Sprechende Zahlen – Wissenschaftler als Twitterer

Posted on 6. Dezember 2012

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Tweet-Wordle

Worte aus Twitter-Nachrichten zum Forum Wissenschaftskommunikation – Dank Wordle.

Reiner_Blog_miniZahlen, Zahlen, Zahlen… Manchmal glaubt mans gibt zuviele davon auf dieser Welt. Und dann stößt man wieder auf Zahlen, die eine ganze Welt erhellen, zum Beispiel die Twitterstudie von Marc Scheloske, Blogger der ersten Stunde auf der Wissenswerkstatt. Ein harmloses Handaufheben am Beginn seines Vortrags beim Forum Wissenschaftskommunikation in Dresden hat gezeigt, wie wenige Forschungssprecher twittern –  wahrscheinlich ist der Kreis , die Twitter kennen, verstehen und nutzen nicht viel größer. Und mit einer ungeheuren Fleißarbeit, die erst zum Teil beendet ist, zeigt Marc Scheloske, was sie versäumen.

Scheloske stellte Zwischenresultate seiner Twitterstudie vor, verpackt in einen provokativen Titel: „Wieviel Wissenschaft passt in 140 Zeichen?“. Seine Antwort: „Genau 55 Prozent.“ Damit Frage wie Antwort keine Rätsel bleiben – auch bei den Twitter-abstinenten Kollegen – hier gleich die Auflösung: 140 Zeichen ist eine Twittermeldung (im Slang: Tweet) maximal lang und 55 Prozent aller Tweets von Wissenschaftlern haben tatsächlich einen Inhalt im Zusammenhang von Wissenschaft.

Marc Scheloske

Marc Scheloske

Marc Scheloske hat 600 Twitter-Accounts von Wissenschaftlern und Institutionen erfasst, dabei twitterten 330 Forscher persönlich, vom Doktoranden bis zur Forschungsgröße, 125 Universitäten, 70 Institutionen und 70 Medien im Umkreis der Wissenschaft. Bisher hat er von 20 persönlichen Wissenschaftler-Accounts insgesamt 2.000 Tweets ausgewertet, nicht nur gezählt, sondern sich die Inhalte angeschaut und sie kategorisiert – keine Sorge Datenschutzfreunde, Tweets sind öffentlich. Das Zwischenergebnis: 45 Prozent der Kurzmeldungen sind persöönlicher Natur, Smalltalk, Hinweise auf Privates, Befindlichkeiten, Links im Internet. Wissenschaftler sind schließlich auch Menschen! Doch die verbleibenden 55 Prozent sind durchaus für die Forschung relevant: Statements, Konferenz-Kurzberichte, Links zu wissenschaftlichen Informationen und Berichten, Links auf den eigenen Blog oder auch schlicht akademisches Alltagsgeschäft. Und – man staune – 18 Prozent drehen sich um hochfachliche wissenschaftliche Diskurse.

Eine ganze Reihe weiterer spannender Ergebnisse hatte Marc Scheloske vorzuweisen: Etwa wieviele Menschen die Tweets von Wissenschaftlern direkt erreichen (die Zahl ihrer Follower): im Durschnitt sind es 716. Die Universitäten haben natürlich mehr Follower, 1012, aber angesichts Tausender Studenten erscheint das eher wenig. Scheloske: „Studenten sind per Twitter nur begrenzt ansprechbar, sie sind bei Facebook.“ Twitter ist – neben dem Einsatz im Freundeskreis – vor allem ein Arbeitsinstrument, eine Möglichkeit, kurze Informationen gezielt an die Follower zu verbreiten, falls gewünscht auch an ganz spezielle Followerkreise. Journalisten machen sich dies mehr und mehr zu nutze, vor allem für Recherchen und zum Themenfinden, also eine Chance für Forschungssprecher, sie über Twitter zu erreichen. Und Twitter wird immer populärer: Scheloske registrierte zwischen Anfang und Ende 2012  einen Zuwachs der Tweets um bis zu 35 Prozent.

Ein wichtiges Zwischenergebnis von Scheloskes Twitterstudie noch: Einen Twitter-Freundeskreis aufzubauen braucht Zeit. „Nur Twitter-Accounts, die länger als drei Jahre existieren, haben mehr als 1.000 Follower“, berichtete er. Das bedeutet aber auch: Mit Twittern kann man nicht früh genug anfangen, auch wenn die zählbaren Erfolge erst Jahre später kommen. Schon heute rasen 500 Millionen Tweets pro Tag durch das Internet – nicht ziellos, sondern pointiert an die zählbare Zielgruppe der Follower, die jeder Absender anhand ihrer Profile kennenlernen, akzeptieren oder ablehnen kann. Ein grandioses Medium für kleine Zielgruppen, die sich aktiv im Internet bewegen. Der Zeitaufwand ist relativ gering, die Texte kurz, die Frequenz erträglich (Wissenschaftler senden im Durchschnitt nach Scheloske 2,84 Tweets pro Tag, Universitäten nur 0,68). Wir dürfen gespannt sein auf die endgültigen Ergebnisse seiner Twitterstudie, die Marc Scheloske im Februar oder März in der Wissenswerkstatt präsentieren will.

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