Elfenbeinturm oder Provokation? – Kann Kommunikation schädlich sein?

Posted on 24. September 2014

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Wie schädlich ist Wissenschaftskommunikation?

Beim Workshop der VolkswagenStiftung “Image statt Inhalt? – Warum wir eine bessere Wissenschaftskommunikation brauchen” (http://www.volkswagenstiftung.de/index.php?id=2644) haben die Kommunikationswissenschaftler Frank Marcinkowski, Münster, und Matthias Kohring, Mannheim, kürzlich mit der Wissenschaftskommunikation abgerechnet:

Es gäbe „keine funktionale Begründung für öffentliche Wissenschaftskommunikation“. Sie zu fordern, würde „keinem Wissenschaftler von selbst einfallen“. Trotzdem beteiligten sich alle wissenschaftlichen Einrichtungen an dieser „Aufmerksamkeitsindustrie“. Warum? – Um Medienpräsenz in finanzielle Förderung umzumünzen.

Zitat: „Wer (als Wissenschaftler/Anm. JR) gegen Öffentlichkeit ist, macht sich verdächtig und gilt als zurückgeblieben. Dabei bedrohe Wissenschaftskommunikation „die Autonomie und die Funktionsweise von Wissenschaft“. Man gibt „dafür viel Geld aus, bindet die Zeit von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen und demotiviert sie zusehends, verschwendet also auch noch immense Ressourcen für diese falsche Strategie“.- Mit solchen Statements, man kann es wohl nicht anders ausdrücken, schockierten die beiden Forscher regelrecht die meisten der 80 geladenen Gäste im Tagungszentrum Schloss Herrenhausen in Hannover.

Dass insbesondere die anwesenden Wissenschaftskommunikatoren den Vortrag (http://www.volkswagenstiftung.de/wowk14/marcinkowski_kohring.html) der beiden scharf kritisierten, war wenig überraschend. Man würde es sich aber zu leicht machen, die Ausführungen als bloße Polemik abzutun. Deshalb will ich hier versuchen, die Argumentation nachzuzeichnen, vor allem anhand kurzer und längerer Zitate – als Auftakt für eine Diskussion im Netz über Qualitätskriterien für gute Wissenschaftskommunikation.

Die Argumentation
Für Marcinkowski und Kohring ist es „keineswegs selbsterklärend und selbstverständlich“, dass Wissenschaft sich an eine Laienöffentlichkeit wenden muss. Ob eine wissenschaftliche Aussage wahr oder falsch ist, entscheidet die Scientific Community aufgrund fachlicher Expertise. Dafür bedarf es nicht „der Zustimmung Dritter – schon gar nicht aller denkbaren Dritten“. „Wer dem skeptisch gegenüber steht, der möge sich vorübergehend einmal vorstellen, wie es wäre, in einer Welt mit öffentlicher Rechtsprechung zu leben“ – wo also Laien zu Gericht sitzen, die niemals Rechtswissenschaften studiert haben.

Wenn es also kein Indiz dafür gibt, „dass der wissenschaftliche Erkenntnisprozess dadurch befördert wird, dass möglichst viele zugucken oder im Begründungsverfahren mitreden“ – wer genau fordere dann überhaupt die Kommunikation von Wissenschaft in die breite Öffentlichkeit? Nach Ansicht von Kohring und Marcinkowski ist es, indirekt, die Politik. Früher hätten Politiker die Finanzierung des Wissenschaftssystems aus Steuermitteln mit dem Recht verknüpft, auch mitzuentscheiden, wofür diese Mittel eingesetzt werden. Aus dieser Detailsteuerung habe man sich aber angesichts der wachsenden Komplexität der Materie in den letzten eineinhalb Jahrzehnten zurückgezogen und den Wissenschaftsorganisationen mehr Autonomie bei der Budgetierung und Mittelverwendung zugestanden.

Gleichzeitig habe die Politik die Höhe der Finanzierung an Leistungsvereinbarungen geknüpft und auf diese Weise „die der Wissenschaft … wesensfremde Figur des Wettbewerbs propagiert“; „Wettbewerb wird öffentlich vorgeführt und für die Öffentlichkeit inszeniert – die prominentesten Beispiele sind die Exzellenzinitiative und die allgegenwärtigen Rankings.”

Um im Wettbewerb für finanzielle Ressourcen zu bestehen, seien die Institutionen gezwungen, „mit allen Mitteln an der eigenen Sichtbarkeit“ zu arbeiten. Das Vehikel dafür sei die Wissenschaftskommunikation. „Früher glaubte man, durch die Aufklärung der Laienbevölkerung mittels Wissen auch Akzeptanz für den Wissensproduzenten zu erzielen. Das hat zwar im Großen nie geklappt, hat aber noch einen rationalen Zug, der heutzutage fast rührend wirkt.“ Inzwischen aber diene Wissenschaftskommunikation keineswegs mehr „einer öffentlichen Kontroll- und Kritikfunktion oder gar einer Partizipation der Laienöffentlichkeit“, sondern „dem Primat der Eigenwerbung“, „der Medialisierung der wissenschaftlichen Einrichtungen“ – kurzum, sie sei eine „PR-Strategie“, mit „negativen Folgen für die Autonomie und die Funktionsweise von Wissenschaft“.

Ein längeres Zitat: „Das überzogene Streben nach Aufmerksamkeit löst sich nämlich völlig von der … Eigenlogik der Wissenschaft … – anders ausgedrückt: Wissenschaft tut nicht mehr das, wofür die Gesellschaft sie eigentlich bräuchte. Am sinnfälligsten wird das in scheinbar harmlosen und auf den ersten Blick sympathischen Forderungen, Wissenschaftler für die Wissenschaftskommunikation zu belohnen…….

(Weiter auf dem Blog von Jens Rehländer)

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