Vorsicht Falle – Wenn die Schwerkraftwellen hohe Wellen schlagen

Posted on 20. März 2014

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Farbflecken, die „nature“ für eine Revolution hält – Das Ergebnis der Messungen am Südpol-Teleskop (Bild: Kovac)

Reiner_Blog_miniFrüher einmal galt die amerikanische Weltraumbehörde NASA als erstklassige Nachrichtenquelle aus der Wissenschaft, wenn irgendwelche neuen Resultate von der Erde oder aus dem Weltraum zu vermelden waren – professionell aufbereitet, zuverlässig, von hohem Informations- und Unterhaltungswert. Heute fragt sich der Insider, wenn die NASA großartige Neuigkeiten verkündet: Will die NASA schon wieder einmal schwierige Budgetverhandlungen beeinflussen?

Das Beispiel NASA zeigt, wie schnell Glaubwürdigkeit verloren geht. Durch Instrumentalisierung, durch Übertreibungen, durch mangelhaft belegte „wissenschaftliche“ Ergebnisse, durch „Überverkaufe“ wie es im Jargon heißt. Höhepunkt war die vermeintliche Entdeckung von Arsen-Bakterien, die äußerst wirkungsvoll verkauft wurden: als Hinweis auf gänzlich andere Lebensformen auf fernen Planeten. Selbst „Science“ spielte mit, bis die Arbeit Wochen später schließlich wegen wissenschaftlicher Fehler zurückgezogen werden musste.

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Der Astrophysiker John Kovac.

An diese Vorgänge erinnerte mich der Hype, der am Dienstag weltweit losbrach, als amerikanische Wissenschaftler um den Astrophysiker John Kovac, Harvard University in Cambridge/Massachusetts, bekanntgaben, erstmals Belege für Schwerkraftwellen gefunden zu haben. Und mehr noch, die Entdeckung ist anscheinend auch ein Beleg für die „Inflation“, also die überschnelle Ausdehnung des Universums in den ersten Sekundenbruchteilen nach dem Big Bang, wie sie der Theoretiker Alan Guth, Weisskopf-Professor am MIT in Cambridge, in seinem Inflations-Modell beschrieben hatte. Und es eröffnet sich anscheinend für die Kosmologie ein Fenster zurück bis auf Sekundenbruchteile an den Urknall heran (Bisher galt die kosmische Hintergrundstrahlung, die 380.000 Jahre nach dem Big Bang entstand, als Grenze des Beobachtbaren). Diesmal mischte das britische Fachblatt „nature“ mit, jubelte – ganz ungewöhnlich – in den höchsten Tönen, fernab jeder wissenschaftlichen Zurückhaltung, sprach sogar von einer „Revolution“, veröffentlichte gleich in der aktuellen Ausgabe einen Sonderteil zu Schwerkraftwellen, sprach von „nobelpreiswürdiger Arbeit“ –  und weltweit veröffentlichten Presse und Fernsehen umfangreiche Beiträge unter dem Motto: Die von Albert Einstein prognostizierten Schwerkraftwellen sind entdeckt. (Die wahrscheinlich wissenschaftlich wichtigere Konsequenz für das Inflations-Modell kam – wenn überhaupt – erst an zweiter Stelle.)

Schön, wenn Wissenschaft einmal eine derartige Aufmerksamkeit in den Medien bekommt. Doch wer ein wenig hinter die physikalischen Tatsachen schaut, sieht schnell, dass die Ergebnisse vom Südpol wohl kein direkter Beweis sind, sondern indirekte Indizien. Die Forscher um John Kovac fanden mit Hilfe des Südpol-Radioteleskop“Bicep2“, winzige Polarisationsänderungen in der Hintergrundstrahlung. Aufregend genug, aber wie weit sie als zweifelsfreier Beweis herhalten können, wird sicher die Diskussion der nächsten Monate zeigen. „nature“ befragte acht Fachleute, betitelte diese Umfrage überschwänglich mit „Experten bejubeln die Gravitationswellen-Revolution“. Doch auch diese Fachleute sind zum Teil viel vorsichtiger: „Wie mit jeder neuen Messung würde ich vorsichtig damit umgehen“, meint Charles Lawrence in „nature“. Und er war nicht als Einziger unter den Koryphäen zurückhaltend.

Astronomie im ewigen Eis - Das Millimeter-Radioteleskop "Bicep2" (rechts) an der Südpolstation.

Astronomie im ewigen Eis – Das Millimeter-Radioteleskop „Bicep2“ (rechts) an der Südpolstation.

Ganz unabhängig, ob die Ergebnisse nun ein wissenschaftlicher Beweis sind oder ob noch Zweifel bestehen: Überzeugen kann der Jubel der amerikanischen Wissenschaftler und der britischen Fachzeitschrift nicht. Ist es vielleicht nur eine Reaktion der amerikanischen Physiker auf den Coup, den ihre europäischen Kollegen im letzten Jahr mit der Entdeckung des Higgs-Bosons geschafft hatten – spektakuläre Ankündigung der Entdeckung und Nobelpreis kurz hintereinander? Oder ist es vielleicht eine kaum verklausulierte Bewerbung um den

Sein Inflationsmodell wurde bestätigt - der Physiker Alan Guth.

Sein Inflationsmodell wurde bestätigt – der Physiker Alan Guth.

Nobelpreis – es ist schon auffällig, dass selbst Alan Guth, der „Erfinder“ der Theorie zur Inflation, offen davon spricht „… ist absolut einen Nobelpreis wert.“ Schließlich würde bei Nobel-Würden ein Teil wohl auch an ihn gehen. Selbstbewerbung um den Nobelpreis? Eigentlich ein absolutes Tabu.

Übrigens, es gab schon einmal einen amerikanischen Physiker, der meinte, Schwerkraftwellen entdeckt zu haben: Das war Joseph Weber, der 1970 glaubte, den Beweis für Einsteins Prognose mit einem Aluminiumzylinder gemessen zu haben. Was sich als Trugschluss herausstellte. Immerhin stieß Weber damals den Hype um die Schwerkraftwellen an, der weltweit zu riesigen Investitionen führte, in Deutschland beispielsweise zum Schwerkraftwellen-Observatorium GEO600 in Ruthen bei Hannover. Und dem wir indirekt jetzt auch die Ergebnisse von John Kovac verdanken.

Doch irgendetwas, so scheint es mir, ist in der Kommunikation gründlich schief gelaufen: Wissenschaftliche Revolutionen ereignen sich nicht plötzlich. Auch der Nachweis der Polarisationswellen mit dem Südpol-Observatorium hat drei Jahre gedauert.  Das Resultat ist tatsächlich riesig, bedeutete es doch Vieles zugleich: Kosmologisch ein Fenster zu den ersten Sekundenbruchteilen nach dem Urknall und den Beweis für Guths Inflationstheorie, quantenphysikalisch die endgültige Einordnung der Schwerkraft als Quanten-Gravitation und die Perspektive auf neue Belege für eine Grand Unified Theory und generell eine Versöhnung von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie mit der Quantenphysik.

Wer ein Ergebnis mit solchen Perspektiven als Überraschung auf den Tisch legt, muss viele Fragen beantworten, die weit über den Horizont eines einzelnen Wissenschaftlers hinausgehen. Besser ist es da, entweder ganz nüchtern die Resultate zu schildern und die Konsequenzen eher hintan zu stellen, oder aber die Medien, die Kollegen und die Öffentlichkeit Stück für Stück auf die Sensation vorzubereiten, schließlich können so alle Forscher mit einbezogen werden, die zu dem Erfolg beigetragen haben.

Wie das gehen kann, haben die Physiker des europäischen Kernforschungszentrums CERN bei der ebenfalls sensationellen Entdeckung des Higgs-Bosons vor Augen geführt: Erst haben sie jahrelang darüber gesprochen, dass sie das Higgs-Teilchen suchen und wie schwierig das ist, dann haben sie angekündigt, dies mit dem Beschleuniger LHC ernsthaft versuchen zu wollen, dann haben sie bei einer Pressekonferenz dargestellt, dass sie es wahrscheinlich gefunden haben, ein halbes Jahr später kam die offizielle Bestätigung. Jeder war vorbereitet, kannte die Bedeutung der Entdeckung, die Medien berichteten ausführlich und in allen Darstellungsformen, selbst das blödsinnige Wort vom „Gottesteilchen“ – wissenschaftlich unsinnig, doch für die mediale Wirkung von enormer Bedeutung – war frühzeitig in die Welt gesetzt. Das ist gutes Spin-Doctoring. Dabei ist die Bedeutung der Entdeckung des Higgs-Teilchens meines Erachtens deutlich geringer als die Ergebnisse von Kovac, wenn da keine Fragen offen bleiben. Für ein Mal hätten die Amerikaner von den Europäern in punkto Wissenschaftskommunikation etwas lernen können, zumindest von den Profis am CERN.

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