Warum brauchen wir Wissenschaftskommunikation? – Papierstapel die Zweite

Posted on 27. Januar 2014

3


Papierstapel02_3303948572_73f3ccd009_o_s_zeimke

Eine Schatzkammer von Ideen – Der Stapel ungelesener Artikel neben dem Schreibtisch (Foto: O.S. Zeimke)

Reiner_Blog_miniÜber den Stapel noch ungelesener Papiere neben meinem Schreibtisch habe ich schon berichtet. Jetzt habe ich mir vorgenommen, mich intensiver um diesen Berg potenziell interessanter Artikel zu kümmern und den Modus der „halbautomatischen“ FIFO-Entsorgung (First In First Out, besser: von unten her wegwerfen) zu überdenken. Der Grund: Ich habe ich diesem Stapel einen wahren Schatz gefunden. Das Papier eines Sozialwissenschaftlers, der sehr differenziert und gestützt durch viele Untersuchungen darlegt, warum wir Wissenschaftskommunikation brauchen, wie sie funktioniert und welche Herausforderungen auf die Wissenschaftskommunikation warten.

Das Papier, auf das ich jetzt gestoßen bin, ist ein Vortrag von Dietram Scheufele, Professor für Life Science Communication an der der University von Wisconsin in Madison, zudem Honorarprofessor an der TU Dresden. Gehalten hat er ihn vor eineinhalb Jahren beim Sackler Colloquium „The Science of Science Communication“ der amerikanischen National Academy of Sciences (NAS) in Washington. Davon gibt es ein Video bei Youtube.

Als Paper ausgearbeitet wurde er veröffentlicht, wie alle Vorträge des Symposiums, in den Proceedings der Akademie im August 2013 und da entdeckte ich ihn durch einen Tipp von Alexander Gerber (Danke!). Es geht in dem Paper von Dietram Scheufele um das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft: „Communicating science in social settings“.

scheufele_klein

Dietram Scheufele, Professor für Life Sciences Communication an der Uni of Wisconsin/Madison

Das Wechselspiel von Wissenschaft und Gesellschaft hat mich persönlich umgetrieben, seitdem ich den Beruf des Wissenschaftsjournalisten ergriffen habe. Ich verstehe Wissenschaft als wichtigen Teil dieser Gesellschaft, zugleich in ihrer Funktion aber auch als Dienstleister für die Gesellschaft. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Das Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und Gesellschaft funktioniert ausschließlich über Kommunikation. Deswegen mein Interesse und mein Engagement für Wissenschaftskommunikation, auch weil ich der Meinung bin, dass sich hier bei uns noch viel verbessern lässt. Noch selten aber habe ich die Herausforderungen für die Wissenschaftskommunikation und das Verhältnis der Gesellschaft zur Wissenschaft so gut beschrieben gesehen, wie in diesem Beitrag von Dietram Scheufele.

Zunächst beschreibt Scheufele das Nicht-Verhältnis der Gesellschaft zur Wissenschaft. Dass ein großer Teil der Bürger in Bezug auf Wissenschaft ungebildet ist (nur etwa drei Viertel der Amerikaner wissen so etwas – für uns – triviales, dass unsereErde um die Sonne kreist, nur etwa zwei Drittel davon wiederum können angeben, dass ein Umlauf genau ein Jahr dauert) und uninteressiert ist, dürfte nichts Neues sein. Die Situation in Europa stellt sich vielleicht etwas anders dar, dennoch habe ich in diesem Teil von Scheuerles Darstellung einige Punkte vermisst –auch für Amerika. Etwa die Entwicklungen in unserer Gesellschaft in den letzten Jahren, auch durch das Internet: zunehmende Geschichtslosigkeit und Oberflächlichkeit, abnehmende Bedeutung von Autoritäten, eine deutliche Entwicklung zu mehr Partizipation usw. Auch dies mag in den USA anders sein als hier, ganz geht dies aber auch nicht an den Amerikanern vorbei, wenn man die Nachrichten aufmerksam verfolgt. Über Andeutungen aber geht Scheufele kaum hinaus. Doch das schmälert die Kraft seiner Argumente nicht.

science-communication

„Kommunikation“ von Diana Ong – Titelbild des Sackler Colloquium „The Science of Science Communication“

Er schildert etwa die Veränderungen in der Wissenschaft, da immer mehr Forschungsbereiche aus einem Komplex von Nano-Bio-Info- und Cogno-Wisseschaften mit großen Auswirkungen auf die Gesellschaft, komplexen Zusammenhängen und erheblichen Unsicherheiten bearbeitet werden und rasche politische Entscheidungen erfordern. Scheufele nennt dies „postnormal science“; Beispiele sind für ihn Klimawandel, Nanotechnologie, Synthetische Biologie, aber auch Hirnforschung, Stammzellforschung oder regenerative Medizin. Diese „postnormale Wissenschaft“ überfordert mit ihrer Komplexität, ihren Unsicherheiten, aber auch mit der Fülle von ethischen, juristischen und sozialen Fragen, die sie aufwirft, die Bürger einer Gesellschaft. Die Folge, so Scheufele, sie suchen Zuflucht zu einfachen Lösungen, die ihnen Religion oder Ideologie bieten, um ihre eigene Haltung zu den Auswirkungen der neuen Technologien zu finden.

Ich kann nicht den ganzen Artikel referieren. Es ist Arbeit, ihn zu lesen, aber die halbe Stunde lohnt sich für jeden, der Wissenschaftskommunikation ernst nimmt. Und vor allem lohnt sie sich für Wissenschaftler, die bislang noch nicht so überzeugt sind, warum sie Kommunikation ernst nehmen sollten. Scheufele schildert etwa die Auswirkungen, die sich aus dem Zerfall der überkommenen Medienstrukturen für die Wissenschaft ergeben, er räumt mit vier gängigen und naheliegenden Patentrezepten der Wissenschaftskommunikation auf, etwa mit dem Defizit-Modell, das behauptet, die Leute müssten nur mehr Wissenschaft verstehen, dann würden sie sie auch akzeptieren. Oder dass das Vertrauen der Öffentlichkeit in Wissenschaftler zuletzt drastisch abgenommen habe. Oder dass es möglich sei, wissenschaftliche Erkenntnisse ausschließlich auf Basis von Fakten und ohne persönliche Wertvorstellungen zu diskutieren. Oder mit der Vorstellung, die herkömmlichen Massenmedien könnten den Wissenschaften aus ihrem Kommunikationsdilemma heraushelfen.

PNAS_Titel_34.cover

Die Proceedings der National Academy of Sciences dokumentieren das Sackler Colloquium.

Scheufele hat erkannt, wie die Gesellschaft zu Wissenschaft steht und wie sie auf Wissenschaftskommunikation reagiert. Das ist eine entscheidende Basis, wenn Kommunikation erfolgreich sein soll. Alle seine Thesen sind gut mit den Ergebnissen von Studien belegt. Dadurch gewinnt sein Artikel die Kraft, Andersdenkende zu überzeugen oder zumindest zum Nachdenken zu bewegen. Scheufele aber ist kein Naturwissenschaftler, sondern Soziologe. Das ist eigentlich ein Vorteil, da er die Bemühungen der Naturwissenschaften um Kommunikation von Außen sieht, mit Distanz und weniger voreingenommen. Glücklicherweise schreibt er keinen Soziologen-Slang. Und dennoch könnte sein Background auch ein Nachteil sein: Auch in den Wissenschaften gibt es das NIH-Syndrom (Not Invented Here). Kann es sein, dass ein Soziologe den Hard-Facts-Wissenschaften sagt, was sie besser tun sollten? Oder brauchen die Nano-Bio-Info- und Cogno-Wisseschaften mehr Zusammenarbeit mit Soziologen, wie Scheufele das vorschlägt?

Wir sollten auf jeden Fall diesem Mann hier immer wieder  zuhören. Ich jedenfalls folge ihm jetzt auf Twitter.

Advertisements