicherweise humanpathogenes Vogelgrippe-Virus (siehe „Risikofaktor Forscher – Die Super-Viren“), das weltweite Katastrophen hätte auslösen können. Hier berichtete Martin Enserink von „Science“, wie die Sucht von Forschern, ihre Arbeit als spektakulär (hier:supergefährlich) darzustellen, für sie selbst und ihre Glaubwürdigkeit ins Unglück führt. Und eine andere Sitzung zu den letzten Gen-Mais-Befunden aus Frankreich, wo die Medien vor dem Dilemma standen, etwas sagen zu müssen, aber selbst die Fachleute bei der Beurteilung ihnen keine Hilfe waren. Heute, zwei Monate später, nach einer EU-Studie, wissen es alle natürlich besser. Aber so lange können Journalisten nun einmal nicht warten. Also was tun?

Fazit: Die Wissenswerte lohnt sich absolut weiterhin, für Forschungssprecher wie für Wissenschaftsjournalisten. Gerade auch in Zeiten des Web 2.0. Sie ist kräftig, frisch und anregend.

Andrea Rohde von der Messe Bremen.

Andrea Rohde von der Messe Bremen.

Zu verdanken ist dies dem Engagement der Wissenschaftsjournalisten der WPK, der Messe Bremen, des Lehrstuhls für Wissenschaftsjournalismus in Dortmund und natürlich den Sponsoren, die letztendlich die Zukunft gesichert haben. Es scheint der Wissenswerte sogar so gut zu gehen, dass sie Reisepläne hat: Alle drei Jahre, so verriet Bereichsleiterin Andrea Rohde von der Messe Bremen, könnte die Konferenz der Wissenschaftsjournalisten Bremen verlassen und – organisiert von bewährten Händen – anderswo in Deutschland tagen. Zwei konkrete Orte sind bereits im Gespräch, Andrea Rohde verriet allerdings nicht, welche.

Advertisements