Ein Urknall der Wissenschaftskommunikation – „bild der wissenschaft“ entstand vor 50 Jahren

Posted on 21. Januar 2014

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Die Erstausgabe von "bild der wissenschaft" vor 50 Jahren - Ein Urknall für die Wissenschaftskommunikation.

Die Erstausgabe von „bild der wissenschaft“ vor 50 Jahren – Ein Urknall für die Wissenschaftskommunikation.

Das einzig Aktuelle an diesem Blogpost steht schon im Titel: „bild der wissenschaft“ wird 50. Ein Ereignis? Heute, da jedes nur denkbare Jubiläum ausgiebig vermarktet wird, vielleicht nicht. Der Rest ist Geschichte. Man muss sich in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts zurückversetzen, um zu ermessen, was dies damals bedeutete: Die Gründung einer neuen Zeitschrift, ausschließlich zu einem Thema (das Genre Special-Interest existierte noch nicht in der Medienlandschaft), noch dazu Wissenschaft, was damals scheinbar nur ein paar Profesoren an Universitäten interessierte.

Man schrieb das Jahr 1964: Ende Januar erschien die Zeitschrift „bild der wissenschaft“ zum ersten Mal. Es war eine Art Urknall für die Wissenschaftskommunikation in Deutschland. Heute gibt es neben „bild der wissenschaft“ viele Zeitschriften zu Wissenschaft, heute ist der Start von neuen Zeitschriften – angesichts günstiger Produktionsverfahren (vom Desktop-Publishing bis digitale Druckvorbereitung) – eher verlegerischer Alltag. Damals war das anders. Zwar gab es schon Wissenschaftsseiten in der FAZ und in der Zeit, zwar tummelten sich im Fernsehen einzelne Wissenschaftsjournalisten (etwa der hoch gebildete und liebenswerte Ernst von Khuon, ein Astronom und – mein Favorit, dessen Name ich ebenfalls vergessen habe – ein Reporter des Bayerischen Regionalprogramms, der gern über Wissenschaft berichtete und immer irgendwie vor Ort erschien (ähnlich wie Dirk Steffens heute).

Der Fernsehprofessor Heinz Haber, wie ihn alle kennen - genial als Umsetzer, genial als Zeitschriftengründer.

Der Fernsehprofessor Heinz Haber, wie ihn alle kennen – genial als Umsetzer, genial als Zeitschriftengründer.

Ausgelöst wurde die Sternstunde der Wissenschaftskommunikation 1964 durch einen Wissenschaftler, dessen wahre Leidenschaft das Umsetzen, das Erklären, das einfache Darstellen komplizierter Dinge war, mit allen Mitteln, die damals zur Verfügung standen: Prof. Heinz Haber. Man muss die Geschichte dieses Mannes erzählen, um zu verstehen, wieviel visionäre Kraft, wieviel Engagement, aber auch wieviel Zufälle es brauchte, um seine Pläne in die Tat umzusetzen – und vor allem, ihnen Erfolg zu verschaffen.

Doch Vorsicht! Dies ist keine objektive Schilderung! Zu sehr bin ich persönlich in meinem Interesse für Wissenschaft, in meinem Verständnis von Journalismus und in meinem Urteil über Heinz Haber durch ihn selbst geprägt, durch sein erstes Buch, durch seine Fernsehsendungen – vor allem eine, davon gleich – und durch die Zusammenarbeit mit ihm in den letzten eineinhalb Jahren seines Lebens und durch meine elf Jahre als Chefredakteur von „bild der wissenschaft“.

Freund_Atom_49012299Heinz Haber war Physiker, als er 1946 mit Wernher von Braun in die USA ging. Nach verschiedenen Tätigkeiten in der Wissenschaft, in der Raumfahrt und der Raumfahrtmedizin, kam er zehn Jahre später als wissenschaftlicher Berater zu Walt Disney, wo er all das lernte und üben konnte, was ihn nach seiner Rückkehr in Deutschland (Anfang der sechziger Jahre) als „Fernsehprofessor“ berühmt machte. Bei Walt Disney hatte er das Buch „Unser Freund das Atom“ verfasst, das ich als Dreizehnjähriger las und fortan Atomphysiker werden wollte. Bei Disney hatte er die Kernspaltung in einem Film mit einem Tisch voller Mausefallen und Tischtennisbällen erklärt (wofür er eigens Mitglied der US-Bühnenarbeiter-Gewerkschaft wurde, wie er mir später erzählte. Denn die Bühnenarbeiter streikten, nachdem das Experiment drei Mal vorzeitig losgegangen war, aber nur Gewerkschaftsmitglieder durften die Requisiten aufbauen). In einer eindrucksvolleren zweiten, schwarz-weißen Version brachte er das Experiment später im deutschen Fernsehen – für mich bis heute das Ideal journalistischer Darstellung komplexer Sachverhalte.

Durch diesen genialen und besessenen Erklärer wurde „bild der wissenschaft“ lange Jahre geprägt. Aber Heinz Haber war nicht nur ein Genie, wenn es um die Darstellung wissenschaftlicher Sachverhalte ging. Er war auch genial, wie er als Wissenschaftler verstand, wie es in der Medienbranche zugeht. Als er wieder in Deutschland war, wollte er das damalige Flaggschiff aller Wissenschaftszeitschriften, den „Scienctific American“ in deutscher Übersetzung herausbringen. Doch der Herausgeber in New York verweigerte ihm die Lizenz. „Also machen wir es selbst“, beschloss Heinz Haber.

Was dann kam, war so professionell, so visionär, wie es damals viele Verlagsmanager wohl nicht zustande gebracht hätten: Zusammen mit einer befreundeten Anzeigenverkäuferin bereiste Heinz Haber, noch bevor er sich um Inhalte, Redaktion oder einen Verlag gekümmert hatte, die Zentralen der großen Industrieunternehmen in Deutschland: Er warb um Anzeigen für seine noch nicht existierende Zeitschrift. Seine Fernsehprominenz öffnete ihm viele Türen, seine Überzeugungskraft machte Gelder locker, so dass der lebensnotwendige Anzeigenumsatz gesichert war, noch bevor die erste Ausgabe erschien.

Einen dieser Besuche stattete er auch der Firma Bosch in Stuttgart ab, deren Miteigentümer, die Familie Bosch, damals Verlagsbeteiligungen hatte, unter anderem beim Stuttgarter Zeitungsverlag und der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA). Einen seiner Gesprächspartner muss Haber vollkommen überzeugt haben, denn der berichtete anschließend der Familie von dem Zeitschriftenprojekt „bild der wissenschaft“ des Fernsehprofessors. Die Folge: Die neue Zeitschrift wurde in Stuttgart ansässig, erschien in der DVA und avancierte bald zum Prestigeobjekt des erfolgreichen Buchverlags.

X-Magazin_Ym4wMjc3So erblühte „bild der wissenschaft“ im Glanzlicht des Fernsehprofessors in einer Umgebung, die weder mit Wissenschaft noch mit Publikumszeitschriften große Erfahrung hatte. Entsprechend war die Geschichte von Höhen und Tiefen geprägt: Das Konzept des deutschen „Scientific American“ ging nicht auf, „bild der wissenschaft“ wurde mit dem jungen, populären X-Magazin fusioniert und bekam ein journalistisches Konzept. Nach der Trennung der DVA vom Stuttgarter Zeitungsverlag wurde die Zeitschrift in eine schwere wirtschaftliche Krise des Verlags hineingezogen, die Frankfurter Allgemeine stieg ein. 1978 folgte der Boom der Wissenschaftszeitschriften in Deutschland: Spektrum erschien mit Lizenz des „Scientific American“, daneben entstanden P.M. Magazin und GEO. Bald hatte das eher fachlich ausgerichtete Spektrum „bild der wissenschaft“ in der Auflage überholt. Gleichzeitig sanken die Anzeigenumsätze drastisch: Einerseits zehrte das Privatfernsehen an den Budgets, andererseits setzte die Industrie immer weniger auf Imageanzeigen, sondern wollte Werbung, die Produkte direkt verkauft – die aber eher für andere Zeitschriften geeignet sind.

Die neunziger Jahre (als ich selbst die Redaktion verantwortete) waren geprägt durch ein neues Verständnis von Zeitschrift: „bild der wissenschaft“ als Marke für seriöse, verständliche Informationen über Wissenschaft und ihre Bedeutung für die Gesellschaft. Das bedeutete auch: neue Wege der Information unter diesem Markenzeichen. Videos und Studienreisen kamen ins Programm, die Website „Wissenschaft.de“ lieferte ab 1996 täglich aktuelle Nachrichten, ein Wissenschafts-Shop bot Gadgets rund um Wissenschaft für Kinder und Erwachsene, jeweils mit informativem „Beipackzettel“, der Hintergründe und Zusammenhänge schilderte. Die Sonnenfinsternis 1999 wurde zur Vorbereitung eines Sonnenfestivals in Stuttgart mit Informationsveranstaltungen und Wissenschaftsjahrmarkt genutzt, begleitet von T-Shirts und Mützen, auf denen der Ablauf des astronomischen Ereignisses gezeigt wurde.

Inzwischen sind diese Nebenaktivitäten bei vielen Medien ganz normal. Line-Extension nennen dies die Verlagsmanager, wenn ihre Zeitungen Bücher, Schallplatten oder Wein unter ihrem Label anbieten. 2003 folgte für „bild der wissenschaft“ schließlich der Verlagswechsel, als Buch- und Zeitschriften der DVA getrennt wurden, zum Konradin-Verlag, ein vor allem auf Fachzeitschriften spezialisierter Verlag.

"bild der wissenschaft" heute - 50 Jahre und noch immer jung.

„bild der wissenschaft“ heute – 50 Jahre und noch immer jung.

Sein Fast-Monopol als Dreh- und Angelpunkt zur Kommunikation von Wissenschaft hat „bild der wissenschaft“ längst verloren. Ganz generell haben Zeitschriften heute kein Monopol mehr für Special-Interest-Themen. Neben weiteren Wissenschafts-Zeitschriften sind mit dem Aufblühen von Privatsendern, Spartenkanälen, Satellitenfernsehen und vor allem mit dem Internet für Interessierte in den vergangenen Jahrzehnten viele alternative Informationsmedien hinzugekommen. Dennoch bleiben Zeitschriften ein wichtiges Standbein der Wissenschaftskommunikation: Sie erreichen die Interessierten, die sich nicht nur einmal schnell ein paar Appetithappen hereinziehen wollen (wie im Internet), die dokumentiertes, nachles- und nachprüfbare Informationen wünschen (ganz anders als im Fernsehen), die andererseits breit interessiert sind, auch an aktuellen Entwicklungen (anders als in Büchern). Und das alles mit der Unabhängigkeit, der Kompetenz, der distanzierten Darstellung, der gesellschaftlichen Perspektive, dem Überblick und der kritischen Einordnung einer profesionellen Redaktion.

Insofern ist „bild der wissenschaft“ noch immer jung. Und ich persönlich wünsche dem Blatt viel Erfolg für die nächsten 50 Jahre.

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