Wissenschaftskommunikation – Entscheidend ist die Gesellschaft

Posted on 9. Dezember 2014

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Das Raumschiff Wissenschaftskommunikation landet in der Gesellschaft? - Kongresshotel am Templinsee in Potsdam.

Das Raumschiff Wissenschaftskommunikation landet in der Gesellschaft? – Kongresshotel des Forums am Templinsee in Potsdam.

Ganz neue Töne, ganz neue Redner ­­– nicht unbedingt neue Thesen, aber Gedanken, die bislang sehr im Schatten der Interessen der Wissenschaftler  standen: Wissenschaftskommunikation ist für die Gesellschaft da, nicht in erster Linie für die Wissenschaft. Wissenschaftskommunikation muss das Ziel haben, so betonten dies gleich zwei Redner bei der Eröffnung des siebten Forums Wissenschaftskommunikation in Potsdam, die Gesellschaft zu befähigen, vernünftige Entscheidungen zu fällen.

Man könnte es als Revolution betrachten, müsste man nicht befürchten, dass die zwei Redner in Potsdam erst einmal recht einsame Rufer in der Wüste bleiben. Doch ein Anfang ist gemacht und schließlich waren die beiden Sprecher, die das Primat der Gesellschaft

Entscheidend ist nicht die Wissenschaft, sondern die Gesellschaft - Parl. Staatssekretär Stefan Müller in Potsdam.

Entscheidend ist nicht die Wissenschaft, sondern die Gesellschaft – Parl. Staatssekretär Stefan Müller in Potsdam.

forderten, nicht ganz unbedeutend: Der eine war der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesforschungsministerium Stefan Müller, der der Wissenschaftskommunikation „eine Schlüsselrolle im Zusammenwirken von Wissenschaft und Gesellschaft“ zusprach, der andere kurz danach war Dietram Scheufele, deutschstämmiger Wissenschaftssoziologe an der University of Wisconsin in den USA.

Eigentlich ist die Situation ganz klar: Wissenschaft  wird von der Gesellschaft finanziert, sie gewährt den Forschern eine verfassungsrechtlich garantierte Freiheit und viele weitere große und kleine Privilegien. Darüber, was die Wissenschaft dafür der Gesellschaft zurückgibt,

welche Forderungen die Gesellschaft aus der umfangreichen Förderung entwickelt, haben sich die Forscher bisher herzlich wenig Gedanken gemacht. Sie meinten meist, Wissenschaftskommunikation diene in erster Linie dazu, ihren Forschungsvorhaben eine möglichst große Akzeptanz bei Politikern, Finanziers und in der Bevölkerung zu verschaffen. Diese Sichtweise rückte Stefan Müller in seinem „Impulsreferat“ zu Beginn des „Forums Wissenschaftskommunikation“ in Potsdam gründlich zurecht.

Vier Herausforderungen für die Wissenschaftskommunikation

Vier Herausforderungen stellen sich nach Ansicht des Politikers Müller der Wissenschaftskommunikation:

Erstens, so  sagte er, braucht Wissenschaftskommunikation Forscher, Kommunikatoren und Journalisten, die sich dafür echt engagieren. Während das Gewicht der Journalisten durch die Veränderungen in den Medien, insbesondere das Internet, schwächer werde, gebe es andererseits noch viel zu wenige Wissenschaftler, die sich aktiv um Wissenschaftskommunikation kümmern. „Da muss etwas passieren“, betonte Müller.

Eröffnung des 7. Forums Wissenschaftskommunikation in Potsdam.

Eröffnung des 7. Forums Wissenschaftskommunikation in Potsdam.

Zweitens kann Wissenschaftskommunikation nach Ansicht des BMBF-Staatssekretärs nur dann erfolgreich sein, wenn sie das „Marketing“ hintanstellt, also Akzeptanzbeschaffung, Nachwuchswerbung usw., und stattdessen „ein echter Dialog mit den Bürgern gelingt“.

Und auch die dritte Herausforderung, die Staatsekretär Müller sieht, befasst sich mit dem Dialog Wissenschaft-Bürger: Formate überprüfen, ein breites Spektrum abdecken, früh beginnen, die Ziele klar benennen, den Bürger mitnehmen und sie über die Auswirkungen des Dialogs informieren. „Wir müssen den Bürger vom Zuschauer zum Akteur machen“, sagte der Politiker.

Und viertens müsse sich die Wissenschaftskommunikation verbreitern, nicht nur Ergebnisse der Forschung publiziern, sondern Relevanz schaffen für Wirtschaft und Gesellschaft, Bezüge zur Nachrichten-Wetterlage herstellen und starke Persönlichkeiten finden, die sich öffentlich für die gesellschaftsorientierte Wissenschaftskommunikation engagieren.

Nein, nicht der Sonderzug nach Pankow - Neue Formate: die nächtliche Sonderbahn zur Wissenschaftsetage in Potsdam.

Nein, nicht der Sonderzug nach Pankow – Neue Formate: die nächtliche Sonderbahn zur Wissenschaftsetage in Potsdam.

Soweit der Politiker. Danach stand am Eröffnungstag des Forums Wissenschaftskommunikation erst einmal das Rollenverständnis von Wissenschaftskommunikatoren und Wissenschaftsjournalisten in zwei Podiumsdikussionen im Vordergrund. Es gab die üblichen Argumente, während die Journalisten unter erheblichem Druck durch die gegenwärtige Medienkrise sind und nach allen Richtungen auskeilen (nur nicht in Richtung der Verleger, die eigentlich den Medienwandel durch das Internet verschlafen haben), den Forschungssprechern „Marketing“ vorwarfen (wo ist da der Vorwurf? Marketing ist Teil der Kommunikation, auch der Journalisten) mussten die Wisenschaftskommunikatoren ihre mangelnde, aber immerhin wachsende Professionalität  einräumen.

Die Debatte um die Rollen Wissenschaftskommunikation versus Wissenschaftsjournalismus

Viel zu selten wurde die wahre Qualität von gutem Journalismus angesprochen: das Aufdecken, das Erkennen von zusätzlichen Perspektiven, das Einordnen, die Bewertung für den Leser, und zu selten bestanden die Forschungssprecher auf ihren Qualitäten: Aufmerksam und zugänglich machen, direkte Information ohne Gatekeeper für zahlreiche Zielgruppen liefern, nicht zuletzt im Internet, Betreuung von Journalisten, die nicht in der Wissenschaft zuhause sind, Kommunikationsberatung und Management für die Forscher.

Prof. Dietram Scheufele: Unverständnis für manche deutschen Diskussionen - Kommunikation mit der Gesellschaft.

Prof. Dietram Scheufele: Unverständnis für manche deutschen Diskussionen – Kommunikation mit der Gesellschaft.

Nur einer verstand es, sich aus dem direkten Hin und her der beiden Positionen herauszuhalten, dagegen unverwechselbare Positionen der beiden Berufsgruppen einzufordern, Prof. Dietram Scheufele: „Ich verstehe aus amerikanischer Sicht diese Debatte von Journalismus oder Wissenschaftskommunikation überhaupt nicht.“ Es gehe doch darum, der Bevölkerung und damit den Politikern wissenschaftliche Erkenntnisse so nahezubringen, dass in der Gesellschaft vernünftige Entscheidungen gefällt werden können. Dabei kämen mit Sicherheit Fragen ins Spiel, die weit über Wissenschaft hinausgingen, und genau da sei die Rolle der Journalisten, diese Fragen zu stellen, zu recherchieren und darzustellen.

Wissenschaft steht noch zu nah am Katheder

Scheufele beklagte die Rolle, die Wissenschafter in diesem Dialog mit der Gesellschaft einnehmen: „Sie stehen noch viel zu sehr am Katheder im Vorlesungssaal, als wollten sie alle belehren.“ In der Gesellschaft aber sei Wissenschaft nur ein Stakeholder von vielen, und sie müsse daher auch offen sein, von den anderen etwas anzunehmen: „Wenn ich nicht bereit bin, als Konsequenz der gesellschaftichen Meinungsbildung in schlimmster Konsequenz mein Labor zuzumachen – etwa weil die Gesellschaft meine Arbeiten nicht akzeptieren kann – dann darf ich diesen Prozess nicht Dialog nennen.“

Schock vom Communicator-Preisträger: Prof. Güntürkün mit Nicolas Kuhrt (Spiegel online).

Schock vom Communicator-Preisträger: Prof. Güntürkün mit Nicolas Kuhrt (Spiegel online).

Den Schock des ersten Tages beim „Forum Wissenschaftskommunikation“ aber brachte der Bochumer Biopsychologe Prof. Onur Güntürkün, seines Zeichens Träger des Communicator-Preises 2014 der DFG für „vorbildliche Vermittlung seiner Forschungen in die breite Öffentlichkeit und die Medien“. Güntürkün ist ein Wissenschaftler, der sich ehrlich seiner Bringschuld gegenüber der Gesellschaft bewusst ist, „denn sie finanziert mich“, dem es in der Kommunikation seiner Forschung darum geht, „eine Sache klar und einfach auszudrücken, ohne dass sie falsch wird“. Der andererseits aber auch nicht jedes Fernsehteam in sein Labor lässt, denn sie beschäftigten ihn einen halben Tag, um dann zwei unzusammenhängende Halbsätze aus dem Interview herauszuschneiden und aus dem Zusammenhang gerissen zu senden. Und dann kam der Satz, der zeigte, wie wenig er, der sich seit Jahrzehnten Gedanken macht über die biologischen Grundlagen des Verhaltens von Mensch und Tier, sich bisher rational damit auseinandergesetzt hat, wie Kommunikation in unserer Gesellschaft funktioniert: „Ich habe erst vor zwei Stunden gemerkt, dass Wissenschaftsjournalismus und Wissenschaftskommunikation etwas anderes sind.“

Der Communicator-Wissenschaftler – symptomatisch für die Wissenschaft?

Ist das symptomatisch für die Wissenchaftskommunikation in unserem Land? Wieviel weniger Gedanken werden sich erst die weniger engagierten Forscherkollegen gemacht haben, die sich weniger Zeit nehmen für Kommunikation? Erst recht diejenigen Wissenschaftler, die ohnehin schon alles zu wissen glauben, vor allem besser zu wissen glauben? Auch davon gibt es ja genug. Kommt deswegen die Wissenschaftskommunikation hier so langsam voran, scheitern daran bislang die Kommunikationsziele, die sich im oben geschilderten Sinne an die Gesellschaft richten?

Ein Satz, der nichts Gutes ahnen lässt für die Situation der Wissenschaftskommunikation in Deutschland (und ich denke, er steht prototypisch, denn ich habe schon viel schlimmere von weniger hoch Communicator-dekorierten Forschern gehört, siehe meine fiktive Erzählung). Ein Satz, der zeigt, wie viel noch zu tun bleibt für die Wissenschaftskommunikation in diesem Land, auch wenn wir hier in Potsdam beim Forum zum ersten Mal ausgiebig über die richtigen Ziele gesprochen haben. Wie sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Forschungsministerium? „Da muss etwas passieren.“ Und sein Haus hat es in der Hand, sehr viel dafür zu tun, dass dies geschieht.