WissensWerte – im Umbruch

Posted on 28. November 2013

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Ein Gastbeitrag von Franz Miller

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Urgestein der Wissenschaftskommunikation: Franz Miller (Foto: Fraunhofer)

Das war sie also – die zehnte WissensWerte – ganz ohne Jubiläumsfeier, Protestaktionen und Zukunftsangst. „Wohl eine der besten“, meinte Prof. Holger Wormer, der mit Holger Hettwer und Franco Zotta für die Programmplanung verantwortlich ist, beim abschließenden Get-together. Erstaunlich, wie viele nicht hektisch davonlaufen – es ist immerhin schon fast sieben Uhr, sondern sich noch einmal zusammenfinden, um bei Brezn und Bier noch ein paar Gedanken auszutauschen, vor allem aber sich von alten und neuen Bekannten zu verabschieden. Da ich selbst von Anfang an dabei war, kenne ich natürlich viele Gesichter, die sich zum Abschied hinterherrufen: „Bis zum nächsten Jahr in Magdeburg“. Das zeigt: Die WissensWerte erfüllt ihre Rolle als Treffpunkt recht gut, inzwischen hat sich aus unterschiedlichen Teilnehmergruppen eine Community gebildet, die bei allen Differenzen einen fruchtbaren – und oft auch freundschaftlichen – Austausch pflegt.

Doch wird die WissensWerte auch ihrer Rolle als Trendsetter gerecht. Der Eröffnungsvortrag von Curtis Brainard und Diskussionsforen zum Thema „Wie retten wir den Journalismus?“ sollten neue Perspektiven eröffnen. In Workshops wurde das Dauerproblem der Freien Journalisten, die „Selbstvermarktung“, bearbeitet und in neue Methoden wie „Data Checking“  eingeführt. In der Podiumsdiskussion zur leidigen Forderung vieler Forscher nach „Gegenlesen“ und „Autorisieren“ stellte Patrick Illinger, Ressortleiter Wissenschaft bei der Süddeutschen Zeitung, unmissverständlich klar, dass er seinen Autoren kein „Gegenlesen“ erlaube. Es werden allenfalls wörtliche Zitate autorisiert. Die Wissenschaftler begründen ihren Wunsch, die Artikel vor der Veröffentlichung zu lesen, meist mit dem Hinweis, fachliche Fehler zu vermeiden, die nicht nur der Zeitung, sondern auch ihrem Ruf als Experten schadeten.

Was dürfen Wissenschaftler, was dürfen Journalisten?

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Kein Gegenlesen – Teilnehmer der WissensWerte in Bremen. (Foto: Rathke)

So naheliegend die Forderung auch sein mag, so sehr würde ein Gegenlesen elementare journalistische Prinzipien verletzten, erklärte Illinger. Denn kein Leser möchte Artikel lesen, die von den Betroffenen korrigiert wurden. Und in diesem Punkt „kein Gegenlesen“ war sich das Podium auch einig, auf dem Iris Lehmann vom Max Rubner Institut und ich für die Fraunhofer-Gesellschaft die Meinung der Forschungssprecher vertraten. Martin Schneider, der Vorsitzende der Wissenschaftspressekonferenz, regte an, dies in einer Charta festzuhalten. Damit konnte zumindest in diesem Anliegen der Journalisten ein Konsens hergestellt werden. Dies den Wissenschaftlern beizubringen, wird aber noch viel Arbeit erfordern. Denn damit ist die Frage der Wissenschaftler nicht beantwortet, wie die Qualität im Wissenschaftsjournalismus gesichert werden kann und was sie dazu beitragen können. Das gibt sicher Diskussionsstoff für weitere Konferenzen.

Wissenswerte2013__klein_135357b63e8bec7478da4c22fc81116eUnter welchen großen Druck Journalisten geraten, wenn sie über brisante Themen schreiben, zeigten die Diskussion über Klimawandel ebenso wie Darstellung von Fallbeispielen „Medizinjournalisten unter Beschuss der Betroffenen“. Das macht uns Zuhörer betroffen, wenn wir erfahren, wie systematisch und hartnäckig die Autoren von missliebigen Beiträgen attackiert, bedroht und verfolgt werden. Bei aller Unterstützung, die sie von ihren Redaktionen und Verlagsjuristen erfahren haben, bleibt ein erhebliches persönliches Risiko.

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Auch angenehme Seiten – Wissenschaftsjournalisten bei Reiseerinnerungen. (Foto: Rathke)

Aktuelle Wissenschaftsthemen standen vor allem am zweiten Tag im Mittelpunkt. Das reichte von 3-D-Drucker über Big Neuroscience und Alternativen zu Tierversuchen bis hin zu „bröselnden Brücken“. Hier wurde nicht nur über Wissenschaft geredet, sondern mit den Wissenschaftlern diskutiert. Echte Forscher stellten ihre Ergebnisse vor. Das Interesse war groß, die Referenten gut ausgewählt. Die Vorträge waren erstaunlich kurz, verständlich und lebendig vorgetragen – zumindest in den Sessions, die ich selbst erleben konnte. Von den anderen hörte ich ähnlich positive Eindrücke, allein die Diskussion zum „Hype um Web 2.0“ muss wohl bei einigen nicht so gut angekommen sein. Auch das Forum junger Forscher am Nachmittag war letztlich gar nicht schlecht besucht. Die Vorstellung der Forscher auf der Bühne im großen Saal litt aber unter dem allgemeinen Kaffee-Geplauder, kaum jemand konnte oder wollte hören, was auf der Bühne gesprochen wurde. Schön, dass trotzdem noch ausreichend Interessierte die jungen Forscher an den Themeninseln befragten.

Zu große Nähe verzerrt – zu große Distanz aber auch

Aufschlussreiche Hinweise zur Beziehung zwischen Wissenschaft und Medien lieferten zwei Studien, die der Frage nachgingen, wie weit die „Medialisierung der Wissenschaft“ fortgeschritten ist. Dabei wurde auf der einen Seite 1600 Wissenschaftler und auf der anderen Seite 290 Journalisten befragt. Die Ergebnisse zeigen ein sehr differenziertes Bild der Beziehungen Wissenschaft-Medien. Prof.  Hans Peter Peters und Prof. Alexander Görke von der FU Berlin stellten die Projektergebnisse vor. Es lohnt sich die verschiedenen Aussagen im Detail anzuschauen, denn damit wird nicht nur vieles empirisch belegt, was wir vermuteten, sondern auch neue Einsichten eröffnet, die in dieser Form bisher noch nicht dargestellt wurden. Es gibt nämlich signifikante Unterschiede bei den Wissenschaften. Bestimmte Disziplinen sind sehr intensiv auf die Medien bezogen, während andere sehr weit entfernt sind. Einige Geisteswissenschaften, vor allem Historiker, Soziologen und Philosophen, aber auch die Wirtschaftswissenschaften sind am weitesten in der Medialisierung fortgeschritten. Die Naturwissenschaftler nutzen von sich aus die Medien viel weniger zur Selbstdarstellung. Die Praktiker auf dem Podium, Grit Kienzlen von DRadio Wissen und Gabor Paal vom Südwestrundfunk, ergänzten die Umfrageergebnisse durch eigene Erfahrungen.

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Zu große Nähe, zu große Distanz – Besucher der Wissenschafts-Ausstellung (Foto: Rathke)

Offensichtlich herrscht meist ein recht entspanntes Verhältnis zwischen Wissenschaftler und Medien vor. Nun klärt sich auch der Grund für neue Differenzen auf. Die Geisteswissenschaftler, die stark mit den Medien kooperieren, betrachten sich selbst als geistige Urheber und treten auch häufig als Autoren auf. Anders ausgedrückt, sie wollen ihr Wissen nicht ohne Gegenleistung und nur unter ihrer Kontrolle zur Verfügung stellen. Das ergibt dann ganz anders geartete Konflikte mit den Journalisten. Jedenfalls bieten die Umfragen viele Anregungen, die unterschiedlichen Beziehungsmuster weiter zu analysieren. Offensichtlich führt Nähe ebenso zu Verzerrungen wie große Distanz.

Ein Neuanfang 2014 in Magdeburg?

Die Frage von Cornelia Reichert „Quo Vadis Wissenswerte? – Kontaktbörse oder Insidertreff“ kann auch nach der zehnten WissensWerte nicht beantwortet werde. Sie wurde einmal – vor vielen Jahren, als in der Bertelsmannstiftung die Idee entstand – als Treffen der Wissenschaftsjournalisten geplant. Doch von Beginn an mussten aus Finanzierungsgründen Forschungsorganisationen und Unternehmen als Sponsoren gewonnen werden. Das führt zu regelmäßigen Eruptionen, weil die Journalisten Einfluss fürchten und – eigentlich – unter sich bleiben wollen. Da aber kein tragfähiges Geschäftsmodell nach dem Auslaufen der Stiftungsförderungen entwickelt wurde, stand die Wissenswerte vor dem Aus.

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Wissenschaft im Vordergrund – Die Journalisten in der Minderheit. (Foto: Rathke)

Wieder wurden die Forschungsorganisationen gebeten, einen erheblichen Teil zur Finanzierung beizusteuern. Damit konnte die Wissenswerte gerettet werden, doch mit den Jahren hat sich auch der Anteil der Teilnehmer immer stärker in Richtung Wissenschaft verschoben. In diesem Jahr waren wohl erstmals mehr Teilnehmer aus der PR als aus den Medien. Das Verhältnis sollte wieder deutlich umgedreht werden, sonst verliert die WissensWerte den Charakter des Journalistentreffens. Die wpk, so Martin Schneider, wird sich Gedanken machen, wie mehr Journalisten gewonnen werden können. Das Problem der Freien ist ein Doppeltes. „Wir müssen Teilnehmergebühren und Hotels selber bezahlen und verlieren auch noch zwei Arbeitstage“, kommentiert Gerhard Samulat. Auch die festangestellten Redakteure haben Probleme, weil die WissensWerte von vielen Verlagen nicht als Fortbildung anerkannt wird. Und genau die wären die gefragtesten Teilnehmer, denn es sind die Auftraggeber für die Freien Journalisten und die wichtigen Ansprechpartner für die Kommunikatoren.

Insgesamt ist auch die Zahl der Teilnehmer wieder unter die Zahl von 500 gefallen, die in den vergangenen zwei Jahren übertroffen wurde. „Trotzdem sind wir mit der Teilnehmeranzahl zufrieden“, meint Andrea Rohde von der Messe Bremen. Und der Kritik vieler Teilnehmer an der von Astrium gesponserten Abendveranstaltung hält sie entgegen: „Es ist nicht leicht Sponsoren zu finden.“ Und dann müsse man eben Zugeständnisse machen. Auch hier dasselbe Dilemma: Vielen Teilnehmern waren das zu viele Zugeständnisse, und dann konnte nicht einmal das Essen versöhnen.

Also gibt es einiges zu tun für die Organisatoren und die Programmplaner. Doch ich glaube, die Erkenntnis und die Bereitschaft sind da, die WissensWerte weiter zu entwickeln. Der neue Veranstaltungsort Magdeburg bietet die Chance, mit neuem Schwung neue Anreize zu setzen. Um weiteren Teilnehmerkreise unter den Journalisten zu gewinnen, sollten auch Referenten gewonnen und Themen aufgespießt werden, die noch nicht vertreten waren. Es sollten auch viel intensiver die Wünsche der bisherigen, aber auch der künftigen Teilnehmer abgefragt und berücksichtigt werden. So gut es ist, dass sich ein eingeschworener Kreis der Aktiven herausgebildet hat, so sehr ist es notwendig, diesen immer wieder zu öffnen für weitere Akteure.

Das Wunderbare: Tätiges Engagement

Das Beste der zwei Tage war die Abschlußrunde mit Marianne Koch und Alfred Thorwarth. Zwei Protagonisten, die Fernsehgeschichte mitgestaltet haben. Die Erinnerungen an die Anfänge des Wissenschafts- und Medizinjournalismus im Fernsehen lösten bei Koch und Thorwath ebenso wie beim Publikum große Heiterkeit aus. Und Thorwarth gab die Frage, was er den heutigen Journalisten für einen Rat geben könne, zurück: Das könne er nicht, denn die seien ja heute professionell ausgebildet und haben Journalismus studiert, er habe sich als Autodidakt alles selbst aneignen müssen. Geholfen habe ihm die Neugier und die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen. Im Übrigen sollen sich die jungen Journalisten daran machen, neue Formate zu entwickeln und als trimediale Journalisten neue Wege einzuschlagen. Marianne Koch pflegt – auch mit 80 Jahren – noch den  Journalismus und steht in einer wöchentlichen Rundfunksendung Rede und Antwort, denn sie sieht ihre Aufgabe – gerade in Zeiten der Informationsüberflutung – darin, den Menschen verlässliche medizinische Informationen zu geben, die nicht von ökonomischen oder anderen Zwecken geprägt sind. Ein wunderbares Beispiel für das Engagement, WissensWert zu schaffen.

Franz Miller war bis vor wenigen Wochen Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Fraunhofer-Gesellschaft.  Er hat 25 Jahre Erfahrung in der Wissenschaftskommunikation und wird von seinen Kollegen und Journalisten wegen seiner Kompetenz und seiner Persönlichkeit geschätzt: Als erster wurde er gerade zum zweiten Mal zum Forschungssprecher des Jahres gewählt.

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