Endlich die richtigen Fragen – und die Antworten?

Posted on 12. November 2013

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Voller Erwartungen: Organisatoren am Beginn des 6. Forums Wissenschaftskommunikation. (Foto:Korbmann)

Voller Erwartungen: Organisatoren am Beginn des 6. Forums Wissenschaftskommunikation. (Foto:Korbmann)

Reiner_Blog_miniEs ist gar nicht lange her, da bekam, wer mit einem Wissenschaftler über ein Kommunikationsprojekt sprach, die einfache Antwort, wenn er nach der Zielgruppe fragte: „Na, die Öffentlichkeit eben“. Das sollte sich inzwischen grundlegend geändert haben. Inzwischen, so hoffe ich, ist der Begriff Zielgruppe – und hoffentlich nicht nur der Begriff – endgültig im Sprachschatz der deutschen Wissenschaftskommunikation gelandet: Beim 6. Forum Wissenschaftskommunikation jedenfalls, das gestern nachmittag in Karlsruhe begann, stehen zum ersten Mal „Zielgruppen“ im Mittelpunkt: „Wen erreicht Wissenschaftskommunikation“. Und das ist wirklich ein abendfüllendes Thema. Und ein weiteres Thema steht an, vom Wort her viel länger bekannt, aber was dahinter steckt, offensichtlich immer noch nicht klar: Evaluation.

„Vielversprechend, endlich die richtigen Fragen“, war meine erste Reaktion auf das Programm. Doch was ich dann bei der Eröffnung in Karlsruhe erlebte ließ mich zweifeln: am Know-how der Veranstalter, wen sie sich als Referenten eingeladen hatten, am Verstand der Referenten, die sich selbst präsentierten ohne groß darüber nachzudenken, wen sie als Publikum (Zielgruppe!) vor sich hatten, und an der Professionalität der deutschen Wissenschaftskommunikation.

heinz-gerhard

Dr. Heinz Gerhard

Der Reihe nach: Nach einem witzigen Impulsvortrag des erprobten Metin Tolan zur Physik bei James Bond, der leider einige Längen mehr hatte als man es sonst von diesem begnadeten Hinterfrager-aller-Fiction gewohnt ist, trat  ans Rednerpult Dr. Heinz Gerhard, , seines Zeichens Top-Medienforscher des ZDF.

ZDF logo

„Meine Zielgruppe sind alle, die einen Fernseher haben.“ (Photo: Wikipedia)

Er brachte eine Tour d’horizon über die Stärken und Schwächen des Mediums Fernsehen, beleuchtete mit Medienforscher-Augen den Drang der Öffentlich-Rechtlichen zu den kleinen Spartenkanälen, verkündete einige Wahrheiten, etwa „Das Fernsehen taugt nicht zur Darstellung komplizierter Sachverhalte“, oder „Fernsehen ist wie mit der Schrotflinte zu schießen“, doch zur Auswahl von Zielgruppen, ihren Merkmalen, wie sie erreicht werden, wie sie funktionieren, wusste er kaum mehr zu sagen als „Meine Zielgruppe sind alle, die einen Fernseher haben.“

Das ist auch nicht verwunderlich. Der Mann sitzt auf der anderen Seite des Tisches als die Wissenschaftskommunikatoren und sprach nur über seine eigene Welt. Er analysiert das Programm, wer zuschaut, und definiert daraus Zielgruppen, die das Marketing dann an Werbekunden verkaufen kann bzw. kritisierenden Politikern: Wer schaut wann, welchen Programmtyp platziere ich wo.

Und empfahl am Ende allen ernstes Talkshows als die Sendeform im Fernsehen, in der sich noch am besten komplizierte Dinge rüberbringen lassen. Immerhin war er ehrlich, gab Einblicke in die Fernseh-Denke, wie ich sie selten so offen von TV-Leuten gehört hatte. Etwa: Je älter die Leute, umso länger schauen sie fern – je weniger gebildet umso länger, je älter und besser gebildet, umso mehr Informationssendungen schauen sie. Es ist also gar nicht leicht, jüngere Menschen im Fernsehen mit Wissenschaft anzusprechen, aber auch dazu gab er Tipps. Alles in allem: Es ist gut, die Medien zu kennen, also auch das Fernsehen. Dafür war dieses Referat bestens geeignet. Aber „Ziele und Zielgruppen in der Wissenschaftskommunikation“, wie angekündigt, brachte es nicht.^

leinfelder

Prof. Reinhold Leinfelder

Der zweite Plenarvortrag sollte sich „Zielgruppengenaue Formate in der Wissenschaftskommunikation“ darstellen. Man beachte den Plural! Denn tatsächlich beschäftigte sich Prof. Reinhold Leinfelder von der FU Berlin nur mit einem Format: dem Comic. Er hat für den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) das Hauptgutachten „“Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ in einen populären Comic übersetzt.

Comics leben von Reduktion: Prof. Leinfelder präsentiert seinen Comic.

Comics leben von Reduktion: Prof. Leinfelder präsentiert seinen Comic.

Es war bemerkenswert, mit wie viel Know-how aus den Kommunikationswissenschaften und der Pädagogik sich der Geoforscher Leinfelder die Kommunikationsgrundlagen für diesen Comic erarbeitet hat. Allerdings stellte sich die Frage, ob es genügt, viel Kommunikationswissenschaft zu betreiben, um einen guten Comic zu machen. Für mich waren die Informationen und die Zeichnungen zu wenig reduziert, zu verwirrend, um gegen Mangas und Disney-Comics bestehen zu können.  Da gibt es bessere (und schon viele Jahre alte) Beispiele für Wissenschaftscomics, etwa am CERN. Zielgruppenwissen hat Leinfelder bei allem Kommunikationstheoretischen allerdings nicht aufgebracht. Er überforderte seine Zuhörer ständig mit Soziologen-Slang. Fazit: Ein theoretisch sicher gut untermauertes, aber selbst für Kommunikationsprofis kaum verständliches Best-Practice-Beispiel. Immerhin brachte er einige Anregungen, wofür sich Comics in der Kommunikation verwenden lassen.

Prof. MIchael Decker

Prof. MIchael Decker

Und dann kam das Thema Evaluation – ein so außerordentlich wichtiges und dennoch bisher kaum beleuchtetes Thema der Wissenschaftskommunikation. Es sprach Prof.Michael Decker vom KIT in Karlsruhe, genauer vom ISTA-Institut (Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse). Sein Institut hat vor allem die Aufgabe, die Technology-Assessment-Aktivitäten für den Bundestag durchzuführen (früher hatte er dafür ein eigenes Büro). Er beleuchtete das Thema Wissenschaftskommunikation allein aus Sicht der Technologiefolgenabschätzung, wo sie benötigt wird und wo sie kontraproduktiv ist. Benötigt wird sie beispielsweise im Bürgerdialog, kontraproduktiv erscheint sie den Parlamentariern, wenn die Bürger zu sehr auf Dialog und Partizipation hingeführt werden, denn das würde ja ihre eigene Macht einschränken (die Münchner Olympia-Entscheidung ist ein gutes Beispiel dafür).

Immerhin, so sehr er die eigene Perspektive auf Wissenschaftskommunikation darstellte und so wenig Substantielles er im Grunde über Evaluation erzählte, wer zuhören konnte, nahm doch einige Weisheiten mit. Die wichtigste, dann auch in der Schlussdiskussion zentrales Thema, war folgende: Um wirkungsvoll ein Kommunikationsprojekt evaluieren zu können, muss man vor dem Beginn die Erfolgskriterien festlegen. Hinterher gilt es lediglich zu prüfen, ob sie erreicht sind. Hochschulsprecherin Dr. Elisabeth Hoffmann (TU Braunschweig) brachte das Problem in der Diskussion auf den Punkt: „Die größte Schwierigkeit ist es doch, überhaupt schon vorher Erfolgskriterien zu finden und festzulegen.“ Wenn nicht da, wann dann?

Ich würde ergänzen: Man sollte vorher auch noch abschätzen ob sich Aufwand und erwarteter Ertrag des Projekts die Waage halten und hinterher checken, ob dies so eingetroffen ist. Immerhin, der Aufwand, sprich Manpower und Geld, scheinen beim Technology Assessment nicht das entscheidende Problem zu sein. Der Auftraggeber – das Parlament – zahlt. Darauf angesprochen, wie denn nun die Zielerreichung in der Kommunikation mit der Öffentlichkeit geprüft werden kann, musste Prof. Decker allerdings passen: „Es tut mir leid, da kann ich ihnen auch nichts Konkreteres bieten.“

Fazit: Drei hochinteressante Themen, drei falsche Referenten. Sie waren ja gar nicht schlecht, aber sie waren die falschen. Bestensfalls kleine Brocken aus ihrem großen Informationskuchen sind verwertbar. Dabei hatten selbst die Veranstalter mehr erwartet (können sich aber sicher vom Zustandekommen dieses Debakels nicht freisprechen). Wie sagte doch Dorothee Menhart von Wissenschaft im Dialog zu Beginn: „Zielgruppen, das ist die wichtigste Frage, die wir uns jeden Tag stellen.“ Sie muss auf verwertbare Antworten noch warten.

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