Mit anderen Augen – Ein subjektiver Bericht über eine Reise durch den Iran

Posted on 30. Juni 2015

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Teheran - Vielleicht nicht die schönste Stadt, aber eine moderne Skyline mit eindrucksvoller Bergkulisse.

Teheran – Vielleicht nicht die schönste Stadt, aber eine moderne Skyline mit eindrucksvoller Bergkulisse.

Nach Reiner_Blog_miniein paar Wochen Blogpause melde ich mich wieder, dieses Mal nicht zur Wissenschaftskommunikation. In den vergangenen Wochen habe ich eine mehrwöchige Studienreise durch den Iran gemacht und kehre mit so vielen Eindrücken zurück, mit Erkenntnissen, neuem Wissen und Gedanken – oft genug in totalem Widerspruch zu dem, was wir hier aus den Medien über dieses Land im Nahen Osten hören und sehen – dass ich diese Perspektiven gern teilen möchte. Wen es interessiert, der ist herzlich eingeladen, weiter zu lesen, wen nicht, den bitte ich auf den nächsten Blogpost zu warten – dann geht es wieder um Wissenschaftskommunikation.

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Die Kraft alter persischer Kunst reicht bis heute und prägt die Wurzeln der europäischen Kultur.

Um das Wichtigste vorweg zu nehmen: Es war nicht mein erster Besuch im Iran, sondern mein dritter, der erste sogar noch in den Endzeiten des alten Schahregimes. Meine Frau stammt aus diesem Land. Daher habe ich natürlich seit vielen Jahren mit Interesse alles verfolgt was die Medien von dort berichtet haben (die leider nur selten kontinuierlich und mit erhellendem Hintergrund berichten). Und trotz des gesammelten Vorwissens: Nach dieser Reise betrachte ich den Iran mit ganz anderen Augen als vorher.

Doch der Reihe nach: Wenn ich vor der Reise von meinen Plänen erzählt habe, kam bald die Frage „Ist das denn sicher?“. Mein einziges Argument war damals, dass ich die Reise bei meinem ehemaligen Magazin „bild der wissenschaft“ gebucht hatte (wo ich – damals Chefredakteur – vor 24 Jahren selbst diese Art von Studienreisen als Erweiterung der journalistischen Berichterstattung „erfunden“ hatte). Und diese Zeitschrift ist eher nicht für Abenteuer bekannt. Heute weiß ich: Sicherheit ist derzeit bestimmt eines der geringeren Probleme für Touristen im Iran. Wenn man sich einigermaßen an Regeln hält – was man als Gast ja ohnehin sollte – ist das Risiko nicht größer als in vielen europäischen Reiseländern.

Der Iran hat einen schlechten Ruf. Als „Schurkenstaat“, „Achse des Bösen“, als Unterdrückungsregime im Zeichen des Islam wird der Iran stets von Regierungen und den Medien beschrieben, die ihren Informationsquellen folgen. Wer aber mit offenen Augen durch das Land reist, sieht: Ja, dieses Land wird regiert mit äußerst konservativen, angeblich islamischen Gesetzen, in denen die bürgerliche Freiheit, wie wir sie kennen, nichts gilt. Und zugleich hat sich in diesem Land durch Flexibilität, Stolz und Solidarität der Bürger abseits der Mullahs eine Zivilgesellschaft herausgebildet, die weit entfernt ist, von der offiziellen Regierungspolitik, die sich sehnt nach Kontakten zur Moderne, die ihre kleinen Freiheiten nutzt, sobald dies möglich ist, die kultiviert ist, selbstbewusst und interessiert an Anregungen von außen.

Gesetze und Zivilgesellschaft: Enge Hosen, durchscheinende Kleidung, Händchenhalten in der Öffentlichkeit - verboten und doch überall zu sehen.

Gesetze und Zivilgesellschaft: Enge Hosen, durchscheinende Kleidung, Händchenhalten in der Öffentlichkeit – verboten und doch überall zu sehen.

Die Bürger nehmen sich ihre Freiheiten so weit, wie man sie gerade lässt, unabhängig davon, was im Gesetzbuch steht. So viele Gesetzesverstöße kann man gar nicht zählen, wie man in den Straßen, Basaren und Parks auch als Reisender sieht. Ein paar Einzelbeobachtungen von vielen, die in der Fülle ein Bild ergeben: Männer treiben öffentlich Sport in kurzen Hosen, ja sie treiben sogar Bewegungssport zusammen mit Frauen, sie baden zusammen – ohne trennenden Vorhang, aber natürlich voll bekleidet. Frauen tragen figurbetonte Kleider, oft ziemlich hoch über den Knien und teils sogar durchscheinend. Verliebte Paare gehen händchenhaltend durch die Stadt, ja sitzen sogar eng umschlungen im Park auf einer Bank. Das berüchtigte Kopftuch wird von vielen Frauen als Modeaccessoire „missbraucht“ – farbig, dekorativ und es rutscht immer weiter nach hinten: Modefrisur der Frauen ist der Knoten oder ein künstlicher Dutt, auf dem man das Kopftuch sogar hinter den Ohren feststecken kann. Überhaupt die Frauen im Iran, sie sind trotz aller Regeln ohnehin die stärkeren in dieser Zivilgesellschaft (aber das wusste ich schon vor dieser Reise).

Natürlich sind die Medien zensiert: Satellitenschüsseln sind verboten – und dennoch hat jeder, wirklich jeder eine unter dem Dach. Das Internet ist zensiert, keine krtischen Medien, kein soziales Netzwerk ist erreichbar, nicht einmal dieser Blog – und dennoch hat jeder Computernutzer eine VPN-Verbindung zu einem unzensierten Server, der die ganze Welt des freien Internets öffnet. „Wir haben unsere App“, sagt eine Deutsch-Studentin, die ohne Hemmungen berichtet, dass sie durch Lektüre der – eigentlich gesperrten – „Süddeutschen“ ihr Deutsch übt. Eigentlich alles Verbotene ist möglich, solange der Schein gewahrt bleibt. Selbst Alkohol – eines der wenigen Dinge, die der Koran tatsächlich verbietet – kann man bekommen.

Natürlich spielt in dieser Zivilgesellschaft auch Religion eine Rolle, ganz ähnlich wie bei uns. Man ist Muslim und lebt in einer Islamischen Republik, aber das muss man nicht zur Schau stellen. Vor allem will man Mensch sein, der mit all seinen Eigenschaften und Fähigkeiten eine Rolle in einer modernen Zivilgesellschaft findet. Religiöse Minderheiten sind toleriert, führen durchaus auch ihr Eigenleben, der Austausch mit den Muslimen ist wahrscheinlich sogar intensiver und selbstverständlicher als bei uns mit den Christen, wohl nicht zuletzt deshalb, weil im Iran schon seit Jahrhunderten unterschiedliche Religionen zusammenleben. Offiziell sieht die Rolle des Islam natürlich ganz anders aus.

Ein Ayatollah gegen die Kopftuch-Pflicht: Ayatollah Ayazi tritt für eine liberalisierte Kleiderordnung ein.

Ein Ayatollah gegen die Kopftuchzwang: Ayatollah Ayazi tritt für eine liberalisierte Kleiderordnung ein.

Aber auch in der politischen Führung werden Meinungsverschiedenheiten nach Außen deutlich. Da berichtete während unserer Reise die regierungstreue englischsprachige Tageszeitung „Tehran Times“ von einer Rede des Staatspräsidenten Hassan Rohani, in der er die Polizei in die Schranken verweist: Sie sei für die staatliche Ordnung zuständig, Ihre Aufgabe sei es nicht, den Islam durchzusetzen. Wenn man diesen Satz ernst nimmt, würde das an den Grundfesten der Islamischen Republik rütteln. Prompt kam der Aufschrei der Konservativen im Lande, über den ebenfalls in der “Tehran Times“ berichtet wurde. In unserem Reiseprogramm gab es eine Diskussion mit einem leibhaftigen Ayatollah, also einem Mitglied der geistlichen Führungselite des Landes. Natürlich ist Ayatollah Ayazi, den wir in der konservativen Hochburg Ghom besuchten, ein verhältnismäßig liberaler Geist, sonst hätte er sich nicht zu dem Gespräch mit den westlichen Ausländern bereit erklärt. Er plädierte dafür, Frauen in der Religion gleichberechtigt wirken zu lassen und bestätigte dann auf Nachfrage sogar, dass er und andere seiner Kollegen gegen den gesetzlichen Kopftuchzwang für Frauen in der Öffentlichkeit sind (das übrigens nicht im Koran steht).

Doch lassen wir die Politik beiseite. Bei der Reise, unter perfekter Führung des Archäologen Dr. Christian Piller von der Universität München, ging es in erster Linie um die Geschichte Persiens. Und da gibt es Einiges zu sehen. Fast 6.000 Kilometer führte unsere Reise durch das Land zu den wichtigsten historischen Stätten. Und wer erlebt, was die Herrscher, Baumeister, Bildhauer und Künstler in diesem Land seit über 3.000 Jahren geschaffen und geleistet haben, wer miterlebt, mit welch wachem Bewußtsein diese Stätten erhalten, gepflegt und nicht nur von ausländischen Touristen besucht werden, der erkennt einen wichtigen Unterschied zwischen dem Iran und vielen anderen islamischen Ländern: Geschichte lebt hier, viele Bürger sind sich bewusst, dass dieses Land einmal ein Weltreich war, das nicht nur Macht über einen Großteil der damals bekannten Welt ausübte, sondern das auch weitreichenden Einfluss auf die Entstehung der europäischen Kultur hatte. Ob Religion, Staatsführung, Recht, Bautechnik, Geschichtsschreibung, ja sogar Mathematik und Medizin – überall gibt es Wurzeln für das, worauf wir heute als europäische Kultur stolz sind (vieles, was wir von den alten Griechen gelernt haben, hatten die auch nur wieder bei den Persern abgeschaut).

Archäologie zur Gegenwartserklärung: Reiseguide Dr. Christian Piller.

Archäologie zur Gegenwartserklärung: Reiseguide Dr. Christian Piller.

Wenn man dann aber sieht, wie in der jüngeren Geschichte die großen Kolonialmächte mit Persien und mit seinen lächerlichen Potentaten umgegangen sind – ohne es jemals offiziell zur Kolonie zu machen – dann kann man verstehen, weshalb diese heute mächtigen Staaten im Iran nicht beliebt sind – nicht nur bei der Regierung, auch in der Bevölkerung: Frankreich kaufte dem Herrscher Ende des 19. Jahrhunderts für ein Trinkgeld das exklusive Recht ab, die antiken Stätten auszugraben – weshalb heute die wichtigsten altpersischen Kulturdenkmäler im Louvre in Paris zu finden sind, nicht an Ort und Stelle. Die Briten sicherten sich gegen eine lächerliche Beteiligung an den Gewinnen das Recht, die Ölvorkommen auszubeuten. Russland und Großbritannien besetzten während des zweiten Weltkriegs ohne Kriegserklärung das neutrale Land, um so einen Nachschubkorridor für die sowjetischen Truppen zu schaffen. Sie setzten auch den Schah ab und seinen völlig willfährigen und unfähigen Sohn als neuen Herrscher ein. Zugleich gaben sie ihm zu verstehen, dass er sich allein auf Repräsentation zu beschränken habe. Und schließlich setzten die amerikanischen und britischen Geheimdienste CIA und MI6 im Jahr 1953 in der bekannten „Operation Ajax“ den regierenden Premierminister einfach ab, nachdem er die Ölindustrie verstaatlicht hatte, und ließen den Schah einen neuen ernennen.

Geschichte lebt. Und damit sind wir doch wieder bei der Politik. Wer diese Ereignisse in der Geschichte kennt – und die Iraner sind geschichtsbewusst – versteht, dass die Argumentation der Mullahs, das Land brauche vor allem Unabhängigkeit, in der ganzen Bevölkerung auf große Zustimmung stößt. Denn natürlich argumentieren die iranischen Führer nach Innen nicht mit Machtansprüchen des Iran im Mittleren Osten, mit Gegengewicht zum sunnitisch dominierten Arabien oder mit nuklearer Drohkulisse gegenüber der arabisch dominierten islamischen Welt, Israel und dem Westen. Ihr Hauptargument gegenüber der eigenen Bevölkerung ist die Unabhängigkeit des Iran, nachdem das Land fast zwei Jahrhunderte nur Büttel der westlichen Mächte war. Dass dabei Unabhängigkeit oft mit Autarkie gleichgesetzt wird, liegt in der Logik politischer Argumentation.

Übrigens besteht dabei zu Deutschland ein ziemlich unbelastetes, geradezu freundliches Verhältnis. Von allen westlichen Nationen sind wir wohl die beliebteste. Das liegt einerseits daran, dass sich Deutschland historisch kaum an der Ausbeutung des Landes beteiligt hat, dass die Besetzung des Iran durch Sowjets und Briten im zweiten Weltkrieg ja gerade gegen die guten Beziehungen zwischen Teheran und Berlin gerichtet war – und dass sich die Iraner als Arier verstehen (ihr Landesname bedeutet „Land der Arier“). Manchmal ist es für uns Deutsche– angesichts unserer historischen Konnotationen mit dem Begriff Arier – schwierig, stammesgeschichtliche Verbrüderungsgesten freundschaftlich abzuwehren. Doch die sehr offene, freundschaftliche Haltung Deutschen gegenüber könnte einmal eine große Chance sein, wenn sich eines Tages – nach Beendigung von Atomstreit und Sanktionen – die Möglichkeit ergibt, die Beziehungen zum Iran wirtschaftlich, politisch und kulturell wieder zu entwickeln.

Überhaupt: die Wirtschaft und die westlichen Sanktionen. Außer einer furchterregend galoppierenden Inflation, unter der vor allem die einfache Bevölkerung leidet, ist von den Sanktionen kaum etwas zu spüren. Im Land selbst ist so viel Aktivität zu sehen, alles ist zu kaufen, wenn genug Geld vorhanden ist, überall wird geplant und gebaut, neue Fabriken, neue Straßen, ein Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnnetz, und endlos viele neue Wohnhäuser. Finanziert wird das wahrscheinlich durch die reichen Rohstoffvorkommen. Und selbst westliche Produkte sind überall zu finden – die neuesten Modelle von Porsche und Mercedes kreuzen über die Straßen, wenn auch selten, umso auffälliger. In Freihafen von Bandar-Anzali am Kaspischen Meer sieht man Parkplätze mit Tausenden von importierten PKWs, die auf ihre Jungfernfahrt auf iranischen Straßen warten. Eigentlich hätte auch unsere Reise angesichts der finanziellen Sanktionen des Westens nicht bezahlt werden können –verlässliche Schaltstellen in den arabischen Emiraten und in den Scheichtümern sorgen dafür, dass auch der Waren- und Finanzverkehr mit dem Westen reibungslos abläuft.

Modernste Infrastruktur:  Kilometerweite Windenergie-Felder am Manjil-Stausee.

Modernste Infrastruktur: Kilometerweite Windenergie-Felder am Manjil-Stausee.

An seiner Infrastruktur hat der Iran in den letzten Jahren enorm gearbeitet. Die Hauptverkehrsrouten sind fast durchgehend vierspurig in guter Qualität ausgebaut. Und die Straßen werden in Schuss gehalten, stammen auch nicht aus alten Zeiten, als der Schah und die Amerikaner militärische Rollbahnen brauchten. Eine der Strecken durch das Elburs-Gebirge zwischen Teheran und dem Kaspischen Meer, die wir gefahren sind, hatte ich bereits vor elf Jahren einmal zurückgelegt. Damals fuhren wir durch die beeindruckenden Landschaften auf einer schmalen, kurvigen Straße. Heute ist sie durch eine vierspurige Autobahn abgelöst, die gleichwohl den Blick auf die gewaltigen Felswände frei lässt und die Möglichkeit erhält, in den kleinen Bergdörfern mit ihren Spezialitäten zu rasten. Am Manjil-Damm auf der Passhöhe sah ich vor elf Jahren drei Windturbinen, heute erstrecken sich entlang dem Stausee kilometerweite Felder von Windenergieanlagen. Auch dies eine bemerkenswerte Infrastrukturanpassung für ein Ölland.

Es wäre interessant, im Iran einmal intensiver hinter die Kulissen der Wirtschaftsstruktur zu blicken.Die alte Oligarchie, dominiert durch die Schahfamilie und Großgrundbesitzer, wurde aufgelöst und ersetzt, nicht etwa durch einen Staatskapitalismus sondern durch einen Religionskapitalismus: Entscheidend für das wirtschaftliche Geschehen sind die „religiösen Stiftungen“, die gleichzeitig die Macht- und Finanzbasis der Ayatollahs bilden. Im Westen bekannt ist als Beispiel das Pistazien-Monopol des ehemaligen Staatspräsidenten Rafsandschani. Sicherlich haben sich andere religiöse Stiftungen und damit andere Ayatollahs auf andere Wirtschaftszweige konzentriert und dort die Macht. Nur darüber ist für den flüchtigen Reisenden natürlich nichts zu erfahren.

Grüne Landschaften, wo es nur geht: Die Landwirtschaft muss ständig mehr Iraner ernähren, doch die Geburtenrate sinkt.

Grüne Landschaften, wo es nur geht: Die Landwirtschaft muss immer mehr Iraner ernähren, doch die Geburtenrate sinkt.

Das Einzige, was er beobachten kann, ist die Landwirtschaft anhand der Felder, an denen er vorbeifährt. Das ganze Land ist grün, überall, wo es einigermaßen sinnvoll möglich ist, bedecken riesige Felder mit Getreide, Gurken oder anderen Feldfrüchten die Landschaft. Wer sich den Iran als karges Land vorstellt, liegt nur teilweise richtig. Das stimmt, wenn man in die Wüsten hineinfährt, überall sonst wird die Erde intensiv bewirtschaftet, zum Teil mit Bewässerung (wie weit dies durch erschöpfliches Grundwasser oder durch erneuerbares Oberflächenwasser geschieht, lässt sich für den Reisenden nicht erkennen). Wir sind im Frühling gereist, vor der Sommerhitze, da war dies besonders deutlich.

Auffällig ist, das in einigen Landesteilen kaum Maschinen zur Bearbeitung der Felder zu sehen sind, in anderen dagegen in großer Zahl. Das mag mit den – angesichts der unterschiedlichen Klimata – verschiedenen Erntezeiten in den einzelnen Regionen zusammenhängen. Das würde aber bedeuten, das die Maschinen, je nach Bedarf, großräumig ausgetauscht und eingesetzt werden, was wiederum für eine zentrale Koordination und wohl auch für entsprechende Besitzverhältnisse spricht.

Die intensive Landwirtschaft ist angesichts eines rapiden Bevölkerungswachstums in den letzten Jahrzehnten und angesichts der Unabhängigkeits-Ideologie sinnvoll. Rund 80 Millionen Menschen bevölkern das Land , das etwa viereinhalb mal so groß ist wie Deutschland. Mindestens 20 Millionen wohnen in der Hauptstadt Teheran oder in ihrem Großraum. Das Klima reicht von einem feuchten Mittelmeerklima im Norden am Kaspischen Meer, wo auch Reis und Tee angebaut werden, bis zum Wüstenklima im Schwemmland am persischen Golf und vor allem in den Trockenwüsten im Osten des Landes. Für die Lebensverhältnisse wichtig ist die große Hochebene zwischen den beiden Gebirgszügen Elburs und Zagros, wo ein kontinentales Klima mit kalten Wintern (viel Schnee auf den Bergen) und trockenen, heißen Sommern herrscht. Die Bevölkerung ist jung, über die Hälfte haben das Schahregime nicht selbst miterlebt. Bemerkenswert ist, dass die Geburtenrate in jüngster Zeit deutlich zurückgeht, was für eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung des Landes spricht. Außerdem steigt das durchschnittliche Heiratsalter der Frauen deutlich an, was weniger Chancen für arrangierte Ehen läßt. Bei beiden Trends versuchen Regierung und Parlament, energisch gegenzusteuern, bisher vergeblich.

Beides spricht auch für eine deutlich gewandelte Rolle der Frauen im Iran. Obwohl nach den islamischen Gesetzen absolut benachteiligt, haben sie es geschafft, in der Zivilgesellschaft eine starke Rolle zu spielen. Nicht umsonst gehen viele internationale Auszeichnungen für Zivilcourage oder wissenschaftliche Leistungen an iranische Frauen, seltener hört man von herausragenden Leistungen der Männer (außer vielleicht in der Kunst). 60 Prozent der Studienplätze an den Universitäten sind von Frauen besetzt, und diese Zahl wurde angesichts des starken weiblichen Andrangs schon vor einigen Jahren von der Regierung begrenzt. Die Folge der guten Ausbildung: Frauen haben bessere Chancen für qualifizierte Berufe. In Filialen ausländischer Unternehmen, die weniger ideologisch engagieren, stellen sie zum Teil schon die Mehrheit und kommen bis in Führungspositionen, wie mir eine junge Frau aus einem derartigen Unternehmen berichtete.

Die Männer, so scheint mir,  ruhen sich eher auf den Privilegien aus, die sie durch die islamische Rechtsordnung geniessen. Wie es viele iranische Frauen schaffen, trotz der Benachteiligungen eine starke Stellung in der Gesellschaft zu erreichen, kann ich aber als Mann und als Ausländer nicht beurteilen. Und mir ist auch klar, dass ich die vielen Einzeleindrücke nicht verallgemeinern kann, dass dies etwa nicht für sehr konservative Kreise gilt, oder für die Landbevölkerung. Dennoch fällt selbst dem Reisenden immer wieder das selbstbewusste und entschiedene Auftreten gerade jüngerer Frauen auf, auch in der Öffentlichkeit. Für mich ist dies vor allem ein Zeichen, wie weit im Iran die Realität der Zivilgesellschaft entfernt ist von den Gesetzen und den konservativen Regierungskräften in der Islamischen Republik.

Überhaupt die Menschen im Iran. Sie sind wohl der größte Schatz, den dieses Land zu bieten hat. Ihre Offenheit, Freundlichkeit und Gastfreundschaft geht weit über das hinaus, was die Tradition der Region gebietet. Überall auf den Zwischenstationen unserer Reise schlugen uns Zeichen des Interesses und des Willkommens entgegen. Ob es die junge Frau in Shiraz war, die dem deutlich europäischen Paar auf der Straße ein „Welcome to Iran“ zulächelte, die alten Männer in Hamadan, die sich interessiert nach der Herkunft der Reisegruppe erkundigten und auf das Stichwort „Almani“ sofort die Verbrüderung der Arier ansprachen, ob die jungen Leute in Teheran, wo überall Ausländer zu sehen sind, die in ihrem Auto mit Hupkonzert und „We love you“-Rufen an der deutschen Gruppe vorbeifuhren – die Offenheit, ja sogar Freude über die Begegnung auf Seiten der Einheimischen war in hunderten kleinen Begebenheiten zu spüren, wie ich es noch in keinem anderen Reiseland vorher erlebt hatte. Und wenn es nur darum ging, ein paar Sätze in Englisch zu praktizieren, wie die Schüler im nordiranischen Fouman, die über die Straße aus der Schule ausbüchsten um mit den Touristen auf dem Parkplatz auf der anderen Seite der Straße ein paar Sätze in Englisch zu sprechen, so lange bis sie der Lehrer energisch zurücktrieb. Die Begegnung mit den Menschen im Iran – freundlich, neugierig, wissensdurstig, natürlich höflich, aber nicht zurückgezogen – war auf der ganzen Reise eine ausgesprochene Freude.

Mein Fazit: Iran ist ein Land, das man mit anderen Augen sehen muss, als uns dies die Medien und die regierungsamtlichen Äußerungen (hier und dort) nahelegen. Natürlich übersehe ich nicht die Todesurteile, die zum Teil unmenschliche Rechtsprechung, die Verletzungen von Menschenrechten, nicht zuletzt gegenüber Frauen, das starre Festhalten an gefährlichen politischen Zielen, das unzuverlässige Lavieren auf der politischen Ebene. Doch derartige Grundfragen übersehen wir auch bei Staaten, mit denen wir offiziell befreundet sind, oder es gern sein wollen. Iran ist ein Land, das mehr Respekt und mehr Interesse verdient, als Reiseland, als Kulturnation, als Wirtschaftspartner, ja auch als Macht- und Stabilitätsfaktor in einem unruhigen politischen Bereich, sowohl geografisch als auch ideologisch. Abgesehen davon, dass wir Deutsche dort gern gesehen sind. Man kann dieses Land und seine Menschen ganz leicht liebgewinnen. Und dazu muss man keiner sein, der gern mit Schurken spielt.

Deshalb auch widme ich diesen Bericht ausdrücklich den Menschen im Iran und insbesondere den iranischen Frauen, die es schaffen, trotz aller Benachteiligungen die Zivilgesellschaft des Landes mit Klugheit und Selbstbewusstsein voranzubringen. Sie haben es wirklich nicht leicht, aber sie machen das Bestmögliche daraus.
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