Der Anti-PUSH – Wie die Wissenschaftsakademien sich Kommunikation wünschen

Posted on 19. Juni 2014

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Alles dreht sich um Wissenschaftskommunikation - Diskussion um die Akademienempfehlungen in Berlin. (Foto: acatech/Weigelt)

Alles dreht sich um Wissenschaftskommunikation – Diskussion um die Akademienempfehlungen in Berlin. (Foto: acatech/Weigelt)

Es ist gerade 15 Jahre her, als mit der PUSH-Initiative der großen deutschen Forschungsorganisationen und des Stifterverbandes ein Ruck durch die deutsche Forschungslandschaft ging: Das Thema Wissenschaftskommunikation stand plötzlich auf der Tagesordnung, ja es gab sogar Geld und Strukturen. Seitdem hat sich viel getan, hat sich viel verändert, in der Wissenschaftskommunikation wie in der Gesellschaft (Einer der PUSH-Förderer, Volker Meyer-Guckel, hat in diesem Blog kritisch berichtet: Wie Wissenschaft kommunizieren sollte). Es wäre also an der Zeit, einen Schritt weiter zu gehen.

Umso bemerkenswerter, wenn nun alle deutschen Wissenschaftsakademien – von der Nationalen Akademie Leopoldina, der Technikakademie acatech bis zur Union der deutschen Akademien der Wissenschaften – sich des Themas annehmen. Sie sind schließlich die offiziellen Repräsentanten der Besten unserer Wissenschaftler, die „Gelehrtenrepubliken“ wie es so schön altmodisch heißt. Sie haben zwei Jahre in einer Arbeitsgruppe eine gründliche Studie erstellen lassen, haben Empfehlungen ausgearbeitet und luden nach Berlin zu einem Workshop, um ihre Stellungsnahme vor Wissenschaftlern, Wissenschaftskommunikatoren und Journalisten zu präsentieren und zu diskutieren.

Wissenschaftskommunikation aus Sicht der Akademien

Was dabei herausgekommen ist? Nun, wenn nicht so viele Jahre vergangen wären, könnte man es mit Fug und Recht als Antwort auf PUSH verstehen: Der Anti-PUSH. Nichts zu spüren von Öffnung der Wissenschaft zu einer Gesellschaft, von der und in der Wissenschaft ja lebt. Stattdessen Forderungen an Wissenschaft, an die Politik und andere gesellschaftlichen Akteure und an die Medien, die alle in die gleiche Richtung gehen: Kommunikation mit Qualität, letztere verstanden als Einhaltung wissenschaftlicher Qualitätsstandards und wissenschaftlicher Redlichkeit. Wer es nachlesen will: Hier findet sich das Original zum Download.

Wissenschaftssoziologe Peter Weingart erkundete für die Akademien das Feld Wissenschaft und Medien.

Wissenschaftssoziologe Peter Weingart erkundete für die Akademien das Feld Wissenschaft und Medien.

Das ist ja OK, aber das ist doch hier und derzeit nicht das große Problem der Wissenschaftskommunikation. Doch den Akademien geht es vor allem um die Einhaltung wissenschaftlicher Redlichkeit in der Kommunikation. Kaum ein Wort von Zusammenspiel mit den anderen gesellschaftlichen Kräften, von Qualifikation der Kommunikatoren, von populärer Kommunikation als Karrierehemmnis bei Wissenschaftlern, von der Bedeutung guter Kommunikation für die gesellschaftlichen Privilegien der Forschung, von der Stellung der Kommunikatoren in den Hierarchien.

Die Akademien haben ja recht, dass eine freie Wissenschaft und ein unabhängiger Journalismus zu den unverzichtbaren Eckpfeilern einer demokratischen Gesellschaft gehören, aber sie versuchen daraus nur Rechte und Forderungen abzuleiten. Kein Wort zur Verantwortung, die sich daraus auch für die Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft ergibt, etwa in Punkto Transparenz, Dialog, Partizipation – kein Wort auch zu den Veränderungen in dieser Gesellschaft, sei es durch Internet, Soziale Netze oder Globalisierung. Stattdessen nur im Vorwort der magere Satz: „So bedürfen die „neuen Medien“ (Web 2.0, soziale Medien) einer eingehenderen Betrachtung.“

Wissenschaft und Journalisten

Die Akademien sind stolz darauf, dass ihre Empfehlungen nicht nur im „eigenen Saft“ gekocht wurden, sondern dass auch Journalisten – hier Wissenschaftsjournalisten – in der Arbeitsgruppe beteiligt waren. Interessanterweise fand man offensichtlich nicht genug kompetente Journalisten in Deutschland, sondern holte sich Unterstützung aus der Schweiz. Immerhin beklagten Beteiligte am Rande, wie langsam doch der Lernfortschritt der Wissenschaft in Punkto Medien und Kommunikation ist: „Seit zwanzig Jahren muss man immer wieder das Gleiche erklären.“ Mit Verlaub: Es ist, mit wenigen Ausnahmen, seit mindenstens 40 Jahren so – so lange habe ich persönlich den Überblick.

Doch nach all den grundlegenden Eindrücken, nun zu den Empfehlungen der Akademien: 13 insgesamt, vier richten sich an die Wissenschaft, vier an Politik und Stiftungen, fünf an die Medien. Motivation für die Empfehlungen sind ausdrücklich die schwierigeren ökonomischen Rahmenbedingungen sowohl der Medien als auch der Wissenschaft. Oft sind es sehr allgemeine Forderungen, andere wieder sehr konkret.

Forderungen in drei Richtungen

Eine starke Phalanx der Wissenschaft: Die drei Urheber der Empfehlungen zur Wissenschaftskommunikation.

Eine starke Phalanx der Wissenschaft: Die drei Urheber der Empfehlungen zur Wissenschaftskommunikation.

Ziel der Empfehlungen ist es, „die Qualität der allgemein zugänglichen Information…künftig sicherzustellen.“ So sollen die Leitungsebenen der wissenschaftlichen Einrichtungen zusammen mit Journalisten ethische Grundsätze und Qualitätskriterien zur Kommunikation ihrer Forschungsergebnisse erarbeiten. (Es ist immer wieder von Forschungsergebnissen die Rede, als ob das alles ist, was die Öffentlichkeit erfahren soll.) Es soll sogar ein Qualitätslabel für vertrauenswürdige Wissenschaftskommunikation geben – ist alles andere dann nicht vertrauenswürdig? Und Sanktionen für Wissenschaftler, die nicht im gewünschten Stil kommunizieren, sind auch vorgesehen: Übertreibungen in der Kommunikation sollen als Verstoß gegen gute wissenschaftliche Praxis gelten (Höchststrafe!) und Unis oder Forschungseinrichtungen „müssen“ die Karrieremaßstäbe „so gestalten, dass sie nicht ein den Grundsätzen wahrhaftiger Kommunikation widersprechendes Verhalten nahelegen oder belohnen“. Das sicherste für jeden Forscher wäre es danach: Gar nicht kommunizieren.

An die Politiker richtet sich die Forderung, der Sicherung von unabhängigem Qualitätsjournalismus „gesteigerte Aufmerksamkeit“ zu schenken. Konkret sollten sie sogar, wie auch Stiftungen, Qualitätsjournalismus finanzieren, wobei viele Fragen offen bleiben, etwa was Qualität im Journalismus denn ist, oder wie sich staatliche Finanzierung mit unabhängigem Journalismus verträgt. Im Sinne der Empfehlungen ist Qualität sicher das, was Wissenschaftler darunter verstehen.

Die Empfehlungen an die Medien beginnen mit der Forderung nach systematischer Aus- und Weiterbildung der Journalisten und Entwicklung von Qualitätskriterien und enden mit der Unterstützung des von der Wissenschaftspressekonferenz initiierten „Science Media Center“, das allerdings bei Wissenschaftlern und Journalisten noch immer heftig diskutiert wird. Höhepunkt der Empfehlungen ist der Vorschlag, „nach dem Vorbild des Deutschen Presserats“ einen Wissenschaftspresserat einzurichten, natürlich unter Einbeziehung von Wissenschaftlern und Wissenschaftspressestellen. Wer so etwas fordert, hat sich nicht die Mühe gemacht, das Vorbild einmal kurz anzusehen: Der Deutsche Presserat ist ein Selbstkontrollorgan der Presse – ohne Einbeziehung von anderen Interessengruppen – und er hat die Aufgabe, die Einhaltung von ethischen Grundsätzen bei der Berichterstattung zu überwachen: Gibt es für die Wissenschaft etwa eine andere Ethik als für den Rest der Gesellschaft?

Fazit: Anti-PUSH nach 15 Jahren

Mein Fazit: Die Akademien haben sich viel Zeit gelassen, bevor sie das Thema Wissenschaftskommunikation entdeckt haben (meines Erachtens zu viel). Und was sie jetzt abgeliefert haben, ist ein Anti-PUSH, ein Gegenkonzept zur Öffnung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft. Es verkennt oder verleugnet völlig, dass es bei der Kommunikation nicht darum geht, wie man selbst gern gesehen werden möchte, sondern darum, wie man die Empfänger erreicht.

Das heißt für die Wissenschaft, welche Rolle sie als Teil dieser Gesellschaft in dieser Gesellschaft spielt: Ob sie wertgeschätzt und ihr Vertrauen entgegengebracht wird, ob sie die besten als Nachwuchs gewinnt, ob die Gesellschaft Ideen, Gedanken, Lösungen aus der Wissenschaft aufgreift, oder aber ob diese Gesellschaft ihr nach und nach – erst unwichtige, dann essentielle – Privilegien entzieht. Die Vorschläge der Akademien gehen alle in die gleiche Richtung: Dass sich die Wissenschaft in einem elitären Kreis von der Gesellschaft isoliert.

Eigentlich bin ich enttäuscht. Da ist die junge acatech, die mit industrienahen Gründern und Mitgliedern eigentlich den Wert von Kommunikation verstehen müsste, oder die Nationale Akademie Leopoldina, mit einem offenen Präsidenten und einer effizienten Öffentlichkeitsarbeit. Man hätte mehr erwartet.

 

Spannende Kommentare:

Bei Twitter läuft die ganze Diskussion unter dem Hashtag #WÖM

Weitere Blogbeiträge, die interessante Aspekte geben:

Jens Rehländer: Siggener Aufruf und Akademien: Redet miteinander! Über Wissenschaftskommunikation

Henning Krause: Ergebnisse der Arbeitsgruppe “Wissenschaft, Öffentlichkeit, Medien”

Marcus Pössel: Akademien geben Empfehlungen für Wissenschaftskommunikation

Alexander Mäder: Nicht auf diesem Niveau! 

Axel Bojanowski auf Spiegel online: Wissenschaft in den Medien: Dafür sind Sie zu blöd

Holger Wormer und Peter Weingart: Sensation, Sensation! 

Beatrice Lugger:  Rolle vorwärts oder rückwärts – WÖM

Danke für die Zusammenstellung an Henning Krause!

Eine weitere sehr gute Linkliste zum Thema bei Marcus Anhäuser auf Plazeboalarm.

 

 

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERANoch ein persönliches Wort: Nach einer durch Krankheit, Feiertage und Hochzeit meines Sohnes bedingten kurzen Blogpause habe ich aus Aktualitätsgründen diesen Beitrag vorgezogen. Der Besuch des nächsten spannendsten Forscherblogs folgt nächste Woche.

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