Die „Wissenswerte“ – Angekommen im Land der Zukunft: Digitalien

Posted on 18. November 2014

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Schauplatz der "Wissenswerte" in Magdeburg - Tagungszentrum und Hotel Maritim.

Schauplatz der „Wissenswerte“ in Magdeburg – Tagungszentrum und Hotel Maritim. (Bilder: Wissenswerte)

Eines ist klar: Verpassen sollte man sie auf keinen Fall. Schon als Treffrpunkt ist der jährliche Kongress der Wissenschaftsjournalisten „Wissenswerte“, der seit elf Jahren in Bremen stattfindet, auch für Wissenschaftskommunikatoren unersetzlich. Vor allem wenn das Budget für Reisen (und Zeit) regelmäßige Besuche in Redaktionen und bei Redakteuren behindert. Die als Ansprechpartner für Forschungssprecher so wichtigen Freien Journalisten trifft man dabei ohnehin nicht. Also: Pflichttermin. (Leider schaffe ich selbst es nicht, dieses Jahr dabei zu sein – Lehrverpflichtung! Ich werde versuchen, in einem Storify spontane Reaktionen der Teilnehmer zu interessanten Themen einzufangen).

Also: Pflichttermin. Zum ersten Mal ist die „Wissenswerte“ (24.-26. November) in diesem Jahr allerdings nicht mehr in Bremen, sondern in Magdeburg zu Gast. Mal sehen, wie sich dies auf die Atmosphäre auswirkt, auf die Social Events, die Kaffeepausen und die Mittagessen am großen Büffet in ganzer Runde – wichtige Gelegenheiten um sich zu treffen, um Leute anzusprechen, die man schon immer einmal kennenlernen wollte und auch um Zufallsbekanntschaften zu machen, die sich als wertvoll erweisen. In Bremen waren dies für mich immer die spannendsten Programmteile. Als langjähriger Wissenschaftsjournalist und Chefredakteur konnte ich mir ansonsten einige Highlights aus dem eigentlichen Programm herauspicken.

Entdeckt die „Wissenswerte“ die Wissenschaftskommunikation?

Verantwortlich für das Programm der Wissenswerte: Franco Zotta und Holger Hettwer.

Verantwortlich für das Programm der Wissenswerte: Franco Zotta und Holger Hettwer.

Doch jetzt in Magdeburg hat auch das Programm der Vorträge und Diskussionen einiges zu bieten, was mich reizen könnte. Zum Beispiel zur Wissenschaftskommunikation: Eine Diskussion zum Thema „Journalismus und PR – Alles nur Kommunikation?“. Hier geht es wahrscheinlich wieder um die ebenso unwichtige wie deutsche Frage, ob Wissenschaftskommunikation, also die Kommunikation im Auftrag der Wissenschaft mit der Gesellschaft, „Wissenschaftskommunikation“ heißen darf oder ob da nicht die Wissenschaftsjournalisten und Wissenschaftsblogger auch dazu gehören. Ich habe zu dem Thema eine klare Position (im Kommentar #9 zum Post von Marcus Anhäuser „Die Angst der Kommunikatoren vor der PR“ beschrieben), und auch zu dem Helmholtz-Papier, das diesen Programmpunkt ausgelöst hat). Das Thema ist sehr deutsch, denn im angelsächsischen Raum ist „Science Communication“ klar definiert: Kommunikation im Auftrag der Wissenschaft. Ein wenig zeigt die Diskussion vielleicht auch, dass Wissenschaftsjournalisten doch noch nicht im Journalismus angekommen sind, denn außerhalb der Wissenschaftsressorts würden sich die Redaktionen und die Verlage dagegen wehren, einerseits von ihren Informanten vereinnahmt und dann auch noch zur Kommunikationsbranche gezählt zu werden. Sie zählen sich zurecht zu den freien, unabhängigen Medien. Kommunikation, das sind Unternehmenskommunikation, Öffentlichkeitsarbeit, Werbung, Marketing, Government Relations etc. Vielleicht ist es auch nur Definierfreude, die die Wissenschaftsjournalisten von den Wissenschaftlern übernommen haben?

Magdeburg ist Gastgeber der "Wissenswerte" - erstmals nicht in Bremen.

Elbe, Dom und Wissenschaft: Magdeburg ist  Gastgeber der „Wissenswerte“.

Ein zweiter Programmpunkt zur Wissenschaftskommunikation ist noch provozierender: “Vom Pressesprecher zum Marketing-Profi – Was Wissenschafts-PR heute leisten muss.“ Dabei geht es im Kern um die zunehmende Professionalisierung der Wissenschaftskommunikation: Zumindest größere Forschungsinstitutionen haben erkannt, dass es nicht mehr genügt, einen jungen Wissenschaftler als Pressesprecher zu installieren, sondern dass die Kommunikation sehr viel mehr leisten muss. Tatsächlich ist Kommunikation eine der komplexesten menschlichen Tätigkeiten, was man etwa auch daran merkt, wie oft es im persönlichsten Bereich zu Missverständnissen kommt, durch Kommunikationsfehler. Das haben Wissenschaftler nur zum Teil erkannt (ein Beispiel habe ich in „Angst essen Seele auf“  beschrieben). Aber professionelle Kommunikation mit allem Drum und Dran braucht die Wissenschaft, wenn sie in der sich verändernden Gesellschaft wahr- und ernstgenommen werden will. Und Dinge wie Profilbildung sind ja auch gar nichts Neues, früher nannte man dies nur anders: “Reputation“, und begnügte sich mit dem Selbstmarketing bei den Forscherkollegen. Man sollte sich da nicht verführen lassen, zu negativ über Marketing zu denken, den Eigenmarketing hat in der Wissenschaft eine lange Tradition.

Doch auch außerhalb der Kaffeepausen mit den vielen Gesprächen und Anknüpfungspunkten brauchen sich Wissenschaftskommunikatoren in Magdeburg nicht zu langweilen: Die Wissenschaftsjournalisten beginnen, über einen grundlegenden Wandel in ihrem Umfeld zu diskutieren, über Auswirkungen und Gefahren, über Nutzen und Chancen, die sich damit eröffnen – und all diese Veränderungen betreffen ganz nah auch die Forschungssprecher. Der Wandel heißt Digitalisierung.

Wissenschaftshafen Magdeburg: Ambiente für Institute und Firmen.

Wissenschaftshafen Magdeburg: Ambiente für Institute und Firmen.

Highlights für Forschungssprecher im Programm der „Wissenswerte“

Fünf Beispiele aus dem Programm:

  • Eine Diskussion „Vom Leser zum User: Was folgt aus dem veränderten Medienkonsum für die (wissenschafts)journalistischen Produkte?“ mit den Praktikern Christoph Dowe (ZEIT online), Markus Becker (Spiegel online) und Daniel Lingenhöhl (Spektrum online) und dem Kommunikationswissenschaftler Prof. Christoph Neuberger aus München, der vor allem zum Medienwandel forscht.
  • Oder das onlineCamp „Faktchecking/Verifikation in Social Media“ mit den Onlinern Lars Fischer und Marc Scheloske, wo es um zuverlässige Informationen im Internet geht – wichtig für Journalisten, mindestens ebenso wichtig aber für diejenigen, die gern korrekte Informationen im Netz sehen wollen, also die Wissenschaftskommunikatoren.
  • Oder „Dual-Use Technologien – gute Forschung, böse Forschung?“. Ein ganz heißes Thema, für Forschungssprecher, fast wichtiger als für Journalisten, zumindest zu wissen, wie die Journalisten dabei ticken. Erst vor ein paar Monaten hatte das AWI in Bremerhaven Probleme damit, weil Datenjournalisten herausgefunden hatten, dass Gelder des US-Verteidigungsministeriums in ein Walforschungsprojekt geflossen sind. Dual-Use wird Wissenschaftskommunikatoren weiter beschäftigen, schließlich sind – wie der brave Soldat Schweijk wusste – selbst Hosenknöpfe kriegswichtig. Alles eine Frage der Interpretation ist. Die Diskussion in Magdeburg: Ein Muss für Forschungssprecher.
  • Noch nicht ganz so drängend, aber gerade für Journalisten und Fotografen ein Zukunftsthema: „Drohnen, Daten, Roboterjournalismus – Wie technikaffine Journalisten arbeiten“. Heute vielleicht noch von eher untergeordneter Bedeutung (außer die Daten: siehe Dual-Use). Für Wissenschaftskommunikatoren wird sich aber eines Tages die Frage stellen, wie gehen wir damit um. Und außerdem: Ein bisschen Science Fiction darf auch mal sein.
  • Anreger und Querdenker: Prof. Harald Welzer

    Anreger und Querdenker: Prof. Harald Welzer

    Ein Höhepunkt der „Wissenswerte“ ist traditionell der Eröffnungsvortrag. In diesem Jahr verspricht er tiefe Einblicke in die Probleme, mit denen sich vor allem die Menschen auf der anderen Seite des Tisches konfrontiert sehen: „Medien selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand“ verspricht der Sozialpsychologe und Querdenker Prof. Harald Welzer. Die Fragen, die er stellt: „Können die Medien im gegenwärtigen digitalen Strukturwandel noch genügend Öffentlichkeit über relevante Themen herstellen? Sind Medien „systemrelevant“ – und wohin führt dieser Gedanke? Wie ist es um die Fähigkeit von Journalisten bestellt, die gesellschaftlichen Konsequenzen von wissenschaftlich-technologischen Entwicklungen richtig einzuschätzen und so zu thematisieren, dass ihre Brisanz auch einem fachfremden Publikum deutlich wird? Bietet der Journalismus zu viele Klimaticker und CO2-Analysen und zu wenig ,Geschichten des Gelingens‘?“ Mit einem Wort: Wo ist die neue Rolle des Journalismus im digitalen, interaktiven Zeitalter? Anregungen und Denkanstöße zuhauf.

Auszeichnung für die „Forschungssprecher des Jahres 2014“

Forschungssprecher bat its best - Wählen Sie die Forschungssprecher des Jahres 2014.

Die Forschungssprecher 2014 – In Magdeburgwerden sie ausgezeichnet.

Und noch ein Highlight – nicht zu vergessen! Unmittelbar vor der Eröffnung, also am Montag, 24. November um 11.30 Uhr, werden die Forschungssprecher des Jahres 2014 ausgezeichnet. Und zwar im Zentrum der „Wissenswerte“ am „Treffpunkt“. Wer einmal die Stars unserer Profession persönlich kennenlernen möchte: Hier gibt es die Gelegenheit.

Die Reise nach Magdeburg zur „Wissenswerte“ bietet also mehr, als noch so viele Redaktionsbesuche. Eines allerdings bietet sie nicht: Die Begegnung mit Journalisten, für die Wissenschaft nicht im Fokus ihrer Interessen steht. Und das ist nicht weniger wichtig. Nicht zuletzt deshalb, weil die meisten Meldungen über Wissenschaft nicht durch die Hände von Wissenschaftsjournalisten gehen, bevor sie in den Medien erscheinen, ganz zu schweigen von den politischen Debatten, bei denen oft Wissenschaft im Hintergrund mitschwingt. Daher ein Tipp, auch wenn sich die Wissenswerte in diesem Jahr besonders lohnt: Vereinbaren Sie einen Termin, besonders bei den lokalen Medien – Zeitung, Anzeigenblatt, Rundfunk, Lokalfernsehen – nehmen Sie Ihren obersten Forscher an der Hand und begleiten Sie ihn, am besten zum Besuch in einer Redaktionskonferenz. Das bringt mehr als ein Smalltalk in Magdeburg mit einem halben Dutzend Freien Journalisten. Und (vielleicht das Wichtigste) Ihr Chef wird in Zukunft Ihrer Kommunikationsarbeit sehr viel mehr Aufmerksamkeit schenken.

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