Die spannendsten Forscher-Blogs, Folge 2 – Der Fraunhofer IAO-Blog

Posted on 6. Mai 2014

1


KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

Ideen und Informationen aus der eigenen Forschung weltweit verbreiten – Instituts-Blogs als geniales Instrument der Wissenschaftkommunikation. (Bild: S.Hofschläger/Pixelio)

Reiner_Blog_miniForscher haben viel zu erzählen, schließlich ist Forschung eines der spannendsten Dinge, die Menschen tun können: Fragen stellen, Wege zur Beantwortung finden, beharrlich „bohren“ und „nachbohren“, Zufälle nutzen und letztendlich Dinge erfahren und erklären können, die kein Mensch vorher jemals gewusst hat: Wissen schaffen.

Institutsblog_Aufruf02Diese Erlebnisse mit anderen zu teilen, bringt nicht nur die eigene Forschung voran, es bereichert auch das Wissen der Menschheit oder von einzelnen Gruppen. Forscher-Blogs – für Kollegen, Freunde, Medien, Interessierte oder für die breite Öffentlichkeit – sind ein geniales Instrument, um andere an der eigenen Arbeit teilhaben zu lassen, an den Ergebnissen und Einsichten, aber auch an den Freuden, den Enttäuschungen, den Emotionen.

Deshalb haben wir die Reihe „Die spannendsten Forscher-Blogs“ gestartet. Heute die zweite Folge, nach dem Helmholtz-Blogportal stellen wir den IAO-Blog vor, den Blog des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO).

 

 

Der IAO-Blog – Per Blog von der Forschung zur Anwendung

IAO-Blog_klein

Die Homepage des IAO-Blogs des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation.

In der ersten Folge haben wir ein fünf Monate junges Blog-Portal vorgestellt. Jetzt sind wir zu Besuch bei einem der ältesten Blogs in der deutschen Forschungslandschaft: Fünf Jahre reicht das Archiv des IAO-Blogs zurück – bis Juli 2009 – eine ganze Generation in Internet-Dimensionen. Dies muss man in Erinnerung zu behalten, wenn wir den Blog betrachten, denn manches ist hier so routiniert oder über Jahre gewachsen, dass die Zielgruppe verstört wäre, würde es geändert. Andererseits würde man anderes heute einfach anders machen, denn die Lese- und Sehgewohnheiten im Web, aber auch die Nutzer von Blogs, sind heute ganz andere als vor fünf Jahren

So kommt der Blog im schweren, sehr technischen grau-grünen Fraunhofer-Design daher, kaum abgehoben von den Websites aller anderen Fraunhofer-Institute. Die Hälfte der Seite ist für die Navigation zu den verschiedenen Inhalten, zu letzten Beiträgen, letzten Kommentaren, Kategorien, Schlagworten oder Archiv reserviert. Die Laufschrift ist klein, das Titelbild groß und leer – ein eindrucksvoller großer leerer Raum. Auf der anderen Hälfte der Blog-Site kommen in den aktuellsten Blogposts Bilder nur klein vor, meist nur das Porträt eines Autors, ab und zu ein eingebettetes Youtube-Video.

Eines wird klar: Hier geht es nicht um die breite Öffentlichkeit als Zielgruppe, sondern um ein Fachpublikum, hier geht es um ernsthafte Information, kaum um Emotion. Das ändert sich auch nicht, wenn man – an einem winzigen Link  „weiterlesen“ – in die Blogposts hineinklickt, selten einmal ein größeres Bild – der Text steht im Mittelpunkt.

Kurzum hier geht es um Fachinformation, vor allem auch um die Darstellung der Aktivitäten des Instituts. Wenn man so will, ist dies nicht nur eine Brücke zwischen Forschung und Anwendung, sondern der  Marketing-Blog eines Forschungsinstituts, denn bei Fraunhofer müssen zwei Drittel des Budgets über Drittmittel hereinkommen. Gute Vermarktung von Forschung in die Anwendung ist daher essentiell. Zielgruppe sind daher vor allem Praktiker in Arbeitsorganisation, Management und Personalabteilungen, aber auch in Behörden und Verbänden.

Bei den Themen geht es vor allem um Veranstaltungen des Instituts, die für diese Praktiker organisiert werden. Das transferiert Wissen und schafft neue Kontakte für die Vermarktung der eigenen Dienstleistungen. Die Herausforderungen in Wirtschaft und Verwaltung, wie sie durch den rasanten Wandel in Technik, Weltwirtschaft und Informationsstrukturen gestellt werden, können nur mit modernen Strukturen und optimierter Organisation bewältigt  werden. Und die wissenschaftlichen Grundlagen dafür versucht das IAO zu liefern.

Aus dem IAO-Blog: Die IAO-Crew mit dem Stuttgarter Wirtschaftsminister Nils Schmid bei einer Elektrofahrzeug-Messe.

Aus dem IAO-Blog: Die IAO-Crew mit dem Stuttgarter Wirtschaftsminister Nils Schmid bei einer Elektrofahrzeug-Messe.

Stärken und Schwächen des IAO-Blogs bei der Wissenschaftskommunikation

Der Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis ist ein wichtiger Teil der Wissenschaftskommunikation, auch wenn die Transferstellen in Forschungsinstitutionen normalerweise nicht den Kommunikationsabteilungen zugeordnet sind. Aber dieser Transfer ist nicht nur einseitig. Gerade im Arbeitgebiet des Fraunhofer-IAO kommt es sehr auf den Austausch mit der Praxis an, um die aktuellen Veränderungen in Wirtschaft und Verwaltung in die Forschungsarbeit des Instituts mit einbeziehen zu können, aber auch um neue Auftraggeber zu gewinnen. Ein Blog ist da ein guter Weg, vor allem wenn er zielgruppengerecht vermarktet wird, so dass die interessanten Gesprächspartner ihn auch nutzen.

Und der IAO-Blog ist da auf einem guten Weg. Vor allem die Texte der Blogposts sind informativ, interessant, behandeln spannende Themen für die Fachleute, Problemfelder und Erscheinungen, die es zu beachten gilt. Es geht um so unterschiedliche Themen wie Crowdfunding, interne Kommunikation per Intranet oder um CO2-neutrale Veranstaltungsorganisation, um nur einige aktuelle zu nennen. Zwar handeln fast alle Texte von Veranstaltungen des IAO, sei es als Ankündigung oder als Berichterstattung, aber die Texte greifen weit über eine Schilderung des Tagungsprogramms hinaus. Sie beschreiben die Themenfelder, schildern, warum sie für die Zielgruppe – oft kleinere und mittlere Unternehmen – wichtig sind – und sie liefern Hintergründe und weiterführende Links. Beispiel Crowdfunding, das – so wird in dem Blogpost deutlich – gerade kleine und mittlere Markenhersteller  sorgfältig beobachten sollten. Und als Praxistipp gibt es dazu eine umfangreiche und gut gegliederte Liste von Crowdfunding-Plattformen, die nicht nur Praktikern von gutem Nutzen sein kann. Hier wird keine abgehobene Wissenschaft betrieben, sondern hier geht es um Wissen für die Praxis.

Aus dem IAO-Blog: Youtube-Video vom Girlsda 2014.

Aus dem IAO-Blog: Youtube-Video vom Girlsda 2014.

Zu den Schwächen des IAO-Blogs würde ich vor allem das schwere, emotionslose und nicht sehr lesefreundliche Layout mit der überbordenden Navigation zählen, das ich oben schon geschildert habe. Bei aller Wertschätzung für Corporate Design, hier sollte Fraunhofer wohl für Blogs das Corporate Design an die speziellen Anforderungen anpassen. Fachinformationen müssen dem Leser nicht unbedingt Mühe machen, da hat sich die Welt weiter entwickelt. Eine zweite Schwäche sind die wenigen Kommentare aus der Praxis. Das Feedback aus der Zielgruppe klappt nicht richtig, viele Blogposts bleiben unkommentiert, der letzte Kommentar im Blog stammt von Anfang März. Da könnte man angesichts der bestehenden persönlichen Kontakte sicher für mehr Austausch auch im Blog sorgen. Denn die Qualität der Kommentare ist sehr gut, ihre Lektüre sind eine wertvolle Ergänzung zu den Blogposts, insofern wäre eine lebendigere Kommentarszene wünschenswert, nicht nur weil es Blog-gemäß ist. Vielleicht ist auch die notwendige Registrierung für Kommentatoren ein Hindernis, so nützlich sie andererseits für das Marketing ist.

Fazit dieses Blog-Besuchs:Ein etwas altmodischer Blog, aber mit hohem Informationswert für Fachleute und Praktiker aus der Wirtschaft. Nicht umsonst nimmt der IAO-Blog einen ziemlich hohen Platz im e-buzzing-Ranking der einflussreichsten Wissenschaftsblogs ein. Wer sich für Arbeitswissenschaften interessiert, oder aber auch für praktische Tipps zu Personalführung und Organisation, der sollte immer wieder den IAO-Blog besuchen. Wertvolle Anregungen finden sich hier immer.

Was will der IAO-Blog erreichen?

Segedi Juliane JUK812_DSC0874_klein

Juliane Segedi, Leiterin Marketing und Kommunikation des IAO.

Juliane Segedi ist seit 2013 als Leiterin Marketing und Kommunikation des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation für den IOA-Blog verantwortlich. Sie beantwortete unsere Fragen zu dem Wie und Warum des Forscher-Blogs.

Was ist die Zielsetzung des IAO-Blogs? Der IAO-Blog verbindet die kommunikativen Ziele des Instituts mit den persönlichen Zielen der wissenschaftlichen Mitarbeiter. Mit dem IAO-Blog wollen wir unser Institut als Think Tank für die Arbeitswelt von morgen positionieren. Unsere Wissenschaftler bloggen jenseits der fachlich-neutralen Pressemitteilung und ermöglichen so einen anderen Zugang zu ihren Forschungstätigkeiten. Die Leser erfahren, welche persönlichen Motive sie bei der Forschung antreiben, welche Visionen ihnen vorschweben und mit welchen Konflikten sie sich auseinandersetzen. So können Sie mit wichtigen Zielgruppen und Kunden direkt in Kontakt treten, Feedback erhalten und ihre Expertise herausstellen. Aber der Blog sorgt nicht nur für die Vernetzung mit unseren Zielgruppen und Kunden, sondern auch mit anderen Experten, so wächst das persönliche Kontaktnetzwerk unser Wissenschaftler immer weiter.

Seit wann gibt es diesen Blog? Unser erster Post ging am 1. Juli 2009 um 12:23 Uhr von unserem damaligen Institutsleiter Prof. Dieter Spath unter dem Motto »Wissenschaft ist Dialog« online.

Wie groß ist die Blog-Mannschaft? – Wieviele Blog Posts pro Monat? Über 70 verschiedene Blogger haben bei uns schon gepostet. Da bei uns die Wissenschaftler selbst bloggen, geschieht dies neben der täglichen Arbeit. Mittlerweile sind wir bei ca. zwei Posts pro Woche. Das variiert natürlich, so ist es beispielsweise in der Ferienzeit ruhiger. Als Corporate Blog bloggen wir auch nicht an den Wochenenden. Unsere Leser, das haben Analysen gezeigt, nutzen unseren Blog auch hauptsächlich unter der Woche.

Die größten Probleme bei der Einrichtung des Blogs? Zu Beginn gab es große Skepis, dass man nun ein Tor öffnet und Unmengen an Kommentaren und ungerechtfertigter Kritik über uns schwappt. Aber wie in den meisten Social Media-Anwendungen sind auch im Blog die breite Masse passive Konsumenten. Sie lesen, aber kommentieren nicht öffentlich.

Die zugkräftigsten Argumente bei der Durchsetzung des Blogs? Um den Wissenschaftlern die Scheu zu nehmen, das damals für die meisten doch sehr neue und fremde Medium zu nutzen, haben wir Basis Blogger-Trainings angeboten, die wir gemeinsam mit einem externen Blogcoach konzipiert und durchgeführt haben. Zum einen lernen die Teilnehmer hier, ihre komplexen Forschungsinhalte auf eine einfach verständliche Ebene herunterzubrechen. Zum haben sich die Trainings als wunderbare Austauschplattform zwischen den Wissenschaftlern etabliert und so manchen Synergieeffekt gebracht. Zugkräftigstes Argument ist und bleibt aber die nachweisbare, bessere Auffindbarkeit der Themen und Ansprechpartner im Netz über den IAO-Blog.

Bemerkenswerte Reaktionen aus dem eigenen Haus? Je länger unser Blog online ist, desto mehr und positive Reaktionen bekommen wir auch intern. Erstaunlich war v.a. zu Beginn das Engagement älterer Kollegen, die den neuen Kanal gleich zu Beginn rege und erfolgreich genutzt haben und selbst positiv überrascht von den Reaktionen und Anfragen daraufhin waren. Einige Kollegen haben speziell für ihre Themen Bloggertrainings für ihr Team bei uns angefragt und konnten sich so strategisch sehr gut in der Blogosphäre platzieren. Solche Erfolgsstories sowie einige wertvolle Presse- und Projektanfragen fördern die Motivation der noch nicht bloggenden Kollegen.

Interessante Reaktionen von Außen? Neben eher vereinzelten Presse- und Projektanfragen erhalten unsere Blogger häufig direkte Anfragen als Gastredner auf Fachveranstaltungen aufzutreten. Immer häufiger bekommen wir auch Angebote von Gastbloggern oder das Angebot, selbst als Gastautoren auf anderen Blogs zu schreiben. Auch kritische Stimmen gab es schon zu eher provokativen Blogbeiträgen, die aber letztendlich zu einer konstruktiven Diskussion geführt haben und der Nutzen gegenüber dem Schaden überwogen hat.

Wie viele Zugriffe im Monat auf das Portal? Wir dürfen uns monatlich über rund 2000 eindeutige Besucher (unique visitors) freuen, die durchschnittlich bis zu vier mal pro Monat wiederkehren. Für wissenschaftliche Blogs ist diese Zahl hervorragend, im Webdurchschnitt gut. Wirklich ungewöhnlich sind jedoch andere Kennzahlen: Die langfristige Verweildauer ist mit über 2 Minuten deutlich höher als bei den meisten anderen digitalen Angeboten. (Selbstanalytik auf dem IAO-Blog: Wer liest uns denn eigentlich?)

Was sind die wichtigsten Marketingwege um Ihren Blog bekannt zu machen? Klassisches Marketing dürfen wir als öffentliches Institut nicht betreiben, d.h. beispielsweise keine Anzeigen. Wir nutzen unsere Social Media Kanäle wie Twitter und Facebook um unsere Blog-Beiträge zu verbreiten und vernetzen uns mit anderen Blogs bzw. Bloggern/innen.

Was wurde bisher mit dem IAO-Blog erreicht? Unser IAO-Blog hat sich im Kreise der Forschungsblogs fest etabliert und ist für uns ein mächtiges Kommunikationsinstrument im Marketing-Mix geworden. Wir sind stolz auf eine für einen Forschungsblog recht ansehnliche Stammleserschaft  – woran wir in Zukunft arbeiten möchten, sind neue Formate für den direkten Dialog mit den Lesern.

Welche generelle Lehren ziehen Sie aus Ihren bisherigen Erfahrungen? Einen Blog zu betreiben bedeutet dauerhafte Arbeit. Lässt unsere Qualität nach, lassen auch die Besucherzahlen nach. Einen etablierten Blog zu betreiben, heißt immer dran zu bleiben, sonst wandern die Leser schnell zu besseren Online-Angeboten ab.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERAFolge 3, am 20. Mai 2014:

Genügt Faszination allein? Der Blog des deutschen ESA-Astronauten Alexander Gerst.

Advertisements