Vom Saulus zum Paulus? – Ein Klimaforscher und kritischer Journalismus

Posted on 17. Dezember 2012

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Klimaforscher Stephan Rahmstorf liebt kritischen Journalismus – aber nur bei den Gegnern. (Foto:PIK)

Man darf sich die Worte ruhig im Original auf der Zunge zergehen lassen. So hoch hat bisher kaum ein Wissenschaftler den kritischen Wissenschaftsjounalismus in den Himmel: „The media are the most important means by which lay people obtain their information about science. Good science journalism is therefore a decisive factor for the long-term success of modern society. Good science journalism clearly must be critical journalism, and it requires journalists who know what is what, who can put things into a perspective, and who are able to make well-informed judgements. After all, the role of science journalism is not simply to act as a ‚translator‘ who conveys the findings of scientists in a language understandable to lay people. Rather, good science journalism will provide the public with a realistic impression of what is well established in science and what are current ‚hot topics‘, uncertainties and controversies. It will also discuss the methods and social context of the scientific endeavour.” *(Übersetzung unten) Diese Sätze schrieb ein Wissenschaftler, der sich erst vor einem Jahr mit der kritischen, gut informierten und urteilenden Wissenschaftsjournalistin Irene Meichsner um die wissenschaftlichen Belege einer Aussage im Klimabericht des Weltklimarates (IPCC) so erbittert gestritten hat, dass er schließlich vom Landgericht Köln zur Unterlassung herabsetzender Äußerungen verurteilt wurde (siehe dazu in diesem Blog „Krieg um die Wahrheit – schlecht fürs Klima“. Es geht um den bekannten und renommierten Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung(PIK).

Rahmstorf schrieb das hohe Lob des kritischen Journalismus  jetzt in den Environmental Research Letters des britischen Institute of Physics unter dem provozierenden Titel „Scheitert Journalismus am Klima?“. Doch wer glaubt, hier sei Saulus zum Paulus geworden, wird nur wenige Sätze später eines Besseren belehrt: Kritik der Wissenschafsjournalisten möchte Rahmstorf nur an der Meinung der Andersdenkenden haben, an den Klimagegegnern. Seine Argumente sind nicht nur unwissenschaftlich, sondern zeigen auch, dass er aus den Auseinandersetzungen des letzten Jahres wenig über die Rolle und die Struktur der Medien gelernt hat. Da hält er etwa den Medien vor, dass in den USA nur wenige Menschen wissen, wieviele Klimaforscher davon überzeugt sind, dass der Klimawandel bereits begonnen hat. Als ob es wissenschaftlich relevant ist, dass über 95 Prozent der Klimaforscher so denken (beweisen lässt es sich ja trotz aller Fakten, die dafür sprechen, schon aus methodischen Gründen heute noch nicht). Wissenschaftlich richtig oder falsch ist auch keine Mehrheitsentscheidung, sonst hätte sich Einsteins Relativitätstehorie nie durchsetzen können. Und er führt zwei Beispiele für unkritischen Wissenschaftsjournalismus an, ohne auch nur mit einem Wort zu erwähnen, ob er von Wissenschaftsjournalisten oder von anderen Ressorts spricht, ob dahinter nicht eher handwerkliche Fehler stecken als mangelnde Kritikfähigkeit und Information, oder gar politische Rücksichtnahmen, die außerhalb der Redaktionen entschieden wurde. Der Klimaforscher pauschaliert und urteilt, ohne sich über das für ihn fremde Gebiet Medien informiert zu haben. Wenn das ein Journalist – kritisch – mit Rahmstorfs eigenem Fachgebiet Klimawandel tun würde…..

Was daraus folgt für die Wissenschaftskommunikation? Kaum ein anderes Forschungsgebiet hat so sehr von der Aufmerksamkeit der Medien profitiert wie die Klimaforschung. Ich selbst war einer der ersten Journalisten in Deutschland, die – vor bald vierzig Jahren – dieses Thema aufgegriffen haben. Leider ist der Lernfortschritt unserer Gesellschaft  – was den Klimawandel betrifft – anscheinend deutlich schneller als der von Wissenschaftlern, was Funktion und Bedeutung von kritischen Medien betrifft, selbst wenn sie verkünden, diese seien „most important“. Umso dringlicher zeigt dieser Fall, dass Wissenschaftler professionelle Forschungssprecher als Berater auf Augenhöhe brauchen, die sie davor bewahren, ausgerechnet die gesellschaftlichen Kräfte mit Vorwürfen zu verschrecken, auf die sie im Diskurs entscheidend angewiesen sind.

*) Nicht-autorisierte Übersetzung: „Die Medien sind der wichtigste Weg, auf dem Laien Informationen über Wissenschaft bekommen. Guter Wissenschaftsjournalismus ist daher ein entscheidender Faktor für den Langzeiterfolg einer modernen Gesellschaft. Und guter Wissenschaftsjournalismus muss ganz klar kritischer Journalismus sein, und er braucht Journalisten, die wissen, worum es geht, die Dinge in eine Perspektive stellen können, die fähig sind, die Dinge auf Grund der Fakten zu beurteilen. Vor allem sind Wissenschaftsjournalisten nicht einfach „Übersetzer“, die lediglich die Erkenntnisse von Wissenschaftlern in eine für Laien verständliche Sprache übersetzen. Vielmehr wird guter Wissenschaftsjournalismus der Öffentlichkeit einen realistischen Eindruck davon vermitteln, was in der Wissenschaft gut etabliert ist und was derzeit die „heißen Themen“, die Unsicherheiten und Kontroversen sind.“

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