Zu kurz gesprungen – Ministerin Wanka und die Wissenschaftskommunikation

Posted on 21. Juli 2015

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Bei der Wissenschaftskommunikation nicht auf dem Stand der Zeit: Forschungsministerin Johanna Wanka. (Foto: BMBF/Rickel)

Bei der Wissenschaftskommunikation nicht auf dem Stand der Zeit: Forschungsministerin Johanna Wanka. (Foto: BMBF/Rickel)

Es hätte ein Paukenschlag sein können, ein Aufbruchssignal vor allem auch an die Wissenschaftler: Forschungsministerin Wanka gab der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Interview zur Wissenschaftskommunikation. Normalerweise heben sich Politiker große Botschaften für Interviews mit großen Medien auf.

Doch es wurde eine Enttäuschung: Die Formulierungen hätten aus Interviews mit ihren Vorvorgängern stammen können: Wissenschaft soll kommunizieren zur Akzeptanzbeschaffung, zur Rechtfertigung der Milliardengelder gegenüber dem Steuerzahler (wer hat das eigentlich jemals von den Offizieren der Bundeswehr verlangt, wenn sie Kindern auf ihren Panzern herumspielen lassen?), und, und und… Natürlich wechseln die Themen, teilweise wenigstens – heute ist es Fracking, aber immer noch die gute alte Grüne Gentechnik.

Dabei wurde auch völlig verwischt, dass Akzeptanzbeschaffung keineswegs eine Aufgabe der Wissenschaftler ist (so angenehm es sein mag, in einem allseits akzeptierten Umfeld zu arbeiten), sondern der Politiker. Sie sind schließlich für das Wohlergehen der Gesellschaft verantwortlich, und wenn Forschung oder ein Forschungszweig wichtig ist für die Gesellschaft, dann haben sie die verdammte Pflicht und Schuldigkeit für die Akzeptanz in der Gesellschaft zu sorgen.

Dabei sind in dem Interview durchaus auch wichtige Worte gefallen. Allein der Satz der Ministerin „Wenn Wissenschaft nicht in der Lage ist, eine Technologie überhaupt zu bewerten, können wir doch gar nicht über Risiken urteilen. Diese Offenheit muss immer da sein“ hätte Stoff gegeben für mehr als ein spannendes Interview. Das hätte dann zwar nicht von Wissenschaftskommunikation gehandelt, sondern von Gesellschaftspolitik, vom ihrem Verhältnis zu Risiken, wäre aber ein wichtiger Beitrag geworden.

Auch die bemerkenswerte Formulierung zur „faktenbefreiten Diskussion“ in den gesellschaftlichen Debatten (nicht faktenfreie – nein, „-befreite“ Diskussion!) wäre eine Vertiefung wert gewesen. Es ist sicher nicht die Schuld der Wissenschaft, wenn im politischen Raum Meinungen und ideologische Positionen die Entscheidungen bestimmen, wenn vor Entscheidungen immer weniger gefragt und hinterfragt wird. Wissenschaft kann sicher Fakten liefern, ob sie es immer schnell genug tut und im richtigen Ton, sei dahingestellt. Doch was läuft in der Politik schief, dass Fakten kaum mehr im Mittelpunkt stehen, Entscheidungen ganz schnell gehen – und notfalls Jahre später korrigiert werden müssen?

Bei der Wissenschaftskommunikation aber blieb die Ministerin weit hinter dem Diskussionsstand des eigenen Hauses zurück. „Ich würde mir wünschen, dass Forscher, die mit viel Geld unterstützt werden, auch Publikationen herausbringen, in denen die Ergebnisse verständlich aufbereitet werden,“ klingt Johanna Wanka wie aus der Klamottenkiste der Wissenschaftskommunikation, um auch gleich noch einzuschränken: “Jedenfalls da, wo es möglich ist.“

Wankas Parlamentarischer Staatssekretär Stefan Müller beim 7.  Forum Wissenschaftskommunikation in Potsdam.

Wankas Parlamentarischer Staatssekretär Stefan Müller beim 7. Forum Wissenschaftskommunikation in Potsdam.

Vielleicht sollte die Ministerin einmal mit ihrem eigenen Parlamentarischen Staatssekretär Stefan Müller über dieses Thema sprechen, der schon vor einiger Zeit (zuletzt in einem Gastbeitrag für „Wissenschaft kommuniziert“) von der Wissenschaft einen „ernst gemeinten, transparenten Dialog“ mit der Gesellschaft gefordert hat. Er hat sich aus gutem Grund  längst vom Bild verabschiedet, dass Wissenschaftskommunikation vor allem der Rechtfertigung und der Akzeptanzbeschaffung, notfalls noch der Politikberatung, zu dienen habe, er sieht die Aufgabe im Dialog mit der Gesellschaft. Und er hat auch das große Defizit erkannt“ „Potenzial für noch mehr Kommunikation gibt es aus meiner Sicht vor allem bei den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selbst.“

Natürlich hätte es ein wenig Mut von der Ministerin gefordert, den Forschern in einer Standpauke deutlich zu machen, dass es bei der Kommunikation der Wissenschaft mit der Gesellschaft vor allem auf sie ankommt: Sie sollen selbst kommunizieren, sich professionelle Helfer ins Boot holen, die sie unterstützen und beraten sowie die notwendigen Mittel und Konzepte für eine wettbewerbsfähige Kommunikation  mit der Gesellschaft freigeben (viele andere wollen ebenfalls mit der Gesellschaft kommunizieren, von der Politik bis zur Werbung). Stattdessen beklagt die Ministerin zwar Defizite in der Kommunikation, etwa in der Ernährungsforschung, der individualisierten Medizin, befürchtet große Schwierigkeiten für Gebiete wie Nanotechnologie oder“Synthetische Biologie“, aber als Perspektive hat sie lediglich die Rezepte der Vergangenheit anzubieten, eben eigene Pubikationen der Forscher (die es ja – in guter wie in miserabler Qualität – in großer Zahl bereits gibt) und eine Verpflichtung bei der Förderung: „Wir wollen bei den von uns geförderten Forschungsprojekten verpflichtend machen, dass die Geförderten zusammen mit den Fachpublikationen auch in der Breite verständlichere Informationen liefern.“. Auch das gibt es bereits, doch ohne Qualitäts- und Effizienzmassstäbe und Konktrolle kann man dieses Geld nach allen Erfahrungen genauso gut ins offene Fenster stecken.

Das Interview hätte ein großer Wurf sein können: Ministerin Johanna Wanka bläst zum Aufbruch für die Wissenschaftskommunikation. Das hätte der Parlamentarische Staatssekretär Stefan Müller mit seinem Beitrag sehr gut eingeleitet. Doch was die Ministerin in diesem Interview geboten hat, war zu kurz gesprungen, vielleicht sogar ein Schritt zurück. Oder hat sich nur wieder einmal gezeigt, dass Parlamentarische Staatssekretäre oft durchaus kreative politische Köpfe sind, die aber im Ministerium eher isoliert bleiben? Müssen etwa, bis neue Ideen und Konzepte zum Minister durchdringen, zu viele Hindernisse im Apparat überwunden werden? Ich fordere: Eine bessere und direkte Kommunikation in der Leitung des Forschungsministeriums.

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