Si tacuisses …. – Ein Uni-Präsident schwadroniert

Posted on 5. März 2014

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Fernsehdiskussion um Wissenschaftsjournalismus enthüllt Strukturmängel.

Reiner_Blog_miniEigentlich ist die Geschichte eine Randnotiz und schnell erzählt: Deutscher Professor, immerhin Präsident einer großen Universität, haut bei einer Fernsehdiskussion auf die Pauke und behauptet, es gäbe in Deutschland nur noch zehn gute Wissenschaftsjournalisten. Die Wissenschafts-Pressekonferenz (WPK), Vereinigung der Wissenschaftsjournalisten, protestiert in einem Offenen Brief. Professor entschuldigt sich in einer Antwort und greift die vorgeschlagene Ausrede „herausgerutscht“ gern auf. Ende.

ENDE??? HERAUSGERUTSCHT??? Denn bei genauerem Hinsehen zeigt dieser „Ausrutscher“ des Wissenschaftlers sehr viel mehr, als lediglich eine Ungeschicklichkeit. Es zeigt die Hybris mancher Wissenschaftler und die Mängel der Kommunikationsinfrastruktur in der Wissenschaft, und das an ganz besonders sensibler Stelle. Doch der Reihe nach:

Journalismus-Professor Holger Wormer

Die Diskussion fand am 18. Februar beim Science Circle „Wissenschaft und Medien“ im „Studio Campus“ zum ersten Wissenschaftstag des RBB statt. Es ging um Wissenschaftsjournalismus. Wer sich die Diskussion gern im Video ansehen möchte, findet sie auf diesem Link (die interessante Stelle der Diskussion etwa ab Minute 32).

Dann kam es zum Disput zwischen Prof. Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund, und dem Präsidenten der Berliner Humboldt-Universität,  Prof. Jan-Hendrik Olbertz. Wormer warnte zunächst kurz die Forscher vor „zu gut verkauften“ Pressemitteilungen in der Wissenschafts-PR. Sie würden die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft gefährden. Dann kam Prof. Olbertz, hier im Original-Transkript:

„Da muss ich auch ein bisschen gegenhalten. Es ist schon richtig, dass man eine Sache durchdrungen haben muss, wenn man sie vereinfachen will. Das heißt, ich muss wissen, worin ihre Kompliziertheit betrifft, um sie dann intelligent zu reduzieren.

HU-Präsident Jan-   Olbartz

HU-Präsident Jan-Hendrick Olbartz

Aber ich will einmal eine Lanze für Herrn Einhäupl brechen (der gerade die Medien aufgefordert hatte, die Menschen nicht zu verunsichern, d. Red.): Wie ist es denn um die journalistische Sorgfalt  und Freiheit und Verantwortung bestellt, wenn sie nach Quoten und Auflagen justiert wird? Was mache ich denn mit einem prekär beschäftigten freien Mitarbeiter der dringend die nächste Story braucht, um über Wasser zu bleiben, einfach?

Und ich sage Ihnen einmal eines voraus: Die zehn wirklich renommierten und guten Wissenschaftsjournalisten, die wir in Deutschland noch haben, wenn deren Stellen frei werden, bin ich ziemlich sicher, die werden ersetzt durch freie Mitarbeiter, die dann eben frei flottierend Geschichten immer wieder aufkochen ohne in die Hintergründe hinein zu recherchieren, mit schnellen Stories kommen müssen. Also das Argument, das Sie gebrauchen, das gibt es tatsächlich von Seiten …

Einwurf Wormer: …wie haben  Sie denn die Zahl zehn erhoben in dem Fall?

Olbertz: Weil es die zehn sind, die ich in seriösen Zeitungen mit wirklich tiefen und langfristigen Recherchen wahrnehme. Ansonsten sehe ich einen legitimen Unterhaltungsaspekt, klar die gibt es auch, die habe ich jetzt nicht mitgerechnet, die das ganz nett machen. Aber ich meine jetzt wirklich Wissenschaftspublizistik im ursprünglichen Sinne des Wortes. Die im Übrigen beispielsweise auch über das Spektrum der Wissenschaften in Gänze ein bisschen  Bescheid weiß, die sich auch Geisteswissenschaften zuwenden kann, die den Mut hat, die Frage nach dem Sinn von Dingen weiterhin aufzuwerfen oder unseren Kompetenzverlusten, die mit der Technik einhergehen – also kritischer Wissenschaftsjournalismus, der wirklich aus Hintergründen heraus sich speist von Wissen und Können. Da würde ich einmal sagen, viel mehr als zehn sind das nicht. Namen werde ich jetzt nicht nennen. Auf das Eis werden sie mich jetzt nicht führen. Nachher gerne….“

Zuerst das Positive zu diesem Statement: Olbertz hat sicher recht, dass es in Deutschland viel zu wenige Journalisten gibt, die Wissenschaft als Ganzes, sozusagen als gesellschaftlichen Partner verstehen, sich nicht nur um die speziellen Inhalte, sondern auch um Themen kümmern, wie das Verhältnis der Wissenschaft zur Gesellschaft, die Entwicklungen der Ethik, die geistigen und gesellschaftlichen Veränderungen innerhalb der Wissenschaft oder ähnliche wichtige Dinge. Da käme ich noch nicht einmal auf die Zahl zehn.

Doch sonst? „Si tacuisses philosophus mansisses“ (Wenn Du geschwiegen hättest, wärst Du Philosoph geblieben), fällt mir da ein. Denn sein Statement ist natürlich eine Ohrfeige – zunächst einmal für die freien Journalisten, aber insgesamt für alle Wissenschaftsjournalisten. Insbesondere da Olbertz sagt „es gibt“, es also als Tatsache darstellt, nicht als persönlichen Eindruck, ja noch nicht einmal Medien oder Genres genannt hat, die er für gut befindet. Und mit der Zahl zehn hat er natürlich alle der mehr als 2.000 oder 3.000 Journalisten, die sich im Feld Wissenschaft tummeln, vor den Kopf gestoßen. Prof. Wormer, selbst ehemals Journalist, meinte dazu in der „Sprechstunde“ des „Medien-Doktors“ seines Lehrstuhls: Was hielte Olbertz wohl davon, wenn jemand behauptet „In Deutschland gibt es nur noch 10 Universitätspräsidenten, die wissenschaftliche Tugenden wirklich immer über hochschulpolitische Eigeninteressen stellen.“

Repräsentativ in der Prachtmeile - Die Humboldt-Universität in Berlin.

Repräsentativ in der Prachtmeile – Die Humboldt-Universität in Berlin.

Da geht es zunächst natürlich um die Beleidigung eines ganzen Berufsstandes, zudem noch eines Berufs, dessen Wert Universitäten eigentlich sehr hoch schätzen (und dessen Situation sie kennen) sollten. Doch das Statement wirft für mich weit wichtigere Fragen auf, die viel mit Wissenschaftskommunikation und der Stellung der Kommunikatoren in den Wissenschaftsinstitutionen zu tun haben.

Ganz kurz vor allem drei:

  • Einmal das ungeschickte Kommunikationsverhalten des Humboldt-Präsidenten, der die Prestige-Hochschule der Hauptstadt repräsentiert, der es gewohnt sein müsste, in Debatten mit Politikern und Journalisten „gebraten“ zu werden (vor allem auch angesichts seiner Vergangenheit als Politiker), und richtig zu reagieren, wenn er sich einmal vergaloppiert hat. Muss er dann noch selbstherrlich nachlegen, dem Diskussionspartner vorwerfen, er wolle ihn aufs Glatteis führen und großsprecherisch behaupten, er würde „nachher gerne“ seinen Frontalangriff mit Namen belegen (die er Wormer offensichtlich bis heute nicht benannt hat)? Da ist für einen Mann in dieser Stellung ein Medien- und Argumentationstraining notwendig, das auch enthält, wie man sich, wenn man sich einmal versteigt, elegant wieder zurückzieht. Das wäre angemessen und dazu sollten ihm seine Kommunikatoren dringend raten.
  • Zum zweiten die mangelnde Kenntnis über die Medienszene, hier des für ihn wichtigen Wissenschaftsjournalismus, bei einem Mann im Spitzenmanagement in hochpolitischer, herausgehobener Funktion, der die Medienlandschaft offensichtlich nicht kennt und sich noch nicht einmal schlau gemacht hat, bevor er in eine Fernsehdiskussion geht (hat er keinen Pressesprecher, der ihn briefen kann?). Und dann trifft er allein auf der Basis seiner persönlichen Wahrnehmung generelle Feststellungen! (Oder ist das typisch Wissenschaftler? Oft genug erlebe ich Statements mit den Scheuklappen des eigenen Fachs, ohne Interesse, Offenheit oder Wahrnehmung, dass es – fast immer – auch ganz andere Perspektiven zu einem Problem geben könnte.)
  • Und schließlich die Rolle der Forschungssprecher der Universität: Brieft Ihr Euren Präsidenten nicht, bevor er sich auf das Podium begibt, gebt ihm Fakten, aktuelle Argumente, Entwicklungen an die Hand, damit er die Universität gut nach Außen vertreten kann? Oder fragt er Euch gar nicht? Oder etwa erfahrt ihr gar nichts von einem Fernsehauftritt des Präsidenten?

Ein Ausrutscher waren die Äußerungen von Olbertz jedenfalls nicht allein – mag sein zunächst, aber dann hat er falsch reagiert und er war schlecht vorbereitet: Eine schwerwiegende Kommunikationspanne, die zeigt, wie es sich rächt, wenn die Strukturen und internen Kommunikationswege einer Institution wie der Humboldt-Universität doch offensichtlich noch nicht an die Kommunikationsanforderungen angepasst sind, die Öffentlichkeit, Politik, Medien und Journalisten heute an die Wissenschaft stellen. Die WPK ist in ihrem Offenen Brief noch viel zu zahm damit umgegangen.

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