Wissenswerte: Salto mortale vorwärts – Zurück zur Natur

Posted on 24. November 2014

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Wenig Impulse für die Wissenschaftsjournalisten - Die Eröffnung der Wissenswerte durch Harald Welzer.

Wenig Impulse für die Wissenschaftsjournalisten – Die Eröffnung der Wissenswerte durch Harald Welzer.

Reiner_Blog_miniWas hatte er nicht alles versprochen, etwa „Eine Anleitung zum Widerstand“, der Eröffnungsredner der „Wissenswerte“, der jährlichen Konferenz der Wissenschaftjournalisten, dieses Mal in Magdeburg. Fragen hatte der Sozialpsychologe Prof.  Harald Welzer aufgeworfen, die in den zu erwartenden Antworten ein neues Bild des Wissenschaftsjournalismus erwarten ließen. Darüber habe ich in meiner Vorschau auf die „Wissenswerte“ berichtet. Doch was dabei herauskam, war enttäuschend: Eine in einigen Punkten berechtigte Publikumsbeschimpfung vulgo Kritik am heute gebräuchlichen Wissenschaftsjournalismus, einiges theoretisches

Viel Schelte, wenig Anregungen vom Soziologen Harald Welzer. (Foto:Wikipedia)

Viel Schelte, wenig Anregungen vom Soziologen Harald Welzer. (Foto:Wikipedia)

Soziologengeschwätz zu einem Umbau der Gesellschaft (als ob den die Wissenschaftsjournalisten tragen oder auch nur dazu beitragen könnten) und schließlich ein Aufruf an die Kollegenschaft, sich verstärkt um Experimente zu kümmern, die stark an Politik in Strickpullover und Latzhose erinnern, wo „wissenschaftliches Wissen, Umsetzungswissen der Journalisten und Praxiswissen der Menschen“ miteinander kombiniert werden. Fazit: Ein faszinierender Salto mortale vorwärts mit Landung in den Denkwelten von Jean Jacques Rousseauc.

Zunächst zum Positiven, der Schelte der Wissenschaftsjournlisten, einme wichtige Zielgruppe der Forschungssprecher: Als Beispiel nahm Welzer einen Bericht im „Mobil“-Teil der Süddeutschen Zeitung über die Pläne der Autokonzerne, das Innere der Autos zu einem mobilen zweiten Wohnzimmer umzugestalten, da die Autofahrer ohnehin mehr und mehr im Stau stehen, und so diese Stunden nicht als verlorene Zeit betrachten, sondern als zusätzlichen Lebensraum nutzen könnten. Welzer kritisierte die mangelnde Distanz des Autors zu den Ursachen von Staus, nämlich unsere „Hypermobilität“ wie er es nannte, das fehlende Hinterfragen des Datenschutzes in solchen Szenarien, das wirtschaftsorientierte Ummünzen von Verlusten in positive Erlebnis- und Produktwelten.

Selbst wenn dieser Bericht (wie wahrscheinlich auch fast alle Artikel zum Brand einer Textilfabrik mit über 1.000 Toten vor zwei Jahren in Bangladesh, die Welzer ebenfalls als Beispiel zitierte) wohl nicht von Wissenschaftsjournalisten stammte – nachdenkenswert ist die Schelte von Welzer für die Kollegen wohl: Wie oft hängen Wissenschaftsjournalisten am Munde eines Forschers, der stolz seine Ergebnisse verkündet und ihre Konsequenzen in güldenen Farben schildert. Wie oft fehlt auch nur eine zweite Quelle (eigentlich journalistisch ein Muss), geschweige denn eine Einordnung der Ergebnisse in das gesellschaftliche Umfeld, in Ursachenketten und Problembereiche.

Kritikfähiger Journalismus ist wichtig für die Wissenschaftskommunikation

Schauplatz der "Wissenswerte" in Magdeburg - Tagungszentrum und Hotel Maritim.

Schauplatz der „Wissenswerte“ in Magdeburg – Tagungszentrum und Hotel Maritim.

Für Forschungssprecher erscheint die mangelnde Nachfragelust von Wissenschaftsjournalisten zunächst einmal als Vorteil. Aber ist sie es wirklich? Wenn wir die Glaubwürdigkeit und die Öffnung der Wissenschaft zur Gesellschaft für notwendig erachten, dann dürfen wir den unkritischen Umgang mit ihr nicht goutieren. Es genügt nicht, unwissende Akzeptanz zu schaffen, die oft in Enttäuschung umschlägt; es geht darum, dass Wissenschaft ein glaubwürdiger Gesprächspartner der Gesellschaft ist. Und dazu gehört auch, die offenen Fragen anzusprechen und kritisches Hinterfragen zu akzeptieren, aber in der Diskussion auch die eigenen Argumente gut zu vertreten.

Je länger der Vortrag von Prof. Harald Welzer dauerte, umso mehr geriet er in den Sog der eigenen Vorstellungen von Gesellschaft und versuchte die Wissenschaftsjournalisten zum Mitmachen zu bewegen. „Kritischer Journalismus ist unabdingbar für eine Gesellschaft, die im Umbruch ist, wie diese.“ Die Rolle der Journalisten, insbesondere aber der Wissenschaftsjournalisten sei es, „Zusammenhangwissen zu schaffen“, das sei kulturelles, also politisches Wissen und Prozesse offenzulegen, „von denen wir Teil sind, die aber nicht mehr lange fortzusetzen sind.“… „Das gibt der Planet nicht her.“  Sein Lieblingsfeind ist die Digitalisierung: Voraussetzung einer demokratischen Gesellschaft, so Welzer, sei die strikte Unterscheidung zwischen Privatheit und öffentlichem Leben, die jedoch befinde sich in atemberaubender Geschwindigkeit in Auflösung. Trotz intensiver Schelte der digitalen Techniken fand der Soziologe allerdings kein Wort, wie und ob – auch angesichts der unbestreitbaren gesellschaftlichen Vorteile – diese Gesellschaft wieder aus der digitalen Vernetzung herauskommen solle, oder wie die Risiken vernünftig eingedämmt werden könnten.

Ein Querdenker, vor allem „Quer“

So blieb am Ende neben kritischen Denkanstößen für Journalisten kaum etwas von Vision übrig. Im Gegenteil hatte man den Eindruck, als versuchte der Sozialwissenschaftler verzweifelt die Wissenschaftsjournalisten für etwas zu begeistern, an das er selbst schon nicht mehr ganz glauben kann. Querdenker? Ja, aber mit deutlicher Betonung auf dem „Quer“.  Ideen für die Zukunft des Journalismus, eines in der Krise steckenden Berufsstands? – Fehlanzeige. Und wenn man seine Vorstellungen zu einem demokratischen Wissenschaftsjournalismus interpretiert, dann kommt es bald zu einer medialen Überhöhung alter Hausmittelchen oder Bauernregeln, mit wissenschaftlichem Mäntelchen. Nichts gegen Hausmittelchen und Bauernregeln: Aber mir erscheint dies ebenso wenig tragfähig für einen Wissenschaftsjournalismus wie Strickpullover und Latzhosen. Wir können zwar von der Natur unendlich viel lernen, aber wir können dennoch nicht dem „Zurück zur Natur“ des alten Rousseau folgen. Das gibt der Planet mit sieben Milliarden Bewohnern nicht her.

Persönliche Anmerkung zum Schluss: Nach Welzers Vortrag musste ich aus Magdeburg abreisen. Ich hoffe auf ein inhaltsreiches Storify.

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