Sprengstoff – Krisenfall Militärforschung

Posted on 27. November 2013

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Finanzierung durch das Pentagon? - In der Krise bewährt sich Wissenschaftskommunikation (Foto:Wikipedia)

Finanzierung durch das Pentagon? – In der Krise bewährt sich Wissenschaftskommunikation (Foto: Wikipedia)

Reiner_Blog_miniUm es gleich vorweg zu nehmen: Ich bin kein Pazifist, aber auch kein großer Freund des Militärischen. In jungen Jahren ungedient, konnte ich während meines ganzen Berufslebens die Berichterstattung zu militärischen Projekten entweder verweigern oder mich darum herumdrücken. Und dennoch: Ich denke, es ist nichts Unmoralisches oder ethisch Verwerfliches am Militär.  Wir brauchen es, und wir brauchen in diesem Feld Verbündete, etwa die USA.

Jetzt hat die Süddeutsche zusammen mit dem NDR einen großen Skandal aufgedeckt  „US-Militär finanziert deutsche Forscher“.  Die Schlagzeile hört sich zunächst nach Abhängigkeit und Massenphänomen an. Natürlich eroberte sie auch gleich die Nachrichten in Funk und Fernsehens, und andere Medien folgten. Die Süddeutsche ist eben ein Leitmedium. Doch bei genauerem Hinsehen wird alles eine ganze Hausnummer kleiner: 10 Millionen Dollar in zwölf Jahren an insgesamt 22 Institute. Da bleibt im Durchschnitt kaum mehr als die Portokasse. Immerhin ein Münchner Chemiker erhielt allein 470.000 Dollar, da bleibt für die anderen noch weniger.

Drohnen und Wüstenheuschrecken - Ein langer Weg zur Anwendung. (Foto:Wikipedia)

Drohnen und Wüstenheuschrecken – Ein langer Weg zur Anwendung. (Foto:Wikipedia)

Doch worin besteht der Skandal, liebe Kollegen? Ob in Deutschland für amerikanische oder für deutsche Militärs geforscht wird?  Was ist verwerflich daran, die Nachtsichtfähigkeiten von Heuschreckenaugen zu untersuchen? Dass das Geld vom US-Verteidigungsministerium kam? Was ist daran schlimmer als vom deutschen Verteidigungsministerium, vom Department of Energy (das die gesamte Nuklearforschung finanziert) oder vom Forschungsministerium in Berlin? Bis in die 1990er Jahre arbeitete jeder vierte deutsche Physiker in der Verteidigungsforschung (neuere Zahlen kenne ich leider nicht) – abschaffen? Dass auch ein Fraunhofer-Institut daran beteiligt war? Die ganze Fraunhofer-Gesellschaft würde ohne Wehrforschung heute wahrscheinlich gar nicht existieren (das war ihr Hauptzweck am Anfang). Dass an der Uni München auch an umweltverträglichen Sprengstoffen geforscht wird? Wer weiß, welche Belastungen, außer Zerstörungen und Landminen, ein Krieg hinterlässt, der wird die Überlebenden hoffentlich von den chemischen Risiken entlasten wollen. Oder ist es das Problem des „Dual Use„? Dann aber darf gar nicht mehr geforscht werden, denn  – so hat es einmal ein kluger und witziger Mensch (den ich leider nicht herausgefunden habe) formuliert: Auch Hosenknöpfe sind kriegswichtig, geben sie den Soldaten doch die Hände frei, um ein Gewehr zu halten.

Sprengstoffe umweltfreundlich? - Eingang der LMU München (Foto: LMU)

Sprengstoffe umweltfreundlich? – Eingang der LMU München (Foto: LMU)

Das Entscheidende ist doch, sollten die Forschungsergebnisse geheim gehalten werden? Das wäre dann – von Auftragsforschung bei Fraunhofer abgesehen – tatsächlich ein Skandal. Aber darauf gingen die Journalisten gar nicht ein. Drittmittel, also Forschungsgelder von Außen sind willkommen: Denn der Staat ist längst nicht mehr in der Lage, die Forschung zu finanzieren, die notwendig ist, um Wissenschaft und Wirtschaft in diesem Land international konkurrenzfähig zu halten. Daher sind Drittmittel ein notwendiges Finanzierungsinstrument. Warum dann der skandalisierende Ton („Forschen für den Krieg“)? Der Verdacht drängt sich auf, dass angesichts der anhaltenden (und berechtigten) Kritik an den Abhöraktivitäten der Amerikaner die Stimmung genutzt wurde, um exklusive und wirkungsvolle Schlagzeilen zu produzieren – leider von sonst ernstzunehmenden Medien, eben Süddeutsche und NDR.

Das eigentlich Interessante ist aber, wie haben die Kommunikatoren der angegriffenen Institute reagiert? Sichtbar: Kaum. Die Wissenschaftler wurden in den Berichten nur mit einem gestammelten „Grundlagenforschung“ zitiert. Am Tag darauf ging es vor allem um Abwiegeln: Grundlagenforschung, alles normale Drittmittel, Forschung ohne militärische Bedeutung und ähnlich tönte es. Bei der Uni München glühten die Telefondrähte und man verstand die Welt nicht mehr: „Das ist eine Aufregung, die wir nicht nachvollziehen können.“ Ja sollen denn die Medien jetzt den Pressestellen erst erklären, was zu tun ist? Als einziger Medienprofi zeigte sich, soweit sich das im Internet verfolgen ließ, der Präsident der Technischen Universität München, Prof. Wolfgang Hermann. Er stand zum Interview mit der Süddeutschen bereit, rückte Dinge gerade („Amerikaner nicht kriminalisieren“), lieferte Hintergründe (jährliche Drittmittel der TUM 270 Millionen Euro) und zeigte eine andere Perspektive („…einzelne Forscher, die international aufgefallen sind…“). Drittmittel werden auch als Anerkennung von Forschungsqualität verstanden.

Professionell reagiert - TUM München

Professionell reagiert – TUM München

Doch das Beispiel zeigt, dass Krisenkommunikation an den betroffenen Hochschulen und Forschungsinstituten Fehlanzeige ist: Hinstellen, Beweggründe offenlegen, Transparenz schaffen, die eigenen Argumente offensiv darstellen und offen – auch mit der Gesellschaft – nach Lösungen suchen. Und zwar sofort. Noch nicht einmal zu Pressemeldungen mit der eigenen Position fanden die betroffenen Institute Zeit. In der Zwischenzeit aber bezogen die Politiker bereits Position. NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) kritisierte erst einmal ihre Professoren, die sich mit Militärs abgeben, Linke und Grüne protestierten in Rundumschlägen. Bis die Unis zu einer Position gefunden haben, möglichst einer gemeinsamen, dürfte es für die politische Diskussion zu spät sein. Auch wenn die Vorwürfe der Medien übertrieben sind, angesichts der Breite und der Schwergewichte darf man sie als Forschungssprecher nicht einfach aussitzen. Sonst kommen bald die nächsten Diskussionen auf, die der Forschung wieder ein Stück ihrer Privilegien nehmen wollen. Privilegien aber braucht Wissenschaft so notwendig wie die staatliche Finanzierung und die Drittmittel.

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