Angst essen Seele auf – Scheitert Wissenschaftskommunikation an den Wissenschaftlern?

Posted on 11. November 2014

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Unfähig zum Kontakt? - Wie schafft es Wissenschaft, die Gesellschaft zu erreichen? (Foto: Speedy's Mama/Pixelio

Unfähig zum Kontakt? – Wie schafft es Wissenschaft, die Gesellschaft zu erreichen? (Foto: Speedy’s Mama/Pixelio)

Eine fiktive Erzählung

Reiner_Blog_miniDieses Mal gibt es hier im Blog keinen Bericht, sondern eine fiktive Erzählung, eine Sammlung von Erfahrungen und Erlebnissen aus dem Leben eines Praktikers der Wissenschaftskommunikation, die allerdings vor kurzem ihren Kulminationspunkt fand bei einem Workshop. Aus Gründen der Vertraulichkeit und um niemanden bloßzustellen werde ich nicht über diesen Workshop berichten, die handelnden Personen und das Thema der Tagung verfremden, es ging also nicht um Medikamente gegen Viren, die Zitate sind angepasst, also nicht wörtlich – aber fast.

Manches von dieser Erzählung grenzt für Menschen, die sich professionell um Wissenschaftskommunikation bemühen, an Realsatire. Vieles werden sie aber auch selbst aus eigenen Erlebnissen wiedererkennen. Doch wenn man ernst nimmt, was da gesagt wird – und es war von den Einzelnen durchaus ernst gemeint – dann muss man befürchten: Wissenschaftskommunikation scheitert nicht daran, dass die Gesellschaft nichts von der Wissenschaft wissen will, sondern an den Wissenschaftlern. Denn sie haben Angst vor der Öffentlichkeit und sind ratlos oder unfähig, darüber hinwegzukommen.

Geniale Idee: Frühzeitig die Öffentlichkeit an neuer Forschung beteiligen

Beginnen wir mit der fiktiven Erzählung: Da sieht eine angesehene Wissenschaftsinstitution, dass ein neues Forschungsfeld auf uns zukommt, sagen wir, völlig neue Wege, um Viren zu bekämpfen. Und zwar in einer Art und Weise, die erhebliche Auswirkungen auf die Bekämpfung von Infektionskrankheiten hätte – vom Schnupfen bis zu Ebola – , aber auch auf die medizinische Versorgung ganzer Kontinente, auf Seuchenausbreitung, auf die Entwicklung der Weltbevölkerung, aber auch auf Gesetze und darauf, wie wir heute leben.

Und diese Wissenschaftsinstitution hat die kluge Idee, eine Arbeitsgruppe zu gründen, um – angesichts der Auswirkungen – nicht erst nachträglich Akzeptanz für diese neuen Wege zu schaffen, sondern die Öffentlichkeit, die ja davon direkt betroffen sein würde, frühzeitig in das neue Forschungsfeld mit einzubeziehen, bevor die Wissenschaft Tatsachen geschaffen hat. Löblich, wirklich ein zukunftweisendes Beispiel für Verantwortungsbewusstsein und dialogorientierte Wissenschaftskommunikation.

Es müssen nicht unbedingt Viren sein - Forschung bringt Veränderungen für die Gesellschaft, wie damit umgehen? (Foto: CDC)

Es muss nicht unbedingt Ebola sein – Forschung bringt Veränderungen für die Gesellschaft, wie damit umgehen? (Foto: CDC)

Da sitzen also rund 30 Experten beim Workshop. Etwa ein halbes Dutzend Profis der Wissenschaftskommunikation sind auch eingeladen. Eine kleine Arbeitsgruppe tagt schon seit über einem Jahr. Dennoch dreht sich erst einmal alles darum, wie denn diese neuen Virusmedikamente funktionieren und wie sie produziert werden könnten. Zwei verschiedene Modelle stehen zur Debatte. Ein Vertreter der Industrie stellt einen dritten Weg vor, der nicht recht dazu passt und über den auch nicht weiter gesprochen wird, aber vielleicht hat die Firma ja gesponsort. Die Einbeziehung der Öffentlichkeit wird erst einmal auf den Nachmittag verwiesen.

Fragen an die Wissenschaftskommunikation? Keine.

Trotzdem, die Öffentlichkeit ist ständig präsent. Zumindest in den Ängsten der Experten: „Der größte Nachteil unseres Weges dürfte wohl darin bestehen, dass wir Gentechnik benutzen, um die neuen Wirkstoffe in Mikroorganismen zu produzieren“, meint der Protagonist der Methode A. Und ergänzt gleich:“Ein guter Freund hat mir geraten, niemals die Gentechnik zu erwähnen, sonst habe ich gleich die Demonstranten vor der Türe.“ Und er hat auch noch ein zweites Angstwort parat: „Wir vermehren die Mikroorganismen in Reaktoren – da müssen wir uns noch eine andere Bezeichnung ausdenken, denn bei ‚Reaktor‘ denken die Leute immer gleich an ein Atomkraftwerk.“ Fragen dazu an die anwesenden Wissenschaftskommunikatoren? Keine.

Dann kommt der Nachmittag, eingeleitet drei Referaten, so dass für eine Diskussion, wie man die Öffentlichkeit frühzeitig einbeziehen kann, letztendlich nur noch 90 Minuten bleiben. Der Sitzungsleiter stellt eingangs an die Fachwissenschaftler die Frage: Wie würden Sie die Öffentlichkeit in Ihre Forschungsarbeit einbeziehen? Das erste Statement ist klar: „Zunächst sollte man den Leuten einmal deutlich sagen, dass sie nicht bei jedem kleinen Wehwehchen gleich Antibiotika schlucken sollen.“ Und dann geht es etwa zwanzig Minuten um Sinn und Unsinn von Mitteln gegen Schnupfen und grippale Infekte und was die Bevölkerung dazu wissen sollte: Alles Fakten, die jeder – selbst bei flüchtiger Zeitungslektüre – gut kennt und die längst in jedem Ratgeber stehen. Die Forscher merken gar nicht, wie sie selbst dilettieren, sobald das Gespräch sich nur ein wenig am Rande ihres eigenen Spezialthemas bewegt. Fragen an die anwesenden Profis aus der Wissenschaftskommunikation: Keine.

Nicht nur, dass die Bevölkerung für dumm oder ignorant gehalten wird, (man selbst aber auch nur im Halbwissen schwelgt) – nein: Katheder pur ist es, was die Herren Professoren am liebsten unter Kommunikation verstehen – belehren, verbessern, vielleicht auch informieren. Von Zuhören, auf die Öffentlichkeit zugehen, Dialog, ja Partizipation ist diese Haltung weit entfernt. Diese Forscher erkennen noch nicht einmal, dass sie die Öffentlichkeit fragen können, etwa nach Aspekten der gesellschaftlichen Veränderungen durch ihre Forschungen, die frühzeitig durch Untersuchungen ganz anderer Art erkundet werden sollten, nach vermeintlichen und tatsächlichen Risiken und den Umgang mit ihnen: Veränderungen im Gesundheitssystem, Auswirkungen auf Entwicklungsländer oder den internationalen Reiseverkehr (um im – nicht realen – Bild unserer fiktiven Erzählung über Virostatika zu bleiben). Gesellschaftliche Stakeholder und ihre Organisationen, wie Politiker, Berufsgruppen, Nichtregierungs-Organisationen oder ähnliches, die als Gesprächspartner zur Verfügung stehen, davon hat man offensichtlich noch nie gehört – oder Angst davor. Greenpeace gilt eher als Schreckgespenst, mit dem man lieber nichts zu tun haben möchte. Stattdessen schwelgt man in den Möglichkeiten von „Bürgerdialogen“ und „Konsenskonferenzen“.

Eine der wenigen Frauen im Gelehrtenkreis, Professorin für Wissenschaftskommunikation, wagt es dann sogar, nach einer Strategie für die Einbeziehung der Öffentlichkeit zu fragen: Kräftiges Kopfnicken. Das ist wichtig. Doch schon fünf Sekunden später geht es weiter mit der Diskussion über ganz andere Dinge.

Ist es das Ziel von Wissenschaftskommunikation, ungestört zu forschen?

Und bald folgt die zweite Gretchenfrage, nach den Zielgruppen: Wen sollen wir ansprechen mit der Kommunikation zu einem entstehenden Forschungsfeld? Wie aus der Pistole kommt die Antwort von einem der Fachexperten: „Derjenige, der mich vor allem interessiert, ist mein potenzieller Geldgeber.“ Ehrlich, direkt, aber ernüchternd. Ist es das, was Wissenschaftler an einer frühzeitigen Einbeziehung der Öffentlichkeit in die Entwicklung von Forschungsfeldern interessiert: Akzeptanz zu schaffen und die Finanzierung möglichst reichlich und ungestört sicherzustellen? Wissenschaftskommunikation als Fundraising.

Ende der Erzählung und einige Gedanken nach diesem bewegenden Workshop: Wo bleibt bei den Forschern eigentlich das Bewusstsein, dass Wissenschaft in einer Gesellschaft lebt, die ihr nicht nur zahlreiche Privilegien gibt, sondern die auch mehr und mehr Transparenz, ja sogar Partizipation in allen Bereichen fordert? Ob Freiheit der Forschung, Finanzen, Nachwuchs, Glaubwürdigkeit, Reputation, gesetzliche oder steuerliche Vorteile, wie alle anderen Privilegien – sie sind nicht gottgegeben, sondern werden der Wissenschaft von der Gesellschaft gewährt. Was sie dafür von der Wissenschaft erwarten darf? Gesellschaftliche Verantwortung.

Wie gesagt, das war eine fiktive Geschichte (mit realitätsnahen Zitaten), Ähnlichkeiten mit lebenden Personen wären rein zufällig, es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass sich einige darin selbst wiedererkennen. Wer immer wieder Diskussionen mit Wissenschaftlern über ihr Verhältnis zur Gesellschaft erlebt, erkennt sicherlich die Muster und wird sich fragen, ob dieser Workshop nicht prototypisch ist für die Interessenlage vieler Forscher. Natürlich gibt es unter den Wissenschaftlern andere und sogar gute Beispiele, die Wissenschaftskommunikation ernst nehmen und bewusst vorantreiben. Wie aber sieht es bei der Mehrheit der Wissenschaftler aus? Denn die beschriebene Gruppe ist ja kein besonders konservativer Kreis, sondern eine Arbeitsgruppe, die bewusst an der hervorragenden Idee arbeitet, die Öffentlichkeit frühzeitig in die Entwicklung ihres neuen Forschungsfeldes mit einzubeziehen. Doch Hilflosigkeit, Ängste und Scheuklappen hindern sie daran, auch nur zu sehen, wie sie dies bewerkstelligen könnten.

Wo bleibt in der Wissenschaft die gesellschaftliche Verantwortung?

Wenn dies so ist, dann heißt es für all diejenigen, die Wissenschaftskommunikation für wichtig halten: Gründlich Umdenken. Das Hauptproblem der Wissenschaftskommunikation scheint nicht, die Aufmerksamkeit, das Verständnis oder den Dialog der Bevölkerung und der verschiedenen Stakeholder in unserer Gesellschaft zu gewinnen. Das Hauptproblem der Wissenschaftskommunikation scheint wohl eher: Wissenschaftler überhaupt dialogfähig zu machen.

Wenn Wissenschaftler aber Angst haben vor Kritikern, wenn sie die Öffentlichkeit für ignorant halten (nur weil sie – auf ihrem Spezialgebiet – mehr wissen als Otto Normalverbraucher), wenn sie die Bedeutung von Emotionen unterschätzen, wenn sie die Rolle der Gesellschaft nicht verstehen, gleichzeitig Forderungen an die Menschen stellen, für langfristige Ziele (z.B. Klimaschutz) ihr gewohntes Verhalten heute zu verändern (z.B. Geld ausgeben um den Energieverbrauch zu drosseln) und doch selbst vor allem ein kurzfristiges Ziel haben: Ihr eigenes Tun so reibungslos und reichlich es geht von dieser Gesellschaft finanzieren zu lassen – dann muss Wissenschaftskommunikation scheitern. Dann bleiben alle Bemühungen darum nichts weiter als kurzfristige Belehrung, Lobbying, Fundraising.

Die Folge: Die Entwicklungen der Gesellschaft gehen an der Wissenschaft vorbei. Darunter wird zunächst die Wissenschaft selbst erheblich leiden, dann aber auch die Gesellschaft. Ist das gesellschaftliche Verantwortung?

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