Die Karten werden neu gemischt – „scienceblogs.de“ ist verkauft

Posted on 11. Februar 2014

2


Kartenspiel_485351_web_R_by_Benjamin Klack_pixelio.de_klein

Ein neues Spiel bei neuen Eigentümern – Die Szene der Wissenschafts-Blogs wird spannend. (Foto:B.Klack/pixelio)

Reiner_Blog_miniEs gibt Nachrichten, die verschwinden in der Flut der täglichen News, der großen Geschichten und in der Kakophonie derer, die sich für wichtig halten. Warum das so ist? Vielleicht haben Journalisten in der Masse die Bedeutung nicht erkannt, vielleicht wurde die Nachricht nicht professionell genug kommuniziert, oder der Urheber wollte gar nicht, dass sie an die große Glocke gehängt wird.

Wie auch immer: In diesen Tagen fanden sich – aber nur, wenn man danach suchte – zwei kleine Nachrichten im Internet, die einen Vorgeschmack geben auf große Veränderungen in der Welt der Wissenschafts-Blogs: Die Website „Wissen.de“ wurde von Bertelsmann verkauft. Und das renommierte Wissenschafts-Blogportal „Scienceblogs.de“ wurde von der amerikanischen Seed Media Group verkauft.

scienceblogs.de - deutsches Wissenschafts-Blogportal mit amerikanischen Eltern.

scienceblogs.de – deutsches Wissenschafts-Blogportal mit amerikanischen Eltern.

Käufer war in beiden Fällen ein Verlag, den kaum jemand in der Wissenschaftslandschaft so richtig auf der Rechnung hat: Konradin Medien in Leinfelden bei Stuttgart.

Konradin  ist ein eingeführter Fachzeitschriftenverlag mit einem bunten Spektrum von Blättern aus unterschiedlichsten Bereichen, von Elektronik und Augenoptik bis hin zur Architektur. Vor etwa zehn Jahren, als die Deutsche Verlags-Anstalt (DVA) ihre Zeitschriften aufgab, übernahm dieser Verlag, zusammen mit einigen Fachblättern, auch die Zeitschrift „bild der wissenschaft“, nebst der erfolgreichen website „wissenschaft.de“ (die ich Mitte der 90er Jahre selbst aufgebaut habe). Doch seither war kaum mehr etwas zum Thema Wissenschaft aus Leinfelden zu hören.

Scilogs_klein

Der große Gegenspieler scilogs.de – zwei Wissenschafts-Blogportale ähnlich aufgestellt.

Dann auf einmal in der letzten Woche der Doppelschlag – ja eigentlich ein Dreifachböller, den zugleich wurde das 50-jährige Jubiläum von „bild der wssenschaft“ gefeiert: „wissen.de“ war ursprünglich die Internet-Hoffnung der Bertelsmann-Tochter „Wissen Media Verlag“, erschien im Jahr 2000 zusammen mit einem Print-Titel, wurde sogar im Fernsehen beworben. Doch die großen Erwartungen erfüllten sich offensichtlich nicht, die Zugriffszahlen gingen zurück, die Website gewann zwar 2012 noch den Titel „Website des Jahres“ in der Kategorie Bildung, doch mit zuletzt 750.000 Unique Usern war das Projekt für einen Großverlag wie Bertelsmann zu klein. Doch bevor die populär aufgemachte und informative Website eingestellt wurde (wie schon angekündigt), übernahm sie Konradin.

Große Erwartungen war auch das Stichwort bei der Gründung von „scienceblogs.de“, das Wissenschafts-Blogportal, das 2008 von Hubert Burda Media zusammen und nach dem Vorbild der amerikanischen Scienceblogsmit der amerikanischen Seed Media Group gegründet wurde, als im Internet die Epoche der Blogs erste Wellen schlug. Burda erkannte schnell, dass noch kein Geschäft mit Blogs zu machen war und gab das Blogportal zurück (gegen eine Beteiligung an Seed Media), das laut Wikipedia zwischenzeitlich dann von Glam Media und National Geographic betreut wurde. Aber gemerkt hat man davon nichts.

Internet-erfahren, als redakteur und Beobachter: Sebastian Jutzi.

Internet-erfahren, als Redakteur und Beobachter: Sebastian Jutzi.

Na und? Mögen Sie fragen. Ein paar Fußkranke aus großen Verlagen, die jetzt neben der Wissenschaftswebsite „Scinexx.de“ und der etablierten Nachrichten-Börse „wissenschaft.de“ bei einem Fachverlag zusammengefunden haben? Immerhin kann ein kleiner Verlag viel besser in einem Nischenmarkt (wie Wissenschafts-Information) ein Medium entwickeln, als dies die großen Platzhirsche wie Bertelsmann oder Burda vermögen. Oder aber der Auftakt zum Kampf um die Vorherrschaft im Internet bei den Wissenschaftsthemen?

Bemerkenswert ist doch, dass bei Konradin jetzt ein ganzes Spektrum von Internetseiten zur Wissenschaft zu finden ist, von der populären Website über das große Wissensportal und der seriösen Nachrichtenquelle bis hin zum angesehenen Blogportal und dies mit besten Verbindungen zum großen wissenschaftlichen Blogportal „researchblogging.com“ in den USA, das ebenfalls von Seed Media betrieben wird, wo Wissenschaftler untereinander zu ihrer Arbeit bloggen. Dazu mit bestens eingeführten Verbindungen in die Print-Welt mit „bild der wissenschaft“, „natur“ (seit ein paar Wochen vom Internet-erfahrenen Chefredakteur Sebastian Jutzi geführt)und „damals“.

FischerZinken__lf.jpg.1202047

Engagiertes Doppel: Lars Fischer (l.) und Richard Zinken.

Gegenspieler in Deutschland könnte „Scilogs.de“ sein, das Blogportal von „bild der wissenschaft“-Konkurrent „Spektrum der Wissenschaft“, zusammen mit dem Wissenschaftsportal „wissenschaft-online.de“, engagiert betrieben von Verlagsleiter Richard Zinken und Redakteur Lars Fischer. Zahlen, wer wie stark im Geschäft ist, sind praktisch nicht zu bekommen. Laut dem Ranking „Alexa“ liegt Scienceblogs.de bei den Zugriffszahlen (Rang Deutschland: 6.596) vor Scilogs (10.428), aber der Scilogs-Verlagsleiter Zinken hat sicher recht, wenn er meint: „Alexa ist mit Sicherheit für deutsche Webseiten völlig unbrauchbar.“

Auf jeden Fall werden die Karten der deutschen Wissenschafts-Webseiten neu gemischt. In „Scienceblogs“ sind so populäre Blogs vertreten wie „Astrodicticum simplex“ von Florian Freistetter (von den Lesern dieses Blogs schon zwei Mal zum Wissenschafts-Blog des Jahres gewählt, auf der ebuzzing-Rangliste der einflussreichsten Wissenschaftsblogs auf Rang 1), aber auch journalistisch engagierte wie Plazeboalarm von Marcus Anhäuser, oder andererseits dem verschlafenen Blog des Deutschen Museums, der sich in der Regel mit zwei Einträgen im Jahr begnügt . Die Blogs in „Scilogs“ sind öfter einmal etwas für Spezialisten, aber lesenswert, etwa „Quantensprung“ von Beatrice Lugger, „Fischblog“ von Lars Fischer (ebuzzing: Rang 7), die „KlimaLounge“ des Klimaforschers Stefan Rahmstorf (ebuzzing: Rang 10) oder „Sciencestarter“, der erste deutsche Crowdfundig-Plattform der Wissenschaft von Wissenschaft im Dialog.

Es wird vom Engagement der Blogger und der Verlage abhängen, welches der beiden Schwergewichte sich durchsetzen wird. Was Engagement betrifft scheint bisher Scilogs die Nase vorn zu haben, doch neue Besen kehren gut. Man darf gespannt sein. Vor allem aber wird es interessant, wenn einer der Verlagsmanager die entscheidende große Idee hat: Wie sich mit Blogs Geld verdienen lässt. Denn nur dann ist die Zukunft dieser Magazine des Internet-Zeitalters endgültig zu sichern: Die Karten sind verteilt, jetzt kommt es darauf an, wer aus seinem Blatt das Beste macht.

Advertisements