Hoodie oder Schlips? – Der Journalismus steckt im Systemwandel

Posted on 10. April 2014

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Man geht mit den Trends - Hoodie und Selfie, zumindest der Hoodie beherrscht die Journalismusdebatte.

Man geht mit den Trends – Hoodie und Selfie, zumindest der Hoodie beherrscht die Journalismusdebatte.

Es ist schon bemerkenswert, an welchen Nebensächlichkeiten oft große Entwicklungen festzumachen sind: Da geht es beim Journalismus – immerhin ein wichtiges Element unserer Gesellschaftsordnung – um einen fundamentalen Systemwandel und die öffentliche Debatte darüber hört sich an, als wäre es der Lieblingspulli eines Protagonisten: Wieviel ist Hoodiejournalismus wert,  angelehnt an den englischen Begriff für Kapuzen-Sweatshirt. In Wirklichkeit geht es um die Vorherrschaft, vielleicht sogar das Überleben des Journalismus in den überkommenen Medien: Was ist wichtiger – online oder offline?

Journalisten wichtige Zielgruppe der Wissenschaftskommunikation

Süddeutsche-Online-Chef Stefan Plöchinger

Süddeutsche-Online-Chef Stefan Plöchinger

Journalisten sind für Forschungssprecher eine der wichtigsten Zielgruppen. Deshalb ist es essentiell, die wichtigen Entwicklungen in diesem Feld imAuge zu behalten, schon weil man die eigene Arbeit darauf ausrichten muss. Bisher waren die Internetauftritte der Medien mehr oder weniger Ableger der Stammredaktionen: Die Online-Redaktionen lebten als Ergänzung zu TV, Radio, Zeitung oder Magazin, für die Öffentlich-Rechtlichen Anstalten ist dies sogar im Staatsvertrag festgelegt. Für Pressesprecher galt die Regel: Vor allem die Stammredaktion gut betreuen, online ergibt sich dann von allein. Wenn aber die Online-Redaktion ebenso wichtig ist im internen Informationsfluss der Medien, dann heißt dies auch, die eigenen Online-Aktivitäten anzupassen, dann geht es nicht mehr, wie bei den Vorwürfen zur militärischen Forschung beim Alfred-Wegener-Institut geschehen, wichtige aktuelle Stellungnahmen auf die Homepage zu stellen (auf die ein erfahrener Online-Journalist selten geht), sie bei den Presseinformationen aber zu verschweigen.

Wissenschaft online oder offline kommunizieren?

Springer-Verlagschef Matthias Döpfner

Springer-Verlagschef Mathias Döpfner

Doch der Reihe nach: Hoodiejornalismus oder die Priorität von Online oder Offline. Ausgelöst wurde die Debatte um die Kapuzenjacke durch Widerstände in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung, den Online-Chef Stefan Plöchinger in die Chefredaktion der Süddeutschen aufzunehmen. Dieser Schritt bei einem deutschen Vorzeigemedium wäre eine gewaltige Aufwertung der Online-Journalisten (die bisher nicht nur von den Kollegen als Journalisten zweiter Klasse betrachtet, sondern meist auch schlechter bezahlt wurden). Journalismus Online gleichwertig mit der (durch berechtigtes Selbsbewußtsein getragenen) Professionalität der Print-Kollegen bei der Süddeutschen? Egal ob es die Widerstände in der SZ-Redaktion gab (Belege existieren natürlich nicht) oder nicht, die Diskussion machte sich am Lieblingskleidungsstück von Online-Chef Plöchinger fest, einem Kapuzenpullover – für die „ach so seriösen“ Schlipsträger der Printredaktion angeblich ein Horror. Selbst der Online-affine Springer-Chef Mathias Döpfner schaltete sich ein und nannte die Kritik am Online-Journalismus „reaktionär“: „Zu sagen das Internet macht den Journalismus dumm, ist saudumm“. Recht hat er einmal.

Dass Journalismus im Internet oft oberflächlicher ist, weniger tiefgehend recherchiert und reflektiert, mag ja sein, liegt vor allem auch an den Budgets und der Personalausstattung von Online-Redaktionen. Ein lesenswertes Thesenpapier dazu haben der Online-Chefredakteur der „Zeit“, Jochen Wegner, und der Stellvertretende Zeit-Chefredakteur Bern Ulrich veröffentlicht. Doch in Wirklichkeit geht es doch gar nicht um die Qualität des Online-Journalismus: Es geht darum, dass Online-Medien (zumindest zum Teil) eine Verbreitung, eine Nutzungsintensität und ein Qualitätsniveau erreicht haben, dass die Journalisten der herkömmlichen Medien sich in ihrer Position bedroht fühlen. Und die alte Vormacht wehrt sich.

Ein Fazit für Forschungssprecher

Zeit-Online-Chef Jochen Wegner

Zeit-Online-Chef Jochen Wegner

Stellv. Chefredakteur der Zeit Bernd Ulrich

Stellv. Chefredakteur der Zeit Bernd Ulrich

Da spielen Argumente eine Rolle, die ernsthafte Journalisten sonst weit von sich weisen (etwa, dass die überkommenen Medien das Geld verdienen und damit Online alimentieren). Manches errinnert an die Zeit und die Reaktionen der Print-Medien, als vor über 60 Jahren das Fernsehen aufkam. Schlussfolgerung daraus: Es wird darauf hinauslaufen, dass Online- und Offline-Medien nebeneinander existieren, gleich wichtig und gleich renommiert, aber in unterschiedlichen Rollen.Doch diese Rollen müssen sie erst einmal finden.

Mein Fazit für Forschungssprecher: Erstens die wachsende Bedeutung der Online-Medien in der Medienlandschaft weiter beobachten und als Teil der Rahmenbedingungen in alle eigenen Aktivitäten mit einbeziehen. Und zweitens: Wer heute noch glaubt, es genüge eine einigermaßen gebastelte Website seines Instituts zu haben um einige Interessierte im Internet zu informieren, sollte umlernen: Die Online-Aktivitäten in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sind inzwischen wichtiger als die Zahl und die Qualität der Pressemitteilungen, mit gezieltem Konzept, zielgruppengerecht, aber auch mediengerecht.

Ich selbst bekenne mich nach zwanzig Jahren als Chefredakteur verschiedener Print-Titel offen als „Hoodiejournalist“ im Sinne von Wegner und Ulrich, nicht nur weil ich Krawatten als leere Form betrachte und nie trage, sondern weil ich – seit ich vor bald zwanzig Jahren die Website www.wissenschaft.de konzipiert habe – die Vorteile von Online für Recherche und Publikation (z. B. Aktualität, weltweite Reichweite) gezielt nutze, aber auch die Grenzen dieses Mediums (z.B. Mangel an unabhängiger und recherchierter Information) erkannt habe. Und zugleich bemerke ich doch, dass ich auf Auslandsreisen nicht mehr jeden Tag verzweifelt einen Kiosk suche wie früher, um mich mit aktuellen Zeitungen zu versorgen, sondern lieber im Ipad die online-Medien, verschiedene Websites und vor allem Twitter nach relevanten und interessanten Informationen zum Tagesgeschehen scanne. Das ist der Medienwandel aus Nutzersicht, den der Journalismus gerade erlebt.

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