Gemischte Gefühle – Eine erste Bilanz zum FWK

Posted on 14. November 2013

7


FWK_außen_IMG_0683_klein

Die Karlsruher Messe im Glanze des Forums Wissenschaftskommunikation – aber nicht alles hat geglänzt.

Reiner_Blog_miniEine vermurkste Eröffnung, einige erlebenswerte Highlights, eine ansehnliche Preisverleihung mit fetzigem Nachklang, viel Überflüssiges und ein fehlendes Konzept. So könnte – kurz formuliert – die Bilanz zum 6. Forum Wissenschaftskommunikation

aussehen, über das ich in den letzten Tagen ausführlich berichtet habe. Das Forum – daran besteht kein Zweifel – ist die wichtige Veranstaltung für die Wissenschaftskommunikation in Deutschland, nicht nur eine wichtige. Vor allem durch dieses jährliche Treffen, durch gemeinsam Vorträge erleben, mit Kollegen reden, Leuten aus der Branche begegnen, die man nur vom Namen her kannte, ist in den letzten fünf Jahren tatsächlich eine Community Wissenschaftskommunikation in Deutschland entstanden, die so wichtig für dieses Feld ist, wie die Luft zum Atmen. Alle wissen jetzt, andere haben ähnliche – oder vielleicht ganz andere Probleme, sie schwimmen in Vielem, sie ärgern sich über das Gleiche und man kennt sich und findet sich unter dem Stichwort Wissenschaftskommunikation zusammen. Das war vor fünf Jahren noch ganz anders. Ganz nebenbei – um dieses Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken – und unabhängig vom Forum – wurde auch dieser Blog gegründet (Ich hoffe, er trägt ein wenig zur Community bei). Das ist zweifellos ein großes Verdienst von Wissenschaft im Dialog.

Web-Videos eine Chance - Siegerfoto im Wettbewerb "fast forward science".

Web-Videos eine Chance – Siegerfoto im Wettbewerb „fast forward science“.

Das Forum Wissenschaftskommunikation ist also eine Veranstaltung, die nicht untergehen darf. Aber was sie dieses Jahr geboten hat, lässt Schlimmes befürchten. Im letzten Jahr hatte das Forum in Dresden inhaltlich endlich einen ersten Schritt geschafft von der vorherrschenden  „Best Practice“-Präsentation zur Diskussion von Werkzeugen der Kommunikation. Es blieb aber immer noch weit von den wichtigeren Themen entfernt. In diesem Jahr versprachen die Vortragstitel im Programm einen weiteren, notwendigen Schritt, etwa mit Titeln wie „Ziele und Zielgruppen in der Wissenschaftskommunikation“ oder „Zielgruppengenaue Formate“ oder „Evaluation in der Wissenschaftskommunikation“. Da erwartete sich jeder Konzepte, Anregungen für die eigene Arbeit, Hintergründe. Die Referenten waren eigentlich nicht schlecht, aber zu ihren Themen sagten sie gar nichts oder nur wenig: Fehlbesetzungen. Andererseits gab es etwa, versteckt in einer Parallelsitzung (mit dem Titel „Wie hält man eine alte Veranstaltung jung?“), ein hoch interessantes Referat zur Evaluation – ganz  im Gegensatz zum Reinfall bei der Eröffnung.

Er erntete einen Preis und Begeisterungsstürme: Youtube-Mathematikformeln-Rapper und -Blogger Johann Beurich.

Er erntete einen Preis und Begeisterungsstürme: Youtube-Mathematikformeln-Rapper Johann Beurich.

Nur zwei Beispiele von vielen Enttäuschungen und Fehlplanungen im Programm. Die Plenarvorträge etwa waren fast durchgehend Selbstdarstellungen von Projekten und Aktivitäten der Referenten, selbst wenn sie so spannende und umfassende Titel trugen wie „Wissenschaftskommunikation an Universitäten – Spagat zwischen Experiment und Wissenschaft“ (es ging dann um wissenschaftlich angereicherte Kochkurse für molekulare Küche und Absinth-Brennerei – Zielgruppenbeschreibung: Kochinteressierte). Oder: Was verstehen Sie unter Hochschulforschung? – Forschung an Hochschulen oder Forschung über Hochschulen? Gemeint war letzteres. Und dies naheliegende Missverständnis wird fatal, wenn es noch unterstützt wird durch den spannenden Titel „Welchen Beitrag kann die Gesellschaft für Hochschulforschung leisten?“, vor allem wenn man nicht merkt, das hier mit „die Gesellschaft“ eben nicht „die Gesellschaft“ sondern selbstreferentiell  „die Gesellschaft für Hochschulforschung“ gemeint ist. Missverständlich formuliert. Ganz generell: Die Referenten waren meistens gut (wie auch bei der molekularen Küche), aber entweder waren sie falsch gemischt, schlecht platziert, unter einem falschen oder missverständlichen Titel angekündigt oder sie hatten keine stringenten Themenvorgaben erhalten. All das fällt zurück auf den Veranstalter, seine inhaltliche Vorbereitung, seine Auswahl, seine Veranstaltungsdramaturgie (an der Ablauf-Organisation gab es dagegen nichts Wesentliches auszusetzen). Die Kritik fällt zurück auf Wissenschaft im Dialog (WiD).

Ergänzung: In die gleiche Kerbe schlägt auch Alexander in seinem Blogpost „Erneut ernüchternd: Das ‚Forum‘ 2013“ und macht sogar konkrete Vorschläge, wie es besser wäre.

WiD hatte ja wieder ein Bottom-Up-Verfahren für die Themenwahl praktiziert: Einreichung von Vorschlägen, ein Programmkomitee wählt aus, WiD erstellt das Programm und organisiert die Tagung. Hat also das Programmkomitee schlecht ausgewählt? Zumindest ohne sichtbares Konzept. Ich traf beim Forum einige Schwergewichte der deutschen Wissenschaftskommunikation, die Vorschläge zu konzeptionellen Themen eingereicht hatten, die aber komplett oder fast komplett abgelehnt wurden. Das Nawik etwa, das neue „Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation“ – mit Sitz vor Ort, dessen Konzepte durchaus diskutierenswert sind und jeder in der Szene möchte sie besser kennenlernen – hatte vier Vorschläge eingereicht, nur einer (Kommunizierende Wissenschaftler) wurde akzeptiert. (Diese Sitzung war dann aber sehr spannend, dazu in den nächsten Tagen mehr in einem eigenen Blogpost. Andere, die durchaus etwas  Wesentliches sagen können, brachten gar kein Thema durch. Um nichts zu verheimlichen: Auch ich hatte einen Vorschlag eingereicht, der ohne einleuchtende (vor allem wenn man jetzt die Tagung sieht) Begründung – nicht akzeptiert wurde. Aber ich zähle mich nicht zu den Schwergewichten.

Networken bei fetziger Gypsi-Musik: Beides funktionierte beim Forum Wissenschaftskommunikation.

Networken bei fetziger Gypsi-Musik: Beides funktionierte beim Forum Wissenschaftskommunikation.

Doch das Programmkomitee ist nicht an allem schuld! Die Zusammenstellung des Programms, das Ansprechen und Briefing der Referenten, die Überschriften zu den Sitzungen und Vorträgen, die Dramaturgie der Veranstaltung, das oblag dann dem  WiD. Und da fiel auf, dass mehrfach Mitarbeiter des WiD am Rednerpult standen und nicht nur moderierten oder einführten, sondern inhaltliche Vorträge hielten. Das ging in manchen Fällen gut, sehr gut sogar (etwa bei den Web-Videos) in anderen eher schief, etwa bei der Bürgerbeteiligung. Außerdem fiel auf, dass sich WiD-Geschäftsführer Markus Weißkopf gar nicht auf der Tagung zeigte. Wer ihm eine E-Mail schrieb, erfuhr aus dem Autoreply, dass er bis zum 3. Dezember verreist ist – klingt nach geplanter Abwesenheit. Und dann fiel auf, dass bei den Projektvorstellungen Ricarda Ziegler als  WiD-Mitarbeiterin einen Bericht über die Evaluation von 15 Bürgerbeteiligungsprojekten vorlegte.

Evaluations-Service WiD? Ich kannte WiD (seit seiner Gründung) eher so, wie es sich selbst auf der Website beschreibt: „Wir organisieren Dialogveranstaltungen, Ausstellungen oder Wettbewerbe und entwickeln neue Formate der Wissenschaftskommunikation.“ Solche Extratouren ohne Erklärungen wecken natürlich Spekulationen: Hängt das etwa mit den anderen Auffälligkeiten zusammen? Hat das Engagement für die Wissenschaftskommunikation nachgelassen, weil man das Ende der Wissenschaftsjahre nahen sieht, man aber Line-Extention in neue Geschäftsfelder vorbereitet? Oder hat man so viele Aufgaben gesammelt, dass man gar nicht mehr die Zeit findet, sich um den Kernbereich, die Wissenschaftskommunikation, intensiv genug zu kümmern?

Selbst wenn das so wäre: Da gibt es genug Leute im Lande, die eine Tagung wie das Forum Wissenschaftskommunikation inhaltlich und organisatorisch gut vorbereiten könnten. Denen kann man den Auftrag dazu geben. Ein Forum wie dieses, das Dramaturgie im Programm vermissen lässt, das  Enttäuschungen durch Fehlbesetzungen und -platzierungen produziert, das die Teilnehmer andererseits vor Rätsel stellt (wer kann sich schon unter dem Sitzungstitel „Meme für die Wissenschaft“ – ohne zusätzliche Erläuterungen etwas vorstellen, die deutsche Wikipedia kennt unter diesem Stichwort nur einen Bezirk in Kamerun), der macht eine Tagung auf  Dauer kaputt, selbst wenn sie einzelne Highlights bietet, wie die Sitzungen zu den Web-Videos und zu kommunizierenden Wissenschaftlern oder die Preisverleihung „fast forward science„. Das darf aber nicht sein: Die Wissenschaftskommunikation in Deutschland braucht einen Treffpunkt wie das Forum!

Advertisements