Zukunftsvisionen – Wenn Kommunikation die Freiheit der Wissenschaft sichert

Posted on 5. Dezember 2012

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Diskussionen, Zuhörer, Visionen - Das Forum Wissenschaftskommunikation in Dresden. (Foto:WiD)

Diskussionen, Zuhörer, Visionen – Das Forum Wissenschaftskommunikation in Dresden. (Foto:WiD)

Seit Jahren ist mein persönliches Credo: Wissenschaft muss professionell kommunizieren. In diesem Blog finden Sie zahllose Belege dafür. Doch inzwischen wird mir immer klarer, dass Kommunikation zum Schlüsselfaktor für die Existenz und die Erfolge der Wissenschaft wird, jedenfalls der Wissenschaft, wie wir sie heute kennen und wünschen. Denn immer stärker werden die Versuche, Wissenschaft von außen zu instrumentalisieren, ihr die Privilegien zu beschneiden, die sie aus gutem Grund hat. Das wichtigste dieser Privilegien ist zweifellos die wissenschaftliche Freiheit, selbst zu bestimmen was sie forscht, welche Mittel sie für welche Fragestellungen einsetzt, welche Instrumente sie nutzt, um diese Fragestellungen zu klären. Doch diese Freiheit gilt es zu verteidigen, wie alle Privilegien in einer nach Gerechtigkeit strebenden Gesellschaft: durch gute Argumente für diese Vorrechte, vor allem durch einen offenen, aktiven gesellschaftlichen Disput, der natürlich auch die Argumente der Gesellschaft mit einbezieht – und damit sind wir bei der Kommunikation. Wissenschaft ist Teil der Gesellschaft und muss sich folglich wie ein wichtiger Teilbereich dieser Gesellschaft verhalten, die ihre Interessenskonflikte durch Diskurs und Mehrheitsentscheidungen löst, also durch Austausch und Überzeugung.

Dr. Volker Meyer-Guckel

Dr. Volker Meyer-Guckel

Dies als kurzer Prolog (mehr dazu in meinem Thesenpapier Wissenschaftskommunikation) zur Abschlussdiskussion des Forums Wissenschaftskommunikation in Dresden, bei der – leider verspätet und nur für 30 Minuten – die Perspektiven der Wissenschaftskommunikation aufgezeigt wurden. Der stellvertretende Generalsekretär des Stifterverbands, Dr. Volker Meyer-Guckel gab in wenigen Minuten die Richtung der Diskussion vor: Mit der PUSH-Initiative vor 13 Jahren wurde viel erreicht, aber es war nur der Beginn einer wissenschaftsbegleitenden Kommunikation. Meyer-Guckel nennt das Wissenschafts-Marketing. Die Konzentration darauf in den letzten Jahren, so meint er, hinterlasse aber „blinde Flecken“, vor allem wenn man die Entwicklungen in der Gesellschaft in den letzten Jahren beobachtet. Sie läuft immer stärker auf eine Partizipation der Bürger an allen wichtigen Entscheidungen hinaus. Da ist es nur folgerichtig, dass die Grünen im Bundestag gerade einen Antrag eingereicht haben, der „die Mitwirkung der Bürger an forschungspolitischen Fragen“ fordert, berichtete Meyer-Guckel.

Markus Weißkopf

Markus Weißkopf

Seine Schlussfolgerung: Es darf nicht nur Wissenschaftskommunikation geben, die Forschung im Nachinein begleitet, also ihre Ergebnisse und Argumente darstellt, sondern „es muss eine Kommunikation geben, die der Wissenschaft vorausgeht, Transparenz schafft bereits in der Themenfindung der Forschung.“ Sonst kommen die Themen eines Tages von außen auf die Wissenschaft zu. Bürger-Dialogforen seien ein ester Annäherungsschritt, aber noch nicht die Lösung. Neue Kommunikations-, Dialog- und Partizipationsformate müssen aktiv gesucht werden.

Florian Freistetter, Autor von "Astrodicticum simplex"

Dr. Florian Freistetter

Markus Weißkopf, seit einem Jahr Geschäftsführer von Wissenschaft im Dialog (WiD), der Agentur der großen Forschungsorganisationen und in den letzten Jahren eine wesentliche Säule der PUSH-Aktivitäten, war erst einmal etwas ratlos: Wir lernen gerade in Sachen Bürgerbeteiligungs-Formate, probieren, evaluieren, suchen, was wirksam ist. Zugleich forderte er Rahmenvorgaben der Politik, um sicher zu sein, dass Bürgerdialoge dann auch gesellschaftliche Konsequenzen haben. Später zog er sich darauf zurück, dass WiD die Bürgermeinung lediglich abfragen und dann an die Entscheidungsgremien der den WiD tragenden Forschungsorganisationen weitergeben könne.

Forschungsblogger Dr. Florian Freistetter, selbst lange Jahre aktiver Astrophysiker, heute Autor und Blogger, beklagte, dass Kommunikation in der Wissenschaft noch immer schlecht angesehen ist. Öffentlichkeitsarbeit, Lehre, Blog oder Buch spielen für die Karriere von jüngeren Wissenschaftlern keine Rolle, im Gegenteil: „Mit Wissenschaftskommunikation verbaut man sich die Karriere.“ Solange nur die Forschungsleistung zähle, könne man nicht erwarten, dass jüngere Forscher sich in der Kommunikation engagieren.

Droht die Wissenschaft die Anforderungen zu verschlafen, die aus der Gesellschaft an sie gestellt werden? Denkt das System der Forschungsorganisationen und –institutionen überhaupt über die gesellschaftliche Rolle der Wissenschaft bei zunehmender Bügerpartizipation nach? Oder hält man die jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen nur für einen Hype, hofft auch für die Zukunft auf die schützende Hand der Mächtigen, die es für sie richten werden? Meyer-Guckel: Die ständig zunehmende Partizipation ist ein gesellschaftlicher Trend, der nicht so schnell stehen bleiben wird. „Es geht darum, dass Wissenschaft anschlussfähig bleibt an die anderen gesellschaftlichen Diskurse.“ Oft fänden ja ähnliche Diskurse in der Wissnschaft selbst statt, würden aber nicht transparent. Und Markus Weißkopf ergänzte: „Wir müssen an unsere Entscheider ran, wir müssen ihnen klarmachen, wie wichtig Kommunikation für die Zukunft der Wissenschaft ist.“ Meyer-Guckel direkt dazu: Dann wär es aber auch hilfreich, wenn diejenigen, die etwas von Kommunikation verstehen, in den Entscheidungsgremien vertreten sind.“

Bei der Zukunft der Wissenschaft in Deutschland geht es nicht um Blogs, Twitter, um Science Media Center, Science Center und andere Initiativen, es geht vor allem um die Einsicht und die Haltung der Wissenschaftler zur Kommunikation und zum Diskurs mit der Gesellschaft sowie um den Einfluss und den Rang, die Kommunikatoren in Zukunft in der Wissenschaft haben.