Schluss mit dem Dornröschenschlaf! – Forschung und Gesellschaft

Posted on 17. Juli 2014

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Wolfgang C. Goede, ein journalistischer Kommunikator, dem es um die Bürger geht.

Wolfgang C. Goede, ein engagierter Kommunikator, dem es um Wissenschaft für die Bürger geht.

Wolfgang C. Goede über partizipative Wissenschaftskommunikation – ein Gastbeitrag

Der Befund erschüttert. Selbst nach 20 Jahren können die Bürger mit Nanotechnologie wenig anfangen. Das stellte sich bei der EuroScience Open Forum in Kopenhagen heraus. Als Konsequenz daraus entstand die „Copenhagen Declaration“. Sie fordert die Europäische Kommission auf, für die Einrichtung von Datenknotenpunkten zu sorgen mit aktueller Nano-Info. Der Hilferuf richtet sich auch an die Forschungskommunikation in Deutschland. Ein Nachtrag und zugleich Aufheller zu den umstrittenen WÖM-Empfehlungen der Akademien – und Weckruf: Aufwachen aus dem Dornröschenschlaf!

Ein Kommunikationsdebakel – aus dem man lernen kann

Debakel der Wissenschaftskommunikation am Beispiel Nano - die Kuppel der Kopenhagener Glyptothek (Foto: O. Haupt)

Debakel der Wissenschaftskommunikation am Beispiel Nano – unter der Kuppel der Kopenhagener Glyptothek (Foto: O. Haupt)

Es hätte eine gelungene Veranstaltung werden können. Einladend blau und wärmend wölbte sich der Kopenhagener Sommerhimmel über der Glaskuppel des Glyptotek Museums im Carlsberg Distrikt. Darin erhoben sich edle Skulpturen, die dem anspruchsvollen Thema eine mußevolle Leichtigkeit verliehen. Doch beides half nichts. Nach 75 Minuten war dem Publikum das Wesen der Nanotechnologie weiterhin verschlossen.

Auf dem ehemaligen Brauereigelände in Kopenhagen fand im Juni das bisher sechste EuroScience Open Forum satt. Die europäische Wissenschaftskonferenz, designt nach dem AAAS-Vorbild in den USA, bringt im zweijährigen Abstand Forscher, politische Entscheidungsträger und Wirtschaft aus Europa von Rang und Namen zusammen.

ESOF 2014 wollte „Brücken bauen“, so der Präsident der Europäischen Kommission José Manuel Borroso bei der Eröffnung in Gegenwart der dänischen Königin. Brücken unter anderem auch „zwischen Forschern und Bürgern“, wie er ausdrücklich betonte, um durch größere Akzeptanz bei der Bevölkerung wettbewerbsfähiger zu werden und mit den Forschungsgiganten USA und China mithalten zu können. Doch viel weiter als bis zum ersten Brückenpfeiler scheint diese Aufklärungsarbeit in einigen Forschungsdisziplinen nicht gekommen zu sein.

Beispiel Nano. Die Europäischen Wissenschaftsjournalisten EUSJA wollten in Dänemarks Hauptstadt das ESOF-Programm um eine Debatte über Nutzen und Risiken dieses Forschungszweiges bereichern. Unter der Kuppel der Glyptothek versuchten ein Physiker und eine Vertreterin der Nano-Industrie, darüber hinaus Sprecher zweier NGOs, einer Verbraucher- und Umweltgruppe, aus ihren unterschiedlichen Perspektiven Licht in das umstrittene Thema zu bringen.

Fünf Minuten pro Präsentator war nicht viel, doch zehnmal länger als der berühmte Elevator Pitch, während dessen ein fiktiver Mitarbeiter seinen Chef in 30 Sekunden von einem Projekt überzeugen muss. Die Sprecher gaben ihr Bestes, dann kam die Probe aufs Exempel. Das Publikum diskutierte an runden Tischen das gerade Erfahrene. Dabei gingen die Experten durch den Saal und standen zu Auskünften bereit. Inzwischen türmten sich am Himmel dunkle Wolken und warfen Schatten.

Wissenschaftskommunikation am Runden Tisch - hier bei der Nanodebatte in Kopenhage - statt ... (Foto: Goede)

Wissenschaftskommunikation am Runden Tisch – hier bei der Nanodebatte zur ESOF in Kopenhagen …
(Foto: Goede)

Passend zu den Stellungnahmen der Sprecher, die sich an den Tischen erhoben und dem Plenum ihre Rückmeldungen zum Thema gaben. Die Organisatoren hatten jede Menge Nano-Kritik erwartet, doch schlimmer: Die meisten Anwesenden im Publikum, obwohl Besucher der größten europäischen Wissenschaftskonferenz, konnten mit Nano gar nichts anfangen. Zu kompliziert, zu klein und unvorstellbar, zu unverständlich und damit weitgehend irrelevant, war das Urteil von drei der vier Tische. Eine Forschung non grata?

Ein Tiefschlag für Wissenschaft und Forschung, aber auch für die Wissenschaftskommunikation. Ratlosigkeit und Betroffenheit unter den Teilnehmern, Präsentatoren, Organisatoren. Wie war es möglich, dass nach 20 Jahren Forschung die Nanotechnologie von der Öffentlichkeit so rezipiert wird,  als ob sie ein forscherischer Neuling wäre? Sie ist ein weißer Fleck auf der Forschungslandkarte der Bürger: Vorhang zu, alle Fragen offen. Bezeichnenderweise war inzwischen leichter Nieselregen auf die Glyptokuppel gefallen.

... Kommunikation vom Katheder (hier EU-Kommussionspräsident Baroso bei der ESOF-Eröffnung).
…  statt Kommunikation vom Katheder (hier EU-Kommissionspräsident Barroso bei der ESOF-Eröffnung). (Foto:ESOF)

Die „Copenhagen Declaration“ stellt Forderungen

So unterschiedlich die Zusammensetzung des Panels und des Publikums, so einhellig war die Diagnose über dieses Debakel: Die Menschen müssen sich über Nano besser informieren können. Als Folge dieser Einschätzung sandte die EUSJA  an die politischen Vertreter der EU, Kommissionspräsident Barroso, dessen Beraterin Anne Glover und dem Generaldirektor für Forschung und Innovation Robert-Jan Smits die „Copenhagen Declaration“.

Sie fordert solidere Information über Nanotechnologie, öffentlich zugängliche Dateien, die sowohl ihr Wesen und Eigenschaften erklären, also physikalische Strukturen, weiterhin Anwendungen, sowohl die erwarteten Nutzen als auch registrierten Risiken. Gleichzeitig wird eine frühzeitige Einbeziehung der Bürger in kontroverse Forschungsfragen verlangt, nicht nur bei der Nanotechnologie, sondern quer durch alle Disziplinen.

Information ist Menschenrecht ... Forderungen aus der Kopenhagener Erklärung zur Wissenschaftskommunikation. (Foto: Goede)

Information ist Menschenrecht – Forderungen aus der Kopenhagener Erklärung zur Wissenschaftskommunikation. (Foto: Goede)

Information ist nicht nur ein Bildungsgut, sondern ein Menschenrecht, das für Demokratie und Beteiligung von Bürgern am Gemeinwesen grundsätzlich ist. Nachdem dieses zunehmend von neuen Technologien und Märkten beherrscht und der Technologisch-Industrielle Komplex (TIK) immer mächtiger wird, etwa in Gestalt der Softwareriesen und Industrie 4.0 Szenarien, dem Google-Auto und Durchdigitalisierung der Gesundheit, muss Demokratie neu und weiter gedacht werden. Künftig geht es nicht mehr allein um Beteiligung in der Politik, sondern auch an den zugrunde liegenden wissenschaftlich-technologisch-ökonomischen Prozessen.

Im Kontext: Allein in Dänemark gibt es bereits 2200 mit Nanopartikeln versehene Produkte. Den gesamteuropäischen Nano-Markt schätzen EU-Experten auf einen Umfang von zwei Milliarden Euro. Anwendungen in der Mikroelektronik und im Umweltschutz könnten in absehbarer Zeit ein Nano-Bonanza schaffen, wenn den Wundern nicht die ungeklärten Risiken entgegenständen, etwa für die Gesundheit. Deshalb: „Ohne Daten kein Markt!“ Mit diesen vier Worten brachte Dino Trescher, Herausgeber des Online-Journals nanomagazin.net, die ESOF Veranstaltung auf den Punkt.

Ein Weg: Echter Dialog statt Akademien-WÖM

Interessanterweise war ein paar Tage zuvor in Berlin die Stellungnahme der Deutschen Akademien „Zur Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und den Medien“ (WÖM) vorgestellt worden. Ich war eingeladen, hatte wegen ESOF-Vorbereitungen leider absagen müssen, obwohl ich mich allzugern ins Fishbowl gesetzt und Folgendes zum Diskurs beigetragen hätte, zu diesem Zeitpunkt noch ohne Kenntnis über den niederschmetternden Verlauf der Kopenhagendebatte:

„Ich begrüße, dass die deutsche Wissenschaft uns an die tiefe Krise erinnert, in der die Kommunikation über Forschung und Technologie steckt. Ob die Akademien damit den Startschuss zu neuen Ufern abgefeuert haben, wage ich zu bezweifeln. Viele der Ursachen, wie die atemraubende Durchökonomisierung unserer Gesellschaft, werden seit Jahren diskutiert,  ohne dass wir den Hebel fanden, dies zu ändern. Dass Wissenschaft und Forschung immer mehr ein Rädchen in diesem Getriebe geworden sind und damit den Wahrheitsanspruch eingebüßt haben, ist lange offensichtlich und den Bürgern nicht verborgen geblieben. Höchste Qualitätsstandards von Pressesprechern wie Journalisten einzufordern ist allerdings in der Tat geboten.

Doch taugt dafür wirklich das Schaffen neuer aufwändiger Gremien wie Wissenschaftspresseräte und Science Media Centers SMC. Wenn das WÖM-Papier das Hypen von Forschungsergebnissen kritisiert, macht es jetzt im gleichen Zug nicht denselben Fehler und hypt das umstrittene SMC? Großorganisationen und neue Verwaltungen mit dem Hang zur Bürokratisierung und Abschottung haben selten das Steuer herumwerfen können, weshalb auch eine EU-Qualitäts-Richtlinie uns vermutlich nicht viel weiter helfen würde.

Warum aber nicht ein paar Ebenen tiefer ansetzen: Wissenschaftler, Bürger, Journalisten direkt in einen Raum holen, um über Forschung, deren Ergebnisse und Kontroversen zu diskutieren und daraus eine gemeinschaftliche Entschließung für die Entscheidungsträger formulieren? Dieses Konzept holt den Bürger als Steuerzahler, Verbraucher, Wähler mit ins Boot und wertschätzt ihn als gleichberechtigten Interessensvertreter, neudeutsch Stakeholder.

Für die Forschung und einstigen Elfenbeintürme schwer zu verdauen: Vom Katheder oder der Kanzel verkündete Wahrheiten haben ausgedient. Heute müssen sie von Fall zu Fall immer wieder neu ausbalanciert und verhandelt werden. Partizipation erwähnt das WÖM-Papier zwar auch, nur als verschämtes Feigenblatt, mit einem einzigen Wörtchen, ohne Kontext, leider!

Ein Koffer mit neuem Werkzeug der Wissenschaftskommunikation

Für „partizipative Forschung“ hat die Journalistenvereinigung für wissenschaftlich-technische Publizistik TELI e.V. die Wissenschaftsdebatte ins Leben gerufen. Eine Veranstaltung in München vor den letzten Bundestagswahlen mit den Kandidaten der Parteien adressierte die demografischen Verwerfungen. Das Ergebnis trug dazu bei, dass Menschen künftig selber über die Dauer ihrer Lebensarbeitszeit entscheiden dürfen. Eine Debatte in Wiesbaden führte den Nachweis, dass Lärm krank macht. Eine Resolution, was wissenschaftlich und technisch erfolgen muss, um dieses Risiko für die Bevölkerung zu senken, wurde anschließend wichtigen Entscheidern und Kontrollgremien zugestellt mit der Aufforderung um Korrekturen und um einen Fortschrittsreport.“

Die TELI Wissenschaftsdebatte sowie deren internationaler Rollout bei der ESOF 2014 werfen auf das  WÖM-Papier noch einmal ein neues kritisches Licht. Reformen lassen sich nicht „par Order di Mufti“ anordnen, sondern erfolgen meist freiwillig und intrinsisch. Viele sind aus der Zivilgesellschaft heraus geborene Initiativen, nicht akademisch-diskursiv, wie bei den Akademien, über zwei lange Jahre hinweg abgestimmt und bis zur Verkündung veraltet, sondern pro-aktiv und auf rasche Umsetzung zielend: Learning by Doing. Solche Initiativen müssten die großen Forschungsdinosaurier mit aufgreifen, tun sich aber schwer damit, weil sie selber von oben nach unten durchregieren, nicht graswurzelig bottom-up. Dieses Prinzip, oft zitiert und verlangt, ist in der Forschung bisher kaum angekommen, zeigt WÖM.

Was dieser Beitrag hier so sachlich wie möglich klarmachen möchte: Formate wie die Wissenschaftsdebatte sind für alle da, AUCH: Forschungseinrichtungen, Pressestellen, Wissenschaftskommunikatoren. Hier finden Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, einen Koffer mit neuem Handwerkszeug. Wenn wir weiterkommen wollen in der jahrzehntealten Diskussion, wie wir die Wissenschaft unters Volk bringen, sollten wir uns alle öffnen, forscherisch experimentieren, die angestaubten Standardformen wie Pressekonferenz und Podiumsdiskussion mit neuen interaktiven und frischer moderierten, auf Inklusion statt Exklusion zielenden Varianten bereichern.

 

Wolfgang C. Goede ist nach 30 Jahren als Redakteur bei einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift jetzt freier Wissenschaftsjournalist. Bei der Journalistenvereinigung TELI hat er die Wissenschaftsdebatte mit  ins Leben gerufen. Als Sekretär der European Union of Science Journalists‘ Associations EUSJA engagiert er sich im europaweiten Wissenschaftsjournalismus. Er lebt und arbeitet in München und Medellín, Kolumbien. Sein Manual zur Technik der Wissenschaftsdebatte erschien bei Maecenata.

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