Prosit 2015 – Die Wissenschafts-Blogs 2014 sind gewählt

Posted on 5. Januar 2015

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Die Würfel sind gefallen. Am 2. Januar, acht Minuten nach Mitternacht, wurden die Zählmaschinen gestoppt. Damit ist entschieden: Dies sind sind die Wissenschafts-Blogs des Jahres 2014. Hier zunächst kurz die Ergebnisse und dann einige wichtige und interessante Beobachtungen bei der Wahl:

Der Wissenschafts-Blog des Jahres 2014: „Primaklima“

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Auszeichnung und Ehre durch die Blogleser: Der „Wissenschafts-Block in Gold“ für „Primaklima“.

 

 

Der "Wissenschafts-Blog des Jahres 2014" - Primaklima.

Der „Wissenschafts-Blog des Jahres 2014“ – „Primaklima“.

Georg Hoffmann, Blogger von "Primaklima"

Georg Hoffmann, Blogger von „Primaklima“

Der „Wissenschafts-Blog des Jahres 2014“ ist der Blog „Primaklima“ , geschrieben und betrieben von dem aus Deutschland stammenden Klimaforscher Georg Hoffmann von der IMAU – University Utrecht, zu finden auf der Blogplattform Scienceblogs. Er ließ bei der Wahl alle Konkurrenz klar hinter sich, auch alle anderen Klima-Blogs, die auf der Kandidatenliste standen. Georg Hoffmann ist kein „Klimaskeptiker“, er ficht für seine Überzeugung, dass wir im Klimawandel stecken und argumentiert gegen alle Skeptiker, die dies – auch welchen Gründen auch immer – in Zweifel ziehen. Vordergründig scheint es im Blog vor allem um Hoffmanns „Klimawette“ zu gehen: 2014=heißestes Jahr, ganz unwissenschaftlich schon im März abgegeben. Im Gegensatz zu anderen Klima-Blogs versteckt der Klimaforscher seine Meinung nicht hinter der sogenannten „wissenschaftlichen Wahrheit“, sondern nimmt Ergebnisse und Fakten als Ausgangspunkt für seine Argumentation als informierter Bürger, die bis ins Philosophische, Emotionale und oft genug auch in den Humor hineinreicht. Hier betreibt ein Wissenschaftler mit seinem Faktenwissen gesellschaftlichen Dialog, der allerdings innerhalb der Blog-Kommentare dann doch nur wieder im vertrauten Kreis der Gleichgesinnten stattfindet. Herzlichen Glückwunsch zur Wahl zum „Wissenschafts-Blog des Jahres 2014“ (und zur gewonnenen Klimawette) – und zum „Wissenschafts-Block“ in Gold.

Der „Wissenschafts-Blog des Jahres 2014“ in Silber:  „Helmholtz Blogs“

Silber für einen Newcomer - die Helmholtz Blogs

Silber für einen Newcomer – die „Helmholtz Blogs“.

Auf dem zweiten Platz der Lesergunst landete in diesem Jahr ein Newcomer: Die Helmholtz Blogs. Sie erhalten die Kokarde des „Wissenschafts-Blogs des Jahres 2014“ in Silber. Dieses Blogportal der Helmholtz Gemeinschaft ist kaum älter als ein Jahr und hat sich in der Szene der Wissenschafts-Blogs bereits fest etabliert. Eindeutiger Grund dafür: Es wird von dem verantwortlichen Projektleiter Henning Krause ebenso engagiert betrieben, als sei es ein persönlicher Blog, daneben strahlt jeder Beitrag von Helmholtz-Wissenschaftlern so viel Persönlichkeit aus, lässt die Widrigkeiten und Erfolge von Forschung hautnah miterleben, dass man das Gefühl bekommt dabei zu sein: etwa bei Messflügen in der Antarktis, oder bei den Schwerionen-Experimenten der GSI in Darmstadt oder wenn in der Forschungsstation Ny Ålesund in der Arktis zum ersten Mal die Christbaumkerzen brennen. Wir haben über die Helmholtz Blogs bereits in unserer Reihe „Die spannendsten Forscher-Blogs“ berichtet. Herzlichen Glückwunsch zum „Wissenschafts-Block“ in Silber.

Der „Wissenschafts-Blog des Jahres 2014“ in Bronze: „Klimalounge

Der Wissenschafts-Block in Bronze für Klimalounge.

Zum zweiten Mal: Der Wissenschafts-Block in Bronze für „Klimalounge“.

„Same procedure as last year“ – den dritten Platz in der Publikumsgunst belegte auch 2014 – wie 2013 – der Blog „Klimalounge“ der drei Klimaforscher Anders Levermann, Stefan Rahmstorf und Martin Visbeck, zu finden auf der Blog-Plattform „Scilogs“. Und das, obwohl die Autoren ihren Lesern in diesem Jahr ausdrücklich empfohlen haben, sich nicht zu beteiligen – dazu unten mehr. Klimalounge – ein Blog, der nicht müde wird, vor den Folgen des Klimawandels zu warnen und dies mit wissenschaftlichen Ergebnissen zu untermauern, dabei streitbar ist bis zu Gerichtsverfahren. Eine nicht immer ganz transparente Mischung von Wissenschaft und gesellschaftlichem Engagement, entsprechend auch mit einer gehörigen Fangemeinde ausgestattet. Hier gilt die Devise: Wissenschaft ist nicht nur Erkenntnis, sondern fordert zum aktiven Handeln heraus. Herzlichen Glückwunsch zum „Wissenschafts-Blog 2014“ in Bronze.

Weitere Platzierungen, interessanterweise in deutlichem Abstand zu den drei ausgezeichneten Wissenschafts-Blogs des Jahres, untereinander dagegen kaum unterschieden oder sogar stimmengleich:
Astrodicticum Simplex;
blooDNAcid;
Archaeologik;
Klausis Krypto Kolumne;
Fischblog;
Hier-wohnen-Drachen;
Sprachlog.

Neu: Das Blog-Teufelchen der Wissenschaftskritik: „grenz|wissenschaft“

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In diesem Jahr neu: Das „Blog-Teufelchen Wissenschaftskritik“

In diesem Jahr fand parallel zur Wahl des „Wissenschafts-Blogs des Jahres“ eine zweite Wahl statt: Das „Blog-Teufelchen der Wissenschaftskritik“. Wir wollen damit alle, die sich mit Wissenschaftskommunikation beschäftigen, auf die Blogs aufmerksam machen, die sich aus ganz anderer Perspektive mit Wissenschaft beschäftigen, sich so benennen und zum Teil ein deutlich engagierteres Publikum haben (oder die besseren Software-Automaten) als die Wissenschafts-Blogs – selbst wenn Wissenschaftler dies bei den meisten dieser Blogs nie als Wissenschaft bezeichnen würden. Für Kommunikatoren ist es aber wichtig, zu wissen, was sich außerhalb der etablierten Wissenschaft in der Gesellschaft unter der Fahne „Wissenschaft“ tut.

Der erste Gewinner des "Blog-Teufelchens der Wissenschaftskritik": "grenz|wissenschaft-aktuell".

Der erste Gewinner des „Blog-Teufelchens der Wissenschaftskritik“: „grenz|wissenschaft-aktuell“.

Andreas Müller

Andreas Müller

In dieser zweiten Kategorie vereint der Blog „grenz|wissenschaft-aktuell“ des Saarbrücker Kornkreis-Spezialisten Andreas Müller mit deutlichem Abstand die meisten Stimmen auf sich. Er erhält von unseren Lesern das „Blog-Teufelchen der Wissenschaftskritik 2014“ verliehen. In diesem Blog geht es keineswegs nur um um das Phänomen Kornkreise, sondern um viele andere Themen, um UFOs etwa oder um den „Big Foot“, die amerikanische Version des Schneemenschen Yeti, aber auch um so wissenschaftsnahe Dinge wie die Marssonde „Mars Express“ oder die Lernfähigkeiten des Gehirns bei der Bedienung von Smartphones. Ein Blog, mit offensichtlich vielen engagierten Anhängern, die selbst nachts in großer Zahl für ihren Favoriten stimmten. Herzlichen Glückwunsch zum „Blog-Teufelchen der Wissenschaftskritik 2014“.

Weitere Platzierungen – mit deutlichem Abstand:
EIKE – Europäisches Institut für Klima und Energie;
Die kalte Sonne;
Kritische Wissenschaft – critical science;
Science Skeptical Blog.

Neu: Der Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Aufmerksam machen: Auf das neue und zukunftsträchtige Massenmedium Blog, auf Blogs rund um die Wissenschaft, die es lohnt, zu lesen, zu verfolgen, zu beobachten – sei es wegen ihrer interessanten Informationen, sei es, weil sie gesellschaftliche Trends ausdrücken, die für die Wissenschaft wichtig werden könnten, sei es, weil sie mit Argumenten spielen, mit denen sich Wissenschaft in der gesellschaftlichen Debatte auseinandersetzen muss. Das ist der Sinn der Wahl zum „Wissenschafts-Blog des Jahres“.

Nun gibt es aber neben den großen, massentauglichen Blogs, die bei dieser Publikumswahl die Stimmen sammeln, in Nischenthemen spannende Wissenschafts-Blogs oder auch Blog-Teufelchen, die es lohnt zu sehen. Um diesen Blogs eine Chance zu geben, haben wir in diesem Jahr zusätzlich zu den beiden Publikumswahlen den „Sonderpreis der Redaktion“ eingeführt: Unsere ganz persönlichen Favoriten unter den vielen Kandidaten – klein, nur schwer wahrnehmbar, aber engagiert und reich an Anregungen und Themen, für jeden, der sich für Wissenschaftskommunikation interessiert oder sich sogar professionell damit beschäftigt.

Der Sonderpreis der Redaktion als Wissenschafts-Blog: Statistik in Dresden.

Der Sonderpreis der Redaktion als Wissenschafts-Blog: „Statistik in Dresden“.

Der Sonderpreis der Redaktion in der Kategorie Wissenschafts-Blog des Jahres geht an den Blog „Statistik in Dresden“ von Wolf Riepl. Der freiberufliche Soziologe und Statistiker ist ein Zahlenfreak: Alles was sich in Zahlen fassen lässt, setzt er in seinem Blog um, von der Pegida-Bewegung bis zum Weihnachtsfest. Dabei lässt er seine Leser nicht nur an den Statistiken auf lebendige Weise teilhaben, sondern auch an den Methoden, wie Statistiken zu bewerten sind. Und im Gegensatz zum Titel des Blogs sind seine Themen gar nicht so lokal auf Dresden bezogen. Eine Fundgrube für alle, die der Meinung sind, dass Zahlen einen guten Teil unseres täglichen Lebens widerspiegeln, oder die sich beruflich mit Statistiken beschäftigen müssen (und wer muss das nicht?). Eine Entdeckung, die es lohnt, sich anzuschauen.

Der Sonderpreis der Redaktion zum "Blog-Teufelchen 2014" für den Blog "Sciencesofa".

Der Sonderpreis der Redaktion zum „Blog-Teufelchen 2014“ für den Blog „Sciencesofa“.

Der Sonderpreis der Redaktion in der Kategorie „Blog-Teufelchen der Wissenschaftskritik“ geht an den Schweizer Blog „Sciencesofa“ von Florian Fisch. Es ist zwar der Blog, der bei der Wahl mit Abstand die wenigsten Stimmen von allen bekam (genau 22), der aber sehr viel lesenswerter ist als vieles, was in dieser Kategorie von anderen Blogs angeboten wird. Journalisten und Wissenschaftler beleuchten – oft mit gesellschaftlicher Perspektive – Ereignisse und Veröffentlichung: Was bedeutet es für Patienten, dass jeder vierte Arzt nicht der evidenzbasierten Medizin vertraut? Evolution oder Kreationismus lediglich eine Geschmacksfrage? Wie ist die Beziehung von Wissenschaft und Wahrheit? Insgesamt kritische Fragen an die Wissenschaft, denen sie sich stellen muss, ohne in verträumte Emotionalität abzugleiten oder einem halsstarrigen „wenn alle gegen mich sind – ich habe doch recht“ zu huldigen. Lesenswert, nachdenkenswert.

Bemerkenswertes für die Wissenschaftskommunikation

Zunächst einmal: Die Wahl zum „Wissenschafts-Blog des Jahres“ ist eine Publikumswahl. So wie der Fernsehpreis „Bambi“ nicht die besten Sendungen und Stars auszeichnen kann, sondern die populärsten, so kann eine offene Online-Wahl nur die beliebtesten Wissenschafts-Blogs finden, nicht die unter wissenschaftlichen oder journalistischen Gesichtspunkten besten. Über 6.000 Stimmen verteilten sich auf die insgesamt 35 Kandidaten, rund 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Anregungen zu dieser Kandidatenliste kamen aus dem Teads-Ranking „Top Blogs“ (ehemals ebuzzing-Ranking) der einflussreichsten Blogs zu Wissenschaft und Forschung, aus eigenen Recherchen von „Wissenschaft kommuniziert“, aus Vorschlägen der Leser und aus Tipps von Kollegen (Danke an alle). Eines kann diese Wahl nicht: repräsentativ sein, dazu ist diese Methode nicht geeignet. Alle Sperren gegen Doppelstimmen, die das Umfragetool hergab, wurden genutzt. Ob es Wege gab, dies zu umgehen – dazu reichen meine technischen Fähigkeiten nicht aus.

Trotz der Proteste einiger Kommentatoren hat sich die Aufteilung in „Wissenschafts-Blog des Jahres“ und „Blogteufelchen der Wissenschaftskritik“ bewährt. Denn jetzt sind die Verhältnisse klar. Eine seltsame Reaktion gab es jedoch vom Klimaforscher Stefan Rahmstorf. Nachdem er im letzten Jahr seine Leser eindringlich dazu aufgefordert hatte, bei der Wahl für seinen Blog „Klimalounge“ zu stimmen, versuchte er in diesem Jahr seine Leser mit dem Totschlag-Argument „nicht mehr ganz von der Seriosität dieser Wahl überzeugt“ regelrecht abzuschrecken. Als wir Rahmstorf nach einer Begründung für dieses ehrenrührige Urteil fragten, ging er auf den Vorwurf „zweifelhafte Seriosität“ gar nicht mehr ein: Ihn hatten politisch-taktische Gründe im Kampf gegen die Klimawandelskeptiker bewogen, dieses Mal nicht mehr auf Stimmenfang zu gehen, denn durch die Aufteilung in zwei Wahlen konnte eine gute Platzierung der „Klimalounge“ die Kritiker nicht mehr verdrängen. Spricht das nun etwa für einen seriös agierenden Wissenschaftler: ohne Grund jemandem als zweifelhaft seriös zu brandmarken, obwohl man in Wirklichkeit nur selbst eine taktisch Kehrtwende im politischen Ränkespiel vollzogen hat? Genützt hat es Rahmstorf wenig: Die Leser haben ihn wie 2013 auf den dritten Platz gewählt.

Diese Randgeschichte ist wieder nur ein Beleg mehr, dass zahlreiche Beteiligte die Wahl des Wissenschafts-Blogs viel zu ernst nehmen. Darauf bin ich schon bei den Ergebnissen 2013 eingegangen. Ziel ist: Auf interessante und populäre Wissenschafts-Blogs aufmerksam zu machen, ebenso auf die Kritiker, deren Publikum nach dem aktuellen (repräsentativen!) Wissenschaftsbarometer vielleicht sogar in Deutschland in der Mehrheit sind. Wichtige Informationen für die Wissenschaftskommunikation, ganz sicher. Vor allem aber ist dies auch durch die Wahl ein schönes Spiel: Hätten wir die 33 Blogs nur als Liste vorgestellt, hätte kaum jemand Notiz davon genommen und den interessanten Blogs wären viele, viele Klicks entgangen. Leser, die sie nicht kennen, können auch nicht wieder auf die interessanten Blogs zurückkehren.