Die Ziele der Wissenschaftskommunikation – Sind es nur sechs?

Posted on 13. Oktober 2015

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Smarties als Souvenir - Das DFG-Sonderprogramm "Wissenschaft und Öffentlichkeit" zog Bilanz in Münster.

Smarties als Souvenir – Das DFG-Sonderprogramm „Wissenschaft und Öffentlichkeit“ zog Bilanz in Münster.

Wozu dient Wissenschafts-kommunikation? Fragt man einen Wissenschaftler, kommen meist eine oder zwei Antworten, fragt man einen Forschungssprecher, kommen immer ungeheuer viele. Eine klare Richtung fehlt. Denn wenn schon diejenigen, für die kommuniziert werden soll, und diejenigen, die sie dabei unterstützen, so schwer eine gemeinsame Sprache finden, wie sollen dann gemeinsame Konzepte entstehen? Oder sind es unterschiedliche Vorstellungen? Das wäre noch schlimmer.

Ergebnisse und Abschluss: Sonderprogramm "Wissenschaft und Öffentlichkeit" zog in Münster Bilanz.

Ergebnisse und Abschluss: Sonderprogramm „Wissenschaft und Öffentlichkeit“ zog in Münster Bilanz.

Umso bemerkenswerter, dass das jetzt bei einer Podiumsdiskussion in Münster gelungen zu sein scheint. Das Schwerpunktprogramm „Wissenschaft und Öffentlichkeit“ (SPP1409) der DFG „feierte“ in Münster seinen Abschluss. Und das inhaltsschwer mit einem Symposium, bei dem ein breites Spektrum von Forschungsergebnissen des SPP1409 vorgestellt und diskutiert wurde. Doch davon später mehr.

Die sechs Ziele der Wissenschaftskommunikation

Psychologe Gollwitzer zur Wissenschaftskommunikation

Psychologe Mario Gollwitzer, Marburg.

In der Podiumsdiskussion am Vorabend blieb zwar die Ausgangsfrage des Moderators und SPP-Sprechers Rainer Bromme unbeantwortet: „Welches Wissenschaftsverständnis der Öffentlichkeit streben wir an?“, aber der Marburger Psychologe Mario Gollwitzer brachte die ganz unterschiedlichen Ziele von Wissenschaftskommunikation auf den Punkt. Und wohlgemerkt, dabei ging es um die Kommunikation mit der Gesellschaft, nicht um die wissenschaftsinterne Diskussion. Freilich brauchte auch er die Mithilfe von zwei Diskutantinnen aus dem Publikum, um mit sechs Zielbereichen das Spektrum abzudecken, was Wissenschaftskommunikation erreichen soll.

Diese sechs Ziele sind:

  1. Erziehung und Bildung;
  2. Information der Gesellschaft;
  3. Unterhaltung;
  4. Rechtfertigung der Wissenschaft.
  5. die Kontrolle der Wissenschaft (eventuell auch in die Rechtfertigung in einem weiteren Sinne einzuordnen);
  6. Beteiligung der und Diskussion mit der Gesellschaft.

Die letzten beiden Punkte wurden durch das Publikum ergänzt.

Forscht zur Wissenschaftskommunikation: Rainer Bromme

Sprecher des DFG-Sonderprogramms „Wissenschaft und Öffentlichkeit“ Rainer Bromme.

Eine ausführliche Erläuterung dieser Ziele blieb bei der Podiumsdiskussion leider aus. Ich will hier deshalb einen Versuch der Interpretation unternehmen  (nicht autorisiert!)  – vor allem mit der Absicht, eine Diskussion anzuregen. Denn solch eine Einordnung ist wichtig, um zu zeigen, wie breit Kommunikation im Wesen der Wissenschaft verankert ist, und um deutlich zu machen, dass eindimensionale Betrachtungsweisen (siehe „Angst essen Seele auf – Scheitert Wissenschaftskommunikation an den Wissenschaftlern?“) nicht ausreichen, um die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft zu sichern.

Keines der einzelnen Ziele ist getrennt zu betrachten, Kommunikation in einer Richtung hat immer auch Wirkungen auf andere Zielsektoren. Mit „Erziehung und Bildung“ ist sicher zunächst einmal die Ausbildung von Studenten gemeint, aber auch das Wirken der Wissenschaft in Richtung Lehrer, Schulen, Schüler, Kinder. Dies hängt natürlich eng mit  dem „Wissen schaffen“, also Information der Gesellschaft zusammen. Zum zweiten Ziel gehören aber vor allem auch gezielte Kommunikation, etwa in Richtung Politikberatung, Presse- und Medienarbeit, Information über Konsequenzen der gesellschaftlichen Entwicklungen, etwa zum Klimawandel aber auch in bestimmte Bereiche der Gesellschaft, etwa beim Technologietransfer. Das Kommunikationsziel „Unterhaltung“ dürfte wohl vielen Wissenschaftlern und ihren Kommunikatoren am heftigsten aufstoßen: Wissenschaft als Unterhaltung? Doch auch das ist wichtig, wenn man Unterhaltung als etwas anderes versteht, als das unsägliche Tralala in TV-Shows. Unterhaltung richtig verstanden ist zunächst einmal zweckfreie Ablenkung von den alltäglichen Problemen und Pflichten als geistige Erholung. Und für viele Menschen besteht sie nach wie vor im Musikhören, im Lesen eines Buches oder aber in spannenden Geschichten aus der Wissenschaft. Auch die Vermittlung von Faszination an Junge wie an Ältere hängt eng mit diesem Unterhaltungseffekt zusammen. Man könnte auch sagen: Wissenschaft als Kulturgut, wie Theater, Musik oder Malerei.

Probleme mit Rechtfertigung, Kontrolle, Dialog und Partizipation

Und schließlich das Standardziel Rechtfertigung. Vielen Wissenschaftlern genügt dies allein. Denn es geht ihnen ja nicht nur darum, dem Steuerzahler gegenüber zu rechtfertigen, dass sie das Geld für seine Forschung gut ausgegeben haben, sondern gleichzeitig zu belegen, dass auch künftige Gelder hier gut angelegt sind, also Werbung machen für die Wichtigkeit des eigenen Forschungsgebiets und für die künftige Förderung. Das Kommunikationsziel „Kontrolle“ ist eng mit der Rechtfertigung verzahnt, funktioniert aber nicht auf dem üblichen Weg. Bei der Kontrolle geht es eher darum, über ethische Entwicklungen in der Forschung nicht allein die Forscher entscheiden zu lassen oder Fehlverhalten von Wissenschaftlern bloßzulegen. Hier wird die Kommunikation von außen gefordert. Es ist Sache der Wissenschaftskommunikation, hier Transparenz zu schaffen, damit die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft nicht leidet, vor allem aber muss die Wissenschaft offen mit diesen Grenzbereichen umgehen.

Mitinitiator des DFG-Sonderprogramms "Wissenschaft und Öffentlichkeit": Hellmuth Trischler aus München.

Mitinitiator des DFG-Sonderprogramms „Wissenschaft und Öffentlichkeit“: Helmuth Trischler aus München.

Noch viel schwerer fällt es der Wissenschaft mit dem Dialog und der Partizipation. Auf Fragen antworten ja, natürlich. Aber wirklich zuhören und auf die Bedenken eingehen, ja selbst diffuse Ängste? Dabei wird dies wichtig, immer wichtiger. Das zeigte eine Session zur Synthetischen Biologie, die eine Woche später bei der Tagung der Volkswagenstiftung „Forschung unter dem Druck der PR“ in Hannover stattfand: Dieses Hochrisikofeld, noch kaum entwickelt, weckt heute schon in der Bevölkerung sehr viel Ängste, obwohl – wie eine Studie der Nationalakademie „Leopoldina“ gezeigt hat – kaum jemand genau weiß, was Synthetische Biologie eigentlich ist.

Dialog und Partizipation, das sind heute die Frontfelder der Wissenschaftskommunikation. Dabei treibt die Wissenschaft die Angst um, dass Bürger, womöglich noch Wutbürger in Bürgerinitiativen, in ihre Forschung reinreden und mitentscheiden, „Agenda setting“ heißt das Stichwort. Auch dies war ein Thema der Tagung eine Woche später in Hannover, wobei in einer ernsthaften Diskussion zumindest die Offenheit deutlich wurde, bis zu gewissen Grenzen neue Wege in dieser Richtung auszuprobieren. Hier sind Wissenschaftler ohne Zweifel auf professionelle Kommunikatoren angewiesen sind. In Münster dagegen war keine Zeit, auf diese aktuellen Themen einzugehen. Hier standen die Ergebnisse der 28 Projekte im Mittelpunkt, die von der DFG im Rahmen des Schwerpunktprogramms über sechs Jahre mit 6,8 Millionen Euro gefördert worden waren.

Wenigstens ein Anfang – Forschen über Wissenschaftskommunikation

Und diese Ergebnisse waren so vielfältig und bunt, wie die Smarties, die als Souvenir an die Teilnehmer verteilt wurden – zum Teil interessant, zum anderen aber auch für Insider eher trivial, zum Teil für die Wissenschaftskommunikation treffend, zum Teil am Thema

oeberst zur Wissenschaftskommunikation

Wikipedia ist besser als sein Ruf: Aileen Oeberst aus Tübingen.

vorbei, wie man es kaum anders erwarten konnte. Denn als das Schwerpunktprogramm auf Initiative von zwei Wissenschaftlern, dem Münchner Technikhistoriker Helmuth Trischler und des Münsteraner Psychologen Rainer Bromme, vor sieben/acht Jahren konzipiert wurde, war das Feld Wissenschaftskommunikation in Deutschland noch so unstrukturiert, dass zwangsläufig eine bunte Mischung von Projekten zwischen Psychologie und Pädagogik, zwischen Kommunikationsforschung und Didaktik zustande kam, deren Ergebnisse teils wertvoll sind, teils ganz nett, teils gute Anregungen, teils völlig an den Fragestellungen der Wissenschaftskommunikation vorbei. Auf jeden Fall sind sie weit entfernt von dem, was sich in den USA inzwischen als „Science of Science Communication“ etabliert hat.

Doch interessant in Münster zum Beispiel: Aileen Oeberst vom Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen berichtete von einer Studie, nach der das Online-Lexikon Wipikepia viel besser ist als sein Ruf: Wikipedia sei zwar nicht der Hort der ultimativen Wahrheit, aber verglichen etwa mit der Enzyclopedia Britannica – dem Standardwerk unter den gedruckten Lexika – enthält Wikipedia kaum mehr Fehler, hat andererseits aber den Vorteil, dass Irrtümer und Fehler sehr viel schneller korrigiert werden als in den

Argumentieren trainieren: Markus Hefter aus Bielefeld.

Argumentieren trainieren: Markus Hefter aus Bielefeld.

Druckwerken.

Oder Markus Hefter von der Universität Bielefeld: Er zeigte die Entwicklung eines einstündigen Trainings für Schüler, in dem sie sowohl die Fähigkeit als auch die Bereitschaft lernen, sich auf argumentatives Denken einzulassen – eine Grundvoraussetzung, geradezu eine Kulturtechnik, für sachliche Entscheidungen auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse. Eher trivial dagegen war das Ergebnis einer anderen Untersuchung. Es ging um die Rezeption von Texten verschiedener Komplexität und Länge über die Auswirkungen von gewaltintensiven Computerspielen auf Jugendliche. Dabei zeigte sich, dass längeren und komplexeren Texten von den Leserinnen und Lesern eine höhere Glaubwürdigkeit zugebilligt wurde als kürzeren und einfachen. Dies verführte die Autoren zu dem Leitsatz, den sie für die Wissenschaftskommunikation ausgaben: „Dont make it too simple.“ Sie vergaßen dabei aber, dass ihre Testpersonen vor allem junge Mütter und Väter waren, die sich bei dem Thema natürlich hochmotiviert an die Lektüre der detailierten Darstellungen machten. Vor einer Verallgemeinerung würde ich warnen.

Notwendig: Weitere Forschung zur Wissenschaftskommunikation

Das DFG-Sonderprogramm 1409 war bisher das erste größere Projekt der DFG zur Wissenschaftskommunikation. Mein Fazit nach dem Ergebnis-Symposium: Weitere Forschung ist nötig. Dies unterstrich auch der Sprecher des Programms, der Münsteraner Psychologe Rainer Bromme in einer eindrucksvollen Mittagsvorlesung. Er meint, Wissenschaftskommunikation ist zu wichtig für die Wissenschaft, als dass man sie ohne weitere Forschung lassen dürfe.

Aus meiner persönlichen Sicht ist weitere Forschung zur Wissenschaftskommunikation vor allem auch deshalb wichtig, um die immer-noch Zögerlichen und die geradezu-ewigen Zweifler in der Wissenschaft zu überzeugen. Dabei darf man sich in der Fragestellungen gern an den amerikanischen Projekten der „Science of Science Communication“ orientieren. Die Praxis der Wissenschaftskommunikation selbst lernt vielleicht weniger aus der Forschung als aus der Kommunikationspraxis in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Doch das Schwerpunktprogramm 1409 „Wissenschaft und Öffentlichkeit“ war ein wichtiger Anfang für die wissenschaftliche Begleitung und Unterstützung der Wissenschaftskommunikation, vor allem auch, weil bei vielen Projekten die Rezipienten im Mittelpunkt standen. Es ist höchste Zeit, dass dieser Anfang eine kontinuierliche Fortsetzung findet.

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