Es kreißte der Berg … – Was wissen Meinungsforscher über Wissenschaftskommunikation?

Posted on 3. Februar 2015

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Gentechnikfrei dank schlechter Wissenschaftskommunikation? - Viele Forscher meinen dies. (Foto: R_B_by_luise(Pixelio

Gentechnikfrei dank schlechter Wissenschaftskommunikation? – Viele Forscher meinen dies. (Foto: R_B_by_luise/Pixelio)

Es ist eine psychologische Erkenntnis, die inzwischen zum Alltagswissen gehört: Der erste Eindruck ist entscheidend. Das weiß jeder Wissenschaftler und hält sich ganz persönlich daran, etwa wenn er zu einem Bewerbungsgespräch geht: Ordentliche Kleidung (Krawatte ist ja nicht mehr überall angesagt), freundlich, frisch geduscht und frisiert – nicht nur auf geschliffene Argumente, auf den ersten Eindruck beim Gesprächspartner kommt es an.

Doch wenn es um ein neues Forschungsgebiet geht, das absehbar viele öffentliche Diskussionen um Ethik, Sicherheit und Akzeptanz auslösen wird, dann scheint all das vergessen zu sein. Das musste jetzt die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina feststellen, als sie zusammen mit den Meinungsforschern des Instituts für Demoskopie Allensbach in einer repräsentativen Umfrage den Wissensstand und die Haltung der deutschen Bevölkerung zu dem jungen Forschungsgebiet „Synthetische Biologie“ abfragte. Da war schon der erste Eindruck in der Bevölkerung miserabel, und das ist nun einmal bei einem Forschungsgebiet: sein Name.

Viel Aufwand für einige interessante Ergebnisse - Die Leopoldina-Umfrage "Synthetische Biologie".

Viel Aufwand für einige interessante Ergebnisse – Die Leopoldina-Umfrage „Synthetische Biologie“.

Denn eines der wenigen konkreten Ergebnisse, die bei der Umfrage herauskamen: Die Menschen wissen kaum, was „Synthetische Biologie“ ist (82 Prozent: „Ich weiß kaum etwas“), aber sie finden diese Forschung ausgesprochen unsympathisch (60 Prozent: „unsympathisch“, in der Ablehnung nur noch übertroffen von Gentechnologie). Also: Emotionale Ablehnung auf den ersten Blick, der beste Nährboden für Ängste, Bürgerproteste, Initiativen und gesetzliche Beschränkungen eines Forschungsfeldes, das vom Nutzen, vom internationalen Wettbewerb und von den wirtschaftlichen Konsequenzen größte Perspektiven bietet. Eine denkbar schlechte Ausgangsposition für die Wissenschaftskommunikation, denn die Verschreckten hören nicht mehr zu, wenn von Chancen und Sicherheit die Rede ist.

Für diese Erkenntnis haben die Meinungsforscher eine umfangreiche repräsentative Umfrage mit 2350 Interviews von Bürgern über 16 Jahren gewählt, zusätzlich eine quantitative Befragung von 106 Wissenschaftlern und 103 Wissenschaftsjournalisten sowie 23 Tiefeninterviews mit Wissenschaftlern. (Übrigens ein schwerwiegender Fehler der Umfrage: Es wurden nur Journalisten befragt, die mit Wissenschaftsthemen vertraut sind – im allgemeinen Sprachgebrauch Wissenschaftsjournalisten –, allgemeine oder politische Journalisten, die an der Akzeptanz von Forschung ganz entscheidend mitwirken, wurden nicht befragt, und entsprechend gab es auch keine getrennte Auswertung – im Gegensatz zu Wissenschaftlern, wo interessanterweise zwischen Industrieforschern und Wissenschaftlern an öffentlich finanzierten Instituten unterschieden wurde.)

Nur knapp vor der Gentechnik - Die Rangliste der Sympathien von den Meinungsforschern ermittelt.

Nur knapp vor der Gentechnik – Die Rangliste der Sympathien, von den Meinungsforschern ermittelt.

Ein ganz gehöriger Aufwand für so eine Umfrage. Rund 125.000 Euro hat das Bundesforschungsministerium nach Auskunft der Leopoldina für die Untersuchung springen lassen, ziemlich genau 1.000 Euro für jede Seite des Abschlussberichts. Und das für eine Erkenntnis, die – mit Verlaub – ein Kommunikationsexperte mit etwas Sprachgefühl innerhalb von zwei Minuten hätte bieten können: Schon der Begriff „Synthetische Biologie“ steckt voller widerstreitender Emotionen: Einerseits „Biologie“, das bedeutet Leben, sympathisch, faszinierend, anheimelnd, schützenswert, zugleich ständig bedroht; andererseits „synthetisch“, also rational, kühl, mit Assoziationen an chemisch, künstlich, unvollkommen, gefälscht, schädlich. Da muss man schon ein Freak sein, um diesen Namen nicht als unsympathisch zu empfinden. Dieser Fall zeigt aber auch, dass es nicht reicht, Wissenschaftskommunikatoren zu Rate zu ziehen, wenn man stolz Ergebnisse verkünden will, sondern viel, viel früher, am besten schon zu Beginn, bei der Namensgebung für ein neues Forschungsfeld.

Noch berichten die Medien recht positiv - P.M.-Bericht über Synthetische Biologie.

Noch berichten die Medien recht positiv – P.M.-Bericht über Synthetische Biologie.

„Es kreißte der Berg…“, könnte man mit Horaz sagen, nur um festzustellen, dass das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Für die „Synthetische Biologie“ sind mit der emotionalen Ablehnung die kommunikativen Voraussetzungen denkbar schlecht. Ein anderer Name? Dafür ist es zu spät, Camouflage wäre verheerend für die Glaubwürdigkeit. Die Studie des Allensbach-Instituts (früher einmal mit der noch immer eindrucksvollen Gallionsfigur der deutschen Meinungsforschung, Elisabeth Noelle-Neumann, 21 Jahre verheiratet mit dem großen Physiker, Kommunikator und DFG-Präsidenten Heinz Meier-Leibnitz), sollte Wege aufzeigen, „wie die Öffentlichkeit über komplexe Wissensgebiete wie die Synthetische Biologie informiert werden kann“ (Leopoldina). Doch in dieser verfahrenen Situation, die eine differenzierte Herangehensweise erfordert, fallen den Meinungsforschern nur vier allgemeine Weisheiten ein, wie sie in jedem Kommunikations-Lehrbuch stehen könnten: Alltagsnähe herstellen, also den Bürgern konkreten Nutzen aus den Forschungsergebnissen versprechen (ungewiss, ob in der emotionalen Ablehnung noch jemand zuhört und gefährlich, ob da nicht bald Hoffnungen enttäuscht werden, denn schließlich handelt es sich bei der „Synthetischen Biologie“ oft noch um Grundlagenforschung, deren Anwendung gar nicht absehbar ist); transparent und ergebnisoffen informieren (ein trivialer Rat, alles andere wäre keine Information); verständlich und zielgruppengerecht kommunizieren (Holla, das muss ich doch schon irgendwo einmal gelesen haben); die Rolle der Medien berücksichtigen (eigentlich auch selbstverständlich, aber mit der gleichzeitigen Empfehlung der Allensbacher für das Fernsehen als wichtigstem Medium schon wieder fraglich: jedes Medium hat seine Vorzüge und seine Grenzen, ganz besonders auch TV).

Also viel Aufwand für Nichts? Nein, ganz und gar nicht. Als Chefredakteur habe ich in zwanzig Jahren viele teure Befragungen der Marktforschung erlebt, die eigentlich nichts anderes gebracht haben als was man bereits wusste. Das Entscheidende ist, was man damit macht! Zunächst einmal ist es ein großes Verdienst der Leopoldina, Wissenschaftskommunikation (für ein Forschungsgebiet, aber mit genug allgemeinen Erkenntnissen zu anstehenden Kommunikationsaufgaben) endlich einmal von der Zielgruppe her aufzuziehen. Was weiß die Zielgruppe, was empfindet sie, was mag sie und was nicht? Hier hätte man allerdings gern noch weiter in die Tiefe gehen können, nach Motivationen, Emotionen, Wertvorstellungen oder Perspektiven fragen können. Doch das ist eher nicht das Feld von Meinungsforschern, sondern das von Soziologen, Psychologen oder Marketingexperten (doch die mit einzubeziehen wäre als erster Anlauf für eine Wissenschaftsakademie wohl tatsächlich zu viel verlangt gewesen).

Kommunikationsdefizite der Wissenschaft - dies sehen Industrieforscher drastischer als  öffentliche Forscher.

Kommunikationsdefizite der Wissenschaft – dies sehen Industrieforscher drastischer als öffentliche Forscher.

Doch was kann man mit solchen Ergebnissen machen, die man meint, ohnehin schon zu kennen? Man muss sie vor allem als ersten Schritt betrachten und nicht als Ergebnis. Denn zunächst einmal bringen solche Umfragen Zahlen, mit denen man auch die überzeugen kann, die nicht so tief in der Materie stecken, aber mitentscheiden. Zum zweiten bringt so eine Umfrage Argumente: In der Leopoldina-Studie wurden ja auch Wissenschaftler befragt, sogar in Tiefeninterviews.

Dabei kam heraus, dass Forscher in der überwiegenden Mehrzahl sich der Bedeutung der Kommunikation mit der Öffentlichkeit bewusst sind: als Rechtfertigung für die öffentliche Finanzierung, für die Akzeptanz ihrer Arbeit, aber auch für die Umsetzung in die gesellschaftliche Anwendung („Sehr wichtig“ und „wichtig“: 96 Prozent!). Und 60 Prozent sind sogar der Meinung, dass die Wissenschaft selbst großen Einfluss darauf hat, wie sehr sich die Gesellschaft für ihre Arbeiten interessiert und sie akzeptiert, wobei 58 Prozent eine unzureichende Kommunikation für die „Grüne Gentechnik“ als Negativ-Beispiel vor Augen haben. Außerdem sind 63 Prozent auch der Meinung, dass die wissenschaftlichen Institutionen und die Forscher nicht genug für die Wissenschaftskommunikation tun. Doch wenn sie sich an die eigene Nase fassen, dann nennen sie vor allem Zeitmangel als Grund, weshalb sie selbst nicht mehr für die Kommunikation ihrer Arbeit tun.

Ein entlarvendes Ergebnis: Denn Zeitmangel ist ein vorgeschobenes Argument und heißt immer bei genauerer Analyse nichts anderes als: Ich habe andere Prioritäten. Wie wichtig ist Wissenschaftlern die Wissenschaftskommunikation? Und wenn sie ihnen tatsächlich wichtig ist, sehen sie nicht die Möglichkeit, sich durch kompetente Helfer, nämlich durch professionelle Wissenschaftskommunikatoren unterstützen zu lassen? Übrigens: Wissenschaftskommunikatoren wurden in dieser Studie gar nicht befragt. Dabei wären sie diejenigen, die diese scheinbaren Widersprüche zwischen Bewußtsein und Handeln zur Wissenschaftskommunikation auflösen könnten. Dass Forschungssprecher in dieser Studie zur Wissenschaftskommunikation für Leopoldina und Allensbacher Meinungsforscher keine Rolle spielen, ist das zweite große Defizit dieser Untersuchung. Immerhin und apropos Zeitmangel: Die Ergebnisse sind ein starkes Argument, um Wissenschaftler und Kommunikatoren näher zusammen zu bringen – ein großes Problem, wie auch in der Politik schon festgestellt.

Das dritte große Defizit dieser Studie besteht darin, dass Wissenschaftskommunikation, ganz im herkömmlichen Sinne, als Verbreitung der Forschungsergebnisse verstanden wird. Nichts von Dialog der Wissenschaft mit den anderen Stakeholdern der Gesellschaft, nichts von Miteinander-Füreinander, sondern eher der alte Katheder. Dabei läge gerade hier eine Lösung für das Kommunikationsproblem der „Synthetischen Biologie“. Da das schon mit der Namenswahl des Forschungsfeldes angesichts mangelnden Kommunikationsbewusstseins ziemlich schief gegangen ist, heißt es jetzt, das Beste aus der Situation zu machen. Und ein Weg dazu wäre etwa, die Bürger zu befragen – nicht wieder in einer großen Umfrage, denn von solchen Instrumenten darf man sich nie einen Weg erwarten, wie man Probleme lösen kann (das war auch oft der Irrtum der Marktforscher, als es um Inhalte und Konzepte für meine Zeitschriften ging), sondern lediglich Fingerzeige. Die Lösung muss man schon mit seiner eigenen Expertise selbst finden, dann kann man sich wieder dem Urteil von Umfragen stellen.

Wie wäre es, wenn man statt Ergebnisse und Versprechungen der „Synthetischen Biologie“ zu verkünden, einmal die Bürger – vor allem die inzwischen längst anerkannten, nichtgewählten Vertreter ihrer Interessen und Ängste, die Nichtregierungsorganisationen – fragt, wo sie mit dem neuen Forschungsgebiet Probleme sehen? Das geht nicht über Presseerklärungen, dazu muss man sich zusammensetzen, ausgiebig miteinander diskutieren. Und dann könnte man aus diesen Ängsten und Sorgen neue Forschungsprojekte und Programme entwickeln. Da wird es etwa um das Freisetzungsproblem gehen, um Proliferation oder um Fragen der ethischen Grenzen dieses „künstlichen Lebens“. Das sind nicht nur Fragen an Naturwissenschaftler, aber gerade eine Institution wie die Leopoldina, die über die disziplinären Grenzen hinausgreift, wäre für solche Anstöße und Programme geeignet. Natürlich würde die Forschung zur „Synthetischen Biologie“ danach anders aussehen, als sich die Protagonisten des Fachs dies heute vorstellen. Dialog darf man nicht „Dialog“ nennen, wenn man nicht bereit ist, Konsequenzen daraus zu ziehen – so hieß es zu recht beim Forum Wissenschaftskommunikation in Potsdam.

Aber angesichts der Bedeutung des Fachs und angesichts der enormen gesellschaftlichen Auswirkungen – inklusive massivem Konfliktpotenzial – wäre ein neuer Fall „Gentechnik“ (grün oder selbst „nur“ rot) für alle verhängnisvoll. In einer transparenten, offenen und partizipativen Gesellschaft geht es nicht anders als über Dialog. Und vor allem geht es nicht ohne die Kommunikationsexperten der Wissenschaft – die Forschungssprecher.

Das sollte sich vor allem auch die „Leopoldina“ ins Stammbuch schreiben. Dass die Wissenschaftskommunikatoren bei der Befragung übersehen wurden, verwundert umso mehr, als die Abteilung Presse und Öffentlichkeitsarbeit an der Studie laut Nachweis der „Beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“ intensiv beteiligt war. Oder versteht auch die Nationale Wissenschaftsakademie ihre eigenen Kommunikationsexperten nur als Handlanger, die dafür zuständig sind, geschliffene Texte zu schreiben, doch wenn es um Expertise und Konzepte für die Wissenschaftskommunikation geht, dann fragt man lieber andere Wissenschaftler, und seien es Meinungsforscher?

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