Nur Rechtsanwälte sind schlimmer – Wie Wissenschaftskommunikation funktioniert

Posted on 26. März 2014

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Was kommt beim Publikum an? - Psychologie hilft bei der Frage aller Fragen. (Foto: C.Erbel/pixelio

Was überzeugt das Publikum? – Psychologie hilft bei der Frage aller Fragen. (Foto: C.Erbel/pixelio

Sie haben mit Ihrem Kommentar ja so recht, liebe Antonia Rötger: Psychologie ist höchst spannend für die Wissenschaftskommunikation. Wir tun doch als Kommunikatoren nichts anderes, als ständig mit der Psyche anderer Menschen umzugehen und hören doch so selten (jedenfalls hier in Deutschland) wie die Psyche unserer Zielgruppen eigentlich funktioniert. Denn eines ist für Profis sicher trivial: Kommunikation funktioniert nur, wenn wir nicht nur auf den Wissenstand und das Sprachniveau der Menschen eingehen, die wir erreichen wollen, sondern auch auf ihre Gefühle und ihre Wertvorstellungen.

Jetzt bin ich durch einen Tweet (Danke Dietram Scheufele) auf das Video des Referats der amerikanischen Sozialpsychologin Susan Fiske (Princeton University) gestoßen, den sie beim zweiten Sackler Kolloquium „Science of Science Communication“ gehalten hat, zwar schon im Herbst letzten Jahres, doch ihre Erklärungen, wie Vertrauen, Glaubwürdigkeit und menschliche Nähe in der Kommunikation entstehen und welch wichtige Rolle sie spielen, sind so brilliant und zeitlos aktuell, dass ich die Anregung von Antonia Rötger gern aufgreife, sie hier darzustellen. Und nicht zuletzt ist es wichtig genug, wenn sich eine der bedeutendsten Psychologinnen unserer Zeit mit Wissenschaftskommunikation befasst.

Wer sich das Video direkt ansehen möchte (23 Minuten, die sich lohnen, auch wenn sie eher eine unterkühlte Rednerin ist), findet es hier.

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Prof. Susan Fiske – renommierte Sozialpsychologin

Zunächst die schlechte Nachricht: Wissenschaftler haben ganz miserable Voraussetzungen für die Kommunikation mit anderen Menschen. „We have the respect of our audiences but we don’t have the trust.“ (Wir haben den Respekt unserer Zuhörer, aber wir haben nicht ihr Vertrauen.) fasst die Psychologie-Professorin an der Princeton-Universität die Situation zusammen. Vertrauen aber ist für das Überzeugen eines Zuhörers absolut notwendige Voraussetzung. Wie gewinnt man jedoch Vertrauen? Vor allem über die Emotionen, ist ihre Antwort. Es geht darum, die Nähe der Menschen zu finden, die der Wissenschaft fern stehen. Fiske bezeichnet dies als „Warmth“ (Wärme). Denn eine grundlegende Eigenschaft von Menschen scheint es zu sein – quer durch alle Schichten, Nationen und andere  Gliederungen, möglicherweise aus der Entwicklungsgeschichte überkommen – vor allem jenen zu vertrauen, die einem nahe stehen, die mit ihnen die gleichen Werte und Ziele teilen.

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Zwischen Kompetenz und menschlicher Nähe – Wissenschaftler wirken nicht sehr überzeugend. (Quelle: Friske)

In einem Diagramm hat sie aufgetragen, was sie und ihre Mitarbeiter bei Befragungen herausgefunden haben: Welche Fähigkeiten und welche „Wärme“ welchen Berufsgruppen zugeordnet werden, wobei sie letzteres mit Vertrauenswürdigkeit übersetzt. Das Ergebnis: Wissenschaftlern, Professoren, Forschern und Ingenieuren wird zwar eine hohe fachliche Kompetenz zugemessen, aber nur eine geringe soziale Wärme. (Leider habe ich nur eine kaum lesbare Kopie dieses Charts gefunden; „Researcher“, „Scientist“, „Professor“ stehen zusammen mit „Engineer“ in der oberen Hälfte des unteren rechten Kreises.) Nur Rechtsanwälte und Vorstandsvorsitzende schnitten noch schlechter ab. Genau diese Kombination (hohe Kompetenz, geringe „Wärme“) ist es aber, die bei den Menschen eher Neid weckt als Vertrauen. Und die Reaktionen der Menschen auf Berufsgruppen mit diesen (zugemessenen) Eigenschaften sind eher Gleichgültigkeit gegenüber ihren Sorgen und Freude über ihre Probleme. Susan Friske benutzt dabei das deutsche Wort „Schadenfreude“.

Die Sozialpsychologin belässt es nicht bei der Zustandsbeschreibung. Sie zeigt auch Wege, wie die Wissenschaftskommunikation damit umgehen kann. Konkret bezieht sie sich zwar lediglich auf Klimaforschung, doch ihre Empfehlungen lassen sich ohne weiteres auf die gesamte Wissenschaftskommunikation übertragen: Weniger die Menschen belehren, sondern ihnen viel mehr über die ehrenwerten Absichten erzählen, die man mit den eigenen Forschungen und deren Konsequenzen verfolgt.

„Menschen können sehr gut Absichten erkennen, die jemand verfolgt“, macht die Psychologin Mut. „Sie glauben aber zu wissen, dass Wissenschaftler mit Statistiken lügen, dass sie einfache Dinge verkomplizieren, dass sie mit ihrer Überlegenheit andere dominieren, dass sie viele Forschungsgelder einstreichen, grenzenlos agieren und großen Firmen schaden.“ (Letzteres gilt sicherlich konkret für die Klimaforschung, während sonst Forscher wohl eher im Verdacht stehen, mit Konzernen gemeinsame Sache zu machen.)

Bei diesen Voraussetzungen in der Bevölkerung Vertrauen zu gewinnen, geht – aber es ist kompliziert und ein langer Weg: „Nicht überzeugen oder belehren wollen, sondern abwägend argumentieren und Unsicherheiten kommunizieren.“ Entscheidend für den Erfolg der Wissenschaftskommunikation aber ist es nicht, recht zu haben, sondern das Vertrauen durch Nähe und gemeinsame Werte zu gewinnen. Nur so, meint die Sozialpsychologin, deren Spezialgebiet die Erforschung von Klischees und Vorurteilen in der Gesellschaft ist, lassen sich Vorbehalte überwinden und Menschen überzeugen.

Ein nachdenkenswerter Vortrag, finde ich. Wobei für mich vor allem die scheinbare Ferne von Wissenschaftlern von mitmenschlicher Wärme erschreckend ist. Wissenschaft wird doch von Menschen gemacht, keine menschlichen Regung sollte daher Wissenschaftlern und der Wissenschaft fremd sein. Sie in der Kommunikationsarbeit darzustellen und zu vermitteln, ohne dabei an wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit zu verlieren, das aber ist wirklich eine große Aufgabe. Ein Grund mehr, und ein wichtiger, weshalb Wissenschaftskommunikation ausgebuffte Kommunikationsprofis braucht.