Brauchen wir einen Vatikan? – Unfehlbarkeit oder Dialog?

Posted on 18. Dezember 2013

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Fundgrube Lesestapel – Ein alter Text ist manchmal aktueller als ein neuer. (Foto: CC/ s_zeimke)

Reiner_Blog_miniHaben Sie auch so einen Stapel neben Ihrem Schreibtisch liegen? Papiere, Zeitungsausrisse, Zeitschriften, Ausdrucke – gefüllt mit Inhalten, die ich unbedingt lesen wollte (aber gerade keine Zeit hatte). Da liegen sie, werden irgendwann, wenn der Stapel zu hoch geworden ist, von unten her entsorgt und wenn sie doch gelesen werden, sind sie inzwischen meist durch andere Ereignisse überholt, unaktuell oder irgendwie langweilig.

Vor kurzem aber fischte ich von diesem Stapel eine kleine Broschüre der acatech-Akademie der Technikwissenschaften über „Perspektiven der Biotechnologie-Kommunikation“ – und habe sie interessiert gelesen. Da standen Dinge über Wissenschaftskommunikation, die klangen aus der Feder einer Wissenschaftsakademie fast revolutionär. Und das las ich just in einem Augenblick, da sich einer der beiden Präsidenten der Akademie, Prof. Reinhard Hüttl, in einem Kommentar für das Magazin Helmholtz-Perspektiven Sorgen um den Wissenschaftsjournalismus macht und Dinge fordert, die eher an einen Wissenschafts-Vatikan erinnern. Unterschiedlicher können Sichtweisen auf die Probleme und die Zukunft der Wissenschaftskommunikation kaum sein.

Prof. Reinhard Hüttl, GFZ-Chef und acatech-Präsident.

Prof. Reinhard Hüttl, GFZ-Chef und acatech-Präsident.

"Ende der Geschichte?" - Die Helmholtz-Perspektiven zum Wissenschaftsjournalismus.

„Ende der Geschichte?“ – Die Helmholtz-Perspektiven zum Wissenschaftsjournalismus.

Hüttl geht in seinem Kommentar von einem eher konservativen Ansatz aus. Er bezeichnet Wissenschaftskommunikation als „Klammer, die den Wissenschaftsjournalismus der Medien mit der Öffentlichkeitsarbeit der Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen miteinander verbindet“. Das stimmt seit den „Dolmetscher“-Zeiten nicht mehr, denn Journalisten und Öffentlichkeitsarbeiter sitzen sich gerade an verschiedenen Seiten des Tisches gegenüber, wie in Kiew Regierung und Opposition, haben unterschiedliche Aufgaben und Ziele. Hüttl beruft sich jedoch auf den aktuellen „Siggener Denkanstoß“, ein Papier, in dem zwei Wissenschaftsjournalisten und 22 Wissenschaftskommunikatoren (aber kein Wissenschaftler !) im letzten Sommer eine Charta der Wissenschaftskommunikation skizziert hatten, also eine Selbstverpflichtung aller Beteiligten – ausgehend von dem Satz: „Die Wissenschaftskommunikation kann einer möglichst großen Öffentlichkeit gesellschaftlich relevantes Wissen zur Verfügung stellen und verständlich aufbereiten.“ Hüttl fordert auf dieser Basis unter anderem die „Ahndung übertriebener Sensationsmeldungen“, „Qualitätslabel für Pressestellen“ und „öffentlich-rechtliche“ – also über Zwangsabgaben oder Steuergelder finanzierte – Wissenschaftsmagazine.

Gruppenbild - Mit Journalisten? Der Siggener Gesprächskreis im Sommer 2013. (Foto:WiD)

Gruppenbild – Mit Journalisten? Der Siggener Gesprächskreis im Sommer 2013. (Foto:WiD)

Alles Lösungen, für die es einen „Vatikan“ geben muss, jemanden, der kontrolliert, der sagt, was übertrieben ist, der weiß, was Qualität ist – und was nicht. Jemand soll die Deutungshoheit haben – und der Gedanke liegt nicht fern, dass daran vor allem  Wissenschaftler beteiligt sein sollen. Man übertrage das Bild nur einmal auf die Politik, um zu sehen, wie weit diese Vorstellung von der Medienwirklichkeit entfernt ist. Da lebt er weiter, der alte Katheder, der Unfehlbarkeitsanspruch, das „wir wollen der Menschheit sagen, was richtig ist“. Viele nennen es „Wissenschaftsmarketing“, wenn die Forschung Kommunikation vor allem so versteht, ihre Sicht der Dinge darzustellen.

Ist das zeitgemäß in einer Gesellschaft, die immer mehr Einblick in die internen Vorgänge und Kriterien fordert, mehr Dialog, ja die mehr und mehr mitreden und mitentscheiden will? Transparenz, Dialog und Partizipation sind die gesellschaftlichen Megatrends, die wir erleben. Übrigens ausgelöst nicht zuletzt durch die Möglichkeiten, die uns die technische Entwicklung Internet gegeben hat.

Äußerlich eher unscheinbar - acatech-Publikation Biotech-Kommunikation.

Äußerlich eher unscheinbar – acatech-Publikation Biotech-Kommunikation.

Welch anderer Ansatz in der acatech-Broschüre aus meinem Lesestapel, ungefähr ein Jahr alt: Hier geht es um das heiße Eisen Biotechnologie-Kommunikation, von grüner Gentechnik bis zu den kommenden Kontroversen: Bio-Nanotechnologie, synthetische Biologie oder künstliche Photosynthese. „Kontroversen sind wichtig und können und sollen nicht durch Kommunikation aus der Welt geschafft werden“, konstatiert die acatech hier. Und zieht die Schlußfolgerung: „Wissenschaftsmarketing, das für den Nutzen und die Sicherheit von Biotechnologie wirbt, ist daher zum Scheitern verurteilt.“ Dann wird erklärt, was – unvoreingenommen betrachtet – selbstverständlich sein sollte: „‚Dialog‘ bedeutet Verständigung in beide Richtungen. Es lernt dabei nicht nur die Öffentlichkeit von ‚der Wissenschaft‘, sondern die Wissenschaft hört Meinungen, Erwartungen und Befürchtungen der Öffentlichkeit. Ernst gemeinte Dialoge müssen Wahlmöglichkeiten bieten und ergebnisoffen sein.“ Es folgen zehn konkrete Empfehlungen an Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Hochschulen und Hochschulforschung.

Sätze, die von einem tiefen Verständnis der Gesellschaft, der Rolle der Wissenschaft in ihr und von den sich abzeichnenden Entwicklungen zeugen. Wissenschaft ist natürlich kein Selbstzweck – da werden die meisten noch zustimmen. Wissenschaft ist zuallererst Dienstleistung an der Gesellschaft – da wird die Zustimmung wohl schon zurückhaltender. Und die Qualität von Dienstleistungen beurteilt nicht der Anbieter, sondern der Kunde. Man kann manche gesellschaftliche Entwicklung ablehnen oder für fragwürdig halten (ich tue dies auch), das entpflichtet nicht davon, dass jeder seine Rolle in und mit dieser Gesellschaft wahrzunehmen hat. Ganz besonders, wenn er seine Ressourcen aus dieser Gesellschaft bezieht – von den Finanzen bis zum Nachwuchs und zur allgemeinen Akzeptanz seiner Privilegien.

Das harmlose Papier zur Biotechnologie-Kommunikation könnte zur Grundlage vieler fruchtbarer Diskussionen über Wissenschaftskommunikation und über das Verhältnis von Forschung und Gesellschaft werden. Voraussetzung dafür aber ist, dass man es gelesen hat. Das kann man durchaus auch Prof. Hüttl empfehlen, den ich als weltoffen und dialogbereit kenne. Vielleicht hat er ja auch so einen Stapel Papier neben seinem Schreibtisch. Er sollte dort unbedingt nach der acatech-Broschüre suchen.

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