Die spannendsten Forscher-Blogs, Folge 3 – Der Blue Dot Mission Blog von Astro_Alex

Posted on 20. Mai 2014

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Reiner_Blog_miniKONICA MINOLTA DIGITAL CAMERABetrachten wir es einmal aus der Perspektive der Kommunikation: Man kann versuchen, alle Ziele auf ein Mal zu erreichen – Dialog, Information, Selbstdarstellung, Emotionen, Schüler, Kollegen, Politiker, interessierte Laien und so weiter und so weiter – und man wird kläglich scheitern. Ein Grundgesetz professioneller Kommunikation ist es ja, sich vorher genau zu überlegen, wen und was man erreichen will – und dann ist ein Blog in vielen Fällen genau das richtige Mittel. Deshalb mein Credo: Blogs sind die ideale Selbstdarstellung der Wissenschaftskommunikation im Internet.

Heute in unserer Reihe „Die spannendsten Forscher-Blogs“ wieder eine ganz andere Art von Blog: Nach dem Blogportal von Helmholtz, das vor allem einzelnen Wissenschaftlern und Nachwuchsforschern die Gelegenheit gibt, sich und ihre Arbeit zu präsentieren, und dem Fraunhofer-IAO-Blog, bei dem es vor allem um die Kommunikation mit Kunden geht, also um Marketing, hier ein Ereignis-Blog der ESA, zum Weltraumaufenthalt des deutschen Astronauten Alexander Gerst.

Der Blue Dot Mission Blog: Heldengeschichten für eine Fan-Gemeinde

Gerst_Blog_HomepageRaumfahrt stand eigentlich – für alle, die es live miterlebt haben – am Beginn der professionellen Wissenschaftskommunikation. Der Impuls kam aus der Politik: Als US-Präsident John F. Kennedy 1961 die Mondlandung eines Menschen anordnete, geschah dies nicht aus wissenschaftlichen, sondern rein aus politischen Gründen. Die USA wollten der Welt ihre technische (auch: waffentechnische) Überlegenheit demonstrierten, was auch gelang. Wissenschaftliche Gründe („Bringt uns ein Stück vom Mond und wir kennen die Geschichte des Sonnensystems“) waren bestenfalls ein willkommenes Alibi, so wie das Mondgestein bis heute zwar Detailserkenntnisse erbracht hat, vor allem aber zur wertvollen Attraktion in Museen und Ausstellungen wurde.

Kommunikation war von Beginn an ein wesentlicher Teil der NASA-Aufgaben, es galt ja, politische Ziele zu verwirklichen, und die Weltraumbehörde erfüllte ihn seither komplett – inklusive der typischen und eher wissenschaftsfremden PR-Sünden, wie Instrumentalisierung, übertriebene Erwartungen wecken, Politik mit Informationen machen und Falschmeldungen. Die besten Fotos aus dem Weltraum, die besten Filme, die besten Hintergrundmaterialien zu Weltraummissionen und zu den mit NASA-Hilfe realisierten Forschungsprojekten finden sich auf den Webseiten der NASA. Die Messlatte liegt also hoch für alle, die im Umfeld von Raumfahrt Wissenschaftskommunikation betreiben.

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Der deutsche Astronaut Alexander Gerst. (Fotos: ESA)

Am 28. Mai um 21.56 Uhr MESZ startet Alexander Gerst vom russischen, in der Steppe Kasachstans gelegenen Kosmodrom Baikonur zur Internationalen Raumstation ISS, um dort ein halbes Jahr lang die Erde zu umrunden und zu arbeiten. Auf seinem Blog, so die Ankündigung, wird er über seine Erlebnisse und Erfahrungen, von seinen Eindrücken und Reflexionen berichten. Verständlich also, dass das Informationasangebot derzeit noch beschränkt ist: 16 Blogposts, Texte und Videos, seit Februar 2014. Der Blog ist zweisprachig, deutsch und englisch. Die Inhalte sind die üblichen Astronautengeschichten, wie sie seit den Tagen der ersten NASA-Raumpiloten Standard sind: Eine pathetische Interpretation des Missions-Logos, der Weg von Alexander Gerst vom abenteuerlustigen Abiturienten zum Astronauten, das Astronautentraining, Medical Check und so weiter.

Stärken und Schwächen des Blue Dot Blogs in der Wissenschaftskommunikation

Auf Abenteuer seit Jugendjahren - Alexander Gerst mit 15.

Auf Abenteuer seit Jugendjahren – Alexander Gerst mit 15.

Nur in einem Blogpost setzt sich Alexander Gerst mit der Kernfrage seines Raumflugs auseinander: Warum müssen wir Menschen in den Weltall schicken, genügen nicht Roboter? Er argumentiert mit dem Nutzen, den die Forschung durch Menschen in der Schwerelosigkeit für die Medizin bringt – nicht unbedingt die stärksten Argumente für einen Geophysiker und Vulkanologen als Astronauten. Der eigentliche Wert aber liegt für ihn in der Neugier des Menschen: „Mit unseren Augen einen anderen Himmelskörper zu sehen und auf unseren eigenen zerbrechlichen Planeten zurückzublicken, ist unbezahlbar. Erst das füllt die Raumfahrt mit Sinn.“ Immerhin, er setzt sich mit der Frage auseinander, auch wenn die Argumente sich in den letzten Jahrzehnten kaum weiterentwickelt haben. Ansonsten kommt der wissenschaftliche Inhalt seiner Mission in den bisherigen Blogposts ganz, ganz kurz.

Ganz generell geht es in den Beiträgen vor allem um Emotionen, nur wenig um Fakten. Auch die – noch wenigen – Kommentare zeigen, dass sich vor allem Raumfahrt-Fans von dem Blog angesprochen fühlen. Erstaunlich aber ist angesichts der emotionalen Ansprache in den Texten, dass die Fotos in den meisten Beiträgen eher eine untergeordnete Rolle spielen, oft sogar aus dem Archiv zu stammen scheinen. Wirklich anrührend allerdings: Alexander Gerst als 15-jähriger auf großer Wanderschaft.

Das Layout des Blogs ist auf der Homepage zunächst einmal beeindruckend: Großes Astronautenfoto, kurzer Willkommensgruß, Bildankündigungen der Beiträge, rechts daneben die Aktualitätenspalte mit den wichtigsten Terminen der Raumfahrt-Mission, den aktuellsten Tweets, äußerst knapp kommentierten Fotos sowie acht verschiedene Möglichkeiten, Alexander Gerst auf Twitter, Facebook usw. zu folgen. Professionell gemacht, was große Erwartungen weckt.

Das Team des Raumflugs am 28. Mai: v.l. Alexander Gerst, der Russe Max Suraev und der Amerikaner Reid Wiseman.

Das Team des Raumflugs am 28. Mai: v.l. Alexander Gerst, der Russe Max Suraev und der Amerikaner Reid Wiseman.

Nicht mehr ganz diesem Anspruch erfüllt das Layout der Blogposts, da sind Bilder, Videos und Texte ohne großen Zusammenhang nebeneinander gestellt, oft fehlt sogar eine Bildunterschrift, um einen Zusammenhang zu erkennen. Die erste Enttäuschung kommt, wenn man die Sprachwahl-Buttons nutzt: Die Umschaltung funktioniert perfekt, doch leider verschwinden manche Blogposts und werden durch die trockene Bemerkung ersetzt: Leider ist der Eintrag nur auf Englisch verfügbar. Wer dennoch auf den Link zum Beitrag klickt, wird nicht etwa zu diesem englichen Text oder Video geführt, sondern lediglich wieder zu der gleichen Bemerkung, kein Link, kein Hinweis, um dennoch die englische Version zu erreichen, die Kommentare dagegen, gleich ob auf Deutsch oder Englisch, bleiben verfügbar. Verwirrend das Ganze. Von einer internationalen Organisation wie der ESA hätte ich persönlich mehr Geschick und Routine im Umgang mit mehrsprachigen Websites erwartet.

Mein Fazit: Bislang ein Blog für Raumfahrt-Fans, natürlich von einem Raumfahrt-Fan und seinem Blogteam sehr routiniert geschrieben. Bis heute sind die Tweets rund um @Astro_Alex allerdings viel spannender, da auch deutlich engagierter. Das kann sich ändern, sobald Alexander Gerst auf der Raumstation angekommen ist. Hoffentlich hat er da Gelegenheit, auch mehr über seine wissenschaftliche Arbeit zu berichten, denn Heldengeschichten für Raumfahrt-Fans gibt es zuhauf.

Was will der Blue Dot Mission Blog erreichen?

Engagement ist eine Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Blog. Es lässt sich ablesen an Dingen wie der Häufigkeit von Blogposts, vielleicht verglichen mit der Zahl der Autoren, an der Wahl der Themen oder an Kleinigkeiten im Umgang mit Kommentaren und Anfragen. Wenn ein Blog mit sieben Autoren als Team Termine nicht einhält, in zwei Wochen keine Antworten findet auf Standardfragen eines Bloggers oder die eigenen Zusagen nicht zuverlässig sind, lässt das nicht auf großes Engagement schließen. Die Einreichung zu den „spannendsten Forscher-Blogs“ allein reicht da wohl nicht.

Wir wollen mit dieser Reihe auch einen Blick hinter die Kulissen gewähren. Das war dieses Mal nicht möglich, denn wir haben trotz anderer Zusagen keine Antwort auf unsere elf Fragen erhalten. Sobald wir die Antworten doch noch bekommen, reichen wir sie selbstverständlich nach.

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