Schmeißt endlich die überholten Feindbilder über Bord

Posted on 16. Dezember 2013

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Franz Miller über die Vorurteile zwischen Wissenschaftlern und Journalisten – ein Gastbeitrag.

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Franz Miller

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Fenster nach Draußen oder eingeschränkte Perspektive? – Vorurteile zwischen Journalisten und Wissenschaftlern schüren Misstrauen. (Foto: CC/Russ Allison Loar)

Der „elitäre, weltfremde Wissenschaftler“ auf der einen und der „skandalsuchende, sensationslüsterne“ Journalist auf der anderen Seite. Warum werden diese uralten Klischees immer wieder hervorgekramt, obwohl der Elfenbeinturm längst zum Basar und die Medien zum Boulevard geworden sind? Offensichtlich ist die Beziehung zwischen Wissenschaftler/in und Journalist/in ähnlich schwierig geworden wie zwischen Medien und Politik. Außerdem scheint das Verständnis für Arbeitsbedingungen des jeweils anderen – trotz aller Vermittlungsversuche der Kommunikatoren – nicht wirklich angekommen zu sein.

Das Verhältnis pendelt zwischen Distanz und Nähe und wird daher häufig von einer großen Spannung geprägt. Eigentlich halten sie nichts voneinander, brauchen sich aber, manchmal ganz dringend, was den Ärger verdoppelt. Wissenschaftler halten Journalisten für oberflächliche, aber raffinierte Wortverdreher, die nur auf Skandal und Sensationen aus sind. Journalisten halten Wissenschaftler für eitle Selbstdarsteller, die nur auf neue Fördermillionen aus sind, oder für Fachidioten, die nicht in der Lage sind, ihre Forschungsergebnisse klar und verständlich auszudrücken. Die gegenseitigen Vorurteile lassen sich beliebig fortsetzen, denn all dies, und noch viel mehr, gibt es ja auch tatsächlich. Es gibt auch Gemeinsamkeiten, beide misstrauen einander und beide behaupten mit großem Nachdruck, sie seien nur der Wahrheit verpflichtet.

An solchen eingängigen Klischees hält man gerne fest, denn auch die kritische Öffentlichkeit liebt die Vorstellung, dass Journalisten ihre Gesprächspartner unerbittlich durch die Mangel drehen und jeden noch so kleinen Schwindel aufspüren. Betrugsfälle zeigen immer wieder auf, dass die Selbstreinigungskräfte der Wissenschaft nicht ausreichen und daher die Medien als kritische Instanz gefordert sind. Umgekehrt zeugen viele Mediensensationen, die sich bei genauer Betrachtung als Flops erweisen, von der partiellen Blindheit der aktualitätsgetriebenen Journalisten. Da verbietet sich auch nur der Anschein einer vertrauensvollen Zusammenarbeit.

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Prof. Hans Peter Peters, Jülich

Die Realität ist jedoch ganz anders: Hier herrscht überwiegend ein freundliches, kooperatives Verhältnis vor, das sagen neue repräsentative Studien ebenso wie die Einschätzungen der Praktiker auf beiden Seiten. Prof. Hans Peter Peters hatte 1600 Wissenschaftler aus 16 Fachgebieten befragt. Dabei gaben über 75 Prozent an, dass sie in den vergangenen Jahren Kontakt mit Medien hatten. Die Häufigkeit unterscheidet sich aber deutlich. Während die Ingenieure und Naturwissenschaftler eher wenig Kontakt mit dem Medien haben, ist dies bei den Sozial- und Geisteswissenschaftlern viel häufiger, vor allem gehen sie selbst aktiv auf die Medien zu und veröffentlichen eigene Gastbeiträge. Offensichtlich ist die Medialisierung der Wissenschaft in den Sozial- und Geisteswissenschaften und ganz besonders in den Wirtschaftswissenschaften weiter fortgeschritten als bei den Technik- und Naturwissenschaften.

Prof. Alexander Görke, Berlin

Prof. Alexander Görke, Berlin

Das schafft dann allerdings wieder neue Probleme, denn diese Wissenschaftler betrachten ihre Aussagen häufiger als eigenes geistiges Eigentum, das sie nicht ohne Bedingungen abgeben wollen. Wenn man diese Befragung der Wissenschaftler mit der Befragung der Journalisten vergleicht, die Prof. Alexander Görke von der FU Berlin durchführte, dann ergibt sich ein ähnliches Bild. Auch wenn unterschiedliche Erwartungen aneinander gerichtet werden – so mögen Wissenschaftler keine Personalisierung, Journalisten kein Gegenlesen – haben sich beide Seiten darauf eingerichtet und pflegen ein weitgehend kooperatives Verhältnis.

Diese relativ entspannte Beziehung gilt für den Normalfall, endet aber dann, wenn es um brisante Themen geht. Denn dann wird’s für beide riskant und höchste Vorsicht drängt sich in die Beziehung. Schnell werden die alten Feindbilder wieder reaktiviert. Stattdessen wäre es besser, sich zu fragen, warum es zur Eskalation kommt, kommen muss. Dazu gehört auch eine offene Kommunikation, die klarstellt, wo die jeweiligen Grenzen sind. Die auf der einen Seite keine Fallen stellt und auf der anderen Seite keine Täuschung erlaubt.

Hier schlägt die Stunde der Kommunikatoren, denn diese müssen eine hohe Sensibilität dafür entwickeln, was brisant werden kann und was im Rahmen der normalen, kritischen Berichterstattung bleibt. Die Befragung der Wissenschaftler ergab nämlich auch, dass nicht immer die Pressestellen einbezogen werden. Vor allem in Hochschulen ist es wohl üblich, dass Wissenschaftler ihre Kontakte mit den Medien in eigener Verantwortung pflegen. Bei außeruniversitären Forschungseinrichtungen herrscht dagegen eine Betreuung durch Kommunikatoren vor. Noch etwas ergab die Befragung. Das alte Rollenverständnis, das die Wissenschaft pflegte, „hie Experten, dort Berichterstatter“, gilt genauso wenig mehr wie das Bild der Journalisten, „hie Täuscher, dort Entlarver“.

Inzwischen setzt sich ein komplexeres Rollenverständnis durch, das den verschiedenen Aufgaben und den wechselnden Rollen der Beteiligten gerecht wird. Es ist die Aufgabe der Kommunikatoren, ein solch professionelles Rollenverständnis zu unterstützen, das die eigene und die Rolle der anderen kennt. Dazu gehört auch die kritische Betrachtung der wechselnden Rollen, die man selber spielt. Denn es ist wohl immer noch nicht selbstverständlich, dass Kommunikatoren als Dritte in das Verhältnis Wissenschaftler-Journalist einbezogen werden. Oft werden sie nicht als Vermittler, sondern als Störenfriede wahrgenommen. Wissenschaftler erwarten von ihnen Einflussnahme, Journalisten verdächtigen sie der Manipulation.

Prof. Peter Weingart: Medialisierung der Wissenschaften.

Prof. Peter Weingart: Medialisierung der Wissenschaften.

Mit der Professionalisierung des Berufsstandes sollte man allerdings endlich auch mit alten Untugenden aufräumen, dann verblassen die alten Feindbilder schneller. Peter Weingart hat mit seiner These von der Medialisierung der Wissenschaft die Veränderung der Kommunikationsmuster treffend beschrieben: „Es ist scheinbar paradox: Je unabhängiger die Wissenschaft und die Medien werden, umso enger wird ihre Kopplung. Drei Ausprägungen dieser Kopplung habe ich analysiert: 1. den Umweg der Wissenschaftler über die Medien zur Sicherung von Prioritäten; 2. die mediale Konstruktion von Prominenz und deren Abweichung von wissenschaftlicher Reputation; und 3. Die Konkurrenz der Wissenschaft um öffentliche Aufmerksamkeit durch Überbietungsdiskurse.“ (Peter Weingart: Die Stunde der Wahrheit, Seite 282)

Peter Weingart hat ausführlich beschrieben, wie in der Mediengesellschaft mit dem Verlust von Distanz der Verlust von Vertrauen einhergeht. Daher gilt es, neue Wege einzuschlagen, um die brüchige Vertrauensbasis nicht weiter zu beschädigen. Wenn man weiß, was man voneinander erwarten kann und muss, kann zumindest rudimentäres Vertrauen entstehen. Voraussetzung ist, dass sich alle professionell verhalten. Und das heißt weder Kumpanei noch permanente Verdächtigung, sondern klare Absprache und Fairness. Kein blindes Vertrauen, sondern begründete Verlässlichkeit. Also sollten wir die alten Feindbilder in den Archiven der Vorurteile verstauben lassen und uns einlassen auf das komplexe Rollenspiel der entwickelten Mediengesellschaft. Entscheidend ist auf die Signale zu achten, die anzeigen, wann das harmlose Miteinander umkippt in brisantes Gegeneinander.

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