How do you do? – Kann Wissenschaftskommunikation international sein?

Posted on 5. Dezember 2015

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Forum Wissenschaftskommunikation in Nürnberg: Meistersingerhalle

Herbstliches Nürnberg: die Meistersingerhalle. zum Forum Wissenschaftskommuniktion – Und der berühmte Christkindlmarkt ist nicht weit.

Eine persönliche Bemerkung vorweg: Es war im Jahr 1999, wenige Monate nach der PUSH-Initiative der großen deutschen Forschungsorganisationen, als mich eine dringende Einladung nach London erreichte: Zu einem internationalen Symposium über „Science Communication“ (ich glaube, dass es von der UNESCO veranstaltet wurde). Ich wusste erst nicht, was ich unter dem Begriff verstehen sollte und ob das für mich als Chefredakteur von „bild der wissenschaft“ interessant sein könne. Eine telefonische Rückfrage brachte mich nicht viel weiter, doch man bestand darauf, dass ich kommen solle. Also fuhr ich, nur halb überzeugt, und kam mit drei bleibenden Eindrücken zurück:

  1. Wie wichtig Science Communication, also Wissenschaftskommunikation ist, wenn Wissenschaft ihr Versprechen halten will, „Wissen zu schaffen“;
  2. Wie unterschiedlich die Erwartungen und Ziele von Wissenschaftskommunikation sind (die Teilnehmer kamen aus mehreren Kontinenten), je nach Kulturkreis, Historie und Entwicklungsstand eines Landes, wo sie betrieben wird: von der Schulung afrikanischer Bauern mit Comics bis zu heiter-flockigen Vorträgen britischer Wissenschaftler über die fundamentalsten Fragen unserer Welt;
  3. Wie man von anderen Ländern und Kulturkreisen lernen kann: Der einzige Deutsche außer mir bei dem Symposium war der (damals noch gar nicht bestallte) erste Geschäftsführer von „Wissenschaft im Dialog“; ich selbst habe zwei Jahre später meinen Chefredakteursposten an den Nagel gehängt und ein Büro für Wissenschaftskommunikation gegründet – und musste am Anfang oft erklären, was denn unter dem Wort „Wissenschaftskommunikation“ überhaupt zu verstehen ist.

Wissenschaftskommunikation im Blick über die Grenzen

Wissenschaftskommunikation in historischem Saal: Rathaus Nürnberg

Hier wurde schon der Westfälische Friede begossen – Empfang im Rathaussaal für die Forschungssprecher.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute gilt auch bei uns der Begriff Wissenschaftskommunikation als eingeführt. Und „Wissenschaft im Dialog“ (kurz WiD) als Agentur der großen Forschungsorganisationen ist als Institution aus der deutschen Forschungslandschaft kaum mehr wegzudenken. An all das habe ich mich erinnert, als ich jetzt zum 8. Forum Wissenschaftskommunikation von „Wissenschaft im Dialog“ nach Nürnberg fuhr. Denn „Wissenschaftskommunikation international“ lautete das Motto der Tagung, die sich inzwischen mit 520 Teilnehmern zum wichtigsten Treffpunkt der Szene entwickelt hat. Doch von der Chance, von anderen zu lernen, blieb im Programm dann wenig übrig.

Da zeigten zwei Kommunikatoren aus UK, wie entspannt und unterhaltsam man ernsthafte Vorträge über Wissenschaftskommunikation präsentieren kann, da präsentierten Organisationen aus drei Ländern sich selbst, wurden Bevölkerungs-Umfragen aus drei Nationen vorgestellt, da brachte ein dänischer Moderator einen großen Saal zur Zusammenarbeit in kleinen Gruppen, da erzählten Wissenschaftler aus drei Nationen, wie weit sie mit Citizen Science sind, wie ihre Science Center funktionieren oder welche Probleme sie bei der Kommunikation von Tierversuchen haben. Viele Einzelbeispiele, Best Practice, kaum etwas, was man direkt nachmachen kann. Und die USA, das große Land der Wissenschaftskommunikation, kam nur in ein paar Youtube-Videos vor.

Wissenschaftskommunikation aus UK: Singh

Locker, heiter und das Schlüsselproblem Aufwand-Ertrag: Der britische Wissenchaftsautor Singh.

Immerhin, der britische Autor, Produzent und Wissenschaftsjournalist Simon Singh sprach ein wichtiges Thema an: Das Verhältnis von Aufwand und Ertrag bei Kommunikationsmaßnahmen, zeigte Beispiele, dass Erfolge keineswegs immer teuer sein müssen, dagegen sehr aufwändige Projekte oft im Misserfolg enden. Doch lernen konnte man dabei wenig, denn in seinen Bewertungen war er zwar sehr konkret, seine Kriterien aber blieben vage, seine Begründungen waren oberflächlich und emotional. Das Publikum war gut unterhalten und nahm hoffentlich wenigstens einen Motivationsanstoß mit, über dieses Thema bei eigenen Projekten nachzudenken.

Wie deutsch man das gleiche Thema auch behandeln kann, zeigten Prof. Alexander Gerber und Markus Gabriel gleich im Anschluss in der überfüllten Session „Die Wirkung von Wissenschaftskommunikation“: Sie präsentierten, dass man diese Wirkung sogar messen kann, mit dutzenden verschiedenen Methoden, jeweils angepasst an die Fragestellung. Doch hier verhinderte die akademische Darstellung jeden praktischen Nutzen. Inhalt: gewaltig, Motivation:Null – und nützliche Tipps, was man zum Einstieg in aussagekräftige Evaluation mit geringem Aufwand schon einmal selbst machen könnte, gab es auch nicht.

Wissenschaftskommunikation ist doppelt kulturspezifisch

Wissenschaftskommunikation im Webvideo: Fast Forward Science

Ein Grund zum Feiern – Die Preisträger des Webvideo-Wettbewerbs Fast Forward Science“

Die Vorträge und Diskussionsbeiträge der ausländischen Gäste kamen vor allem beim jüngeren Publikum gut an, sie waren unterhaltsam und natürlich gab der Blick über den Tellerrand neue Perspektiven. (Dass man wegen einem Dutzend fremdsprachiger Referenten aber gleich große Teile der Konferenz auf – oft hastig gesprochenes, nuschelndes und in Mikrofonen verzerrtes – Englisch umstellen muss, halte ich allerdings für übertrieben.) Der Erkenntnisgewinn blieb gering, zumal in den Vortragsthemen nie nach den Gründen für die Unterschiede gefragt wurde: Sie liegen alle in der Kultur der einzelnen Länder. Wenn etwa die Schweiz ein Wissenschaftsbarometer macht, dann sind die Fragestellungen sehr viel gründlicher und vorausschauend auf zehn Jahre finanziert, wie Prof. Mike Schäfer aus Zürich berichtete. In Großbritannien hat einfach der Humor ein ganz andere Tradition als bei uns, weshalb sie oft ernsthafte Dinge locker darstellen. In Deutschland dagegen …. Jetzt könnte man dutzende von Gründen aufführen, weshalb das bei uns nicht so ist, wie in UK, der Schweiz, Österreich, Schweden oder Italien. Doch die spielten beim Forum Wissenschaftskommunikation keine Rolle.

Wissenschaftskommunikation ist kulturspezifisch – auch das wurde in der Nürnberger Meistersingerhalle nicht thematisiert. Sie hängt ab davon, welche Kommunikationskultur in der Wissenschaft des jeweiligen Landes gepflegt wird, und welche Kommunikationskultur die Gesellschaft pflegt, mit der man kommunizieren will, welche Themen sie diskutiert, wie Meinungsdifferenzen ausgetragen werden, welche Argumente zählen. Das heißt aber, bei allem, was man von anderen lernen oder übernehmen will, muss man im Vorfeld sehr genau nachdenken, was geht und was nicht. Trotz Internet und Gobalisierung: Eins zu eins geht gar nichts. Das mag bei Smartphones funktionieren, vielleicht sogar in der Wissenschaft (woran ich allerdings zweifle), in der Kommunikation funktioniert es nicht.

Impulse fü die Wissenschaftskommunikation: Nürnbergs Oberbürgermister Ulrich Maly beim Grußwort.

Impulse fü die Wissenschaftskommunikation: Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly beim Grußwort.

Da ist es nicht überraschend, wenn ausgerechnet die kurzen Gußworte des Nürnberger Oberbürgermeisters – sonst meist belanglose Beschreibungen der Schönheiten einer Stadt – entscheidende Impulse für die Tagung gaben: „Wissenschaft muss gut kommunizieren, schon im eigenen Interesse“, sagte Oberbürgermeister Ulrich Maly. Und er beschrieb anschaulich, wie er in Nürnberg Wissenschaftskommunikation gezielt für die Stadtentwicklung nutzt – für mich eine ganz neue Anwendung: In einem Stadtviertel, das seit Jahren, seit dem Untergang der AEG, geprägt ist als Industriebrache mit hoher Arbeitslosigkeit und schlechter Reputation, soll jetzt ein großer Teil der Universität Erlangen angesiedelt werden (die schon immer ein Standbein in Nürnberg hatte). Damit das umfassend funktioniert und angenommen wird, will er – auch mit Hilfe der Wissenschaftskommunikation – gezielt das Image dieses Stadtteils verändern – ein neues Profil aufbauen. „Wir möchten mit den Hochschulen Wissenschaft als Teil der Stadtgesellschaft offensiv entwickeln.“ Und er meint das ernst: Während des ganzen Forums nahm eine Beauftragte der städtischen Wirtschaftsförderung teil, besuchte Vorträge und versuchte, sich in das Thema Wissenschaftskommunikation einzuarbeiten.

Verträgt sich Kommunikation mit Wissenschaft?

Ach ja, das eigene Interesse der Wissenschaft: Dass Wissenschaftskommunikation ein Teil der Wissenschaft ist, dass Forschungssprecher ein Teil des Wissenschaftsbetriebs sind und Dienstleister für die Wissenschaftler – war auch in Nürnberg wieder kaum zu bemerken. Natürlich gab es einige junge Wissenschaftler, die durch Science Slams oder eigene Blogs auf den Geschmack gekommen sind. Doch diejenigen, die in der Wissenschaft Verantwortung tragen, glänzten durch Abwesenheit. Weder auf den Podien noch im Publikum waren sie vertreten, mit ganz wenigen Ausnahmen. So blieb die provokante Frage „Wieviel Kommunikation verträgt die Wissenschaft?“ unbeantwortet. Die beiden vertretenen Wissenschaftler (Prof. Stefan May, TH Nürnberg, und Prof. Vahid Sandoghdar, Max-Planck-Institut Erlangen) blieben indifferent und die Moderatorin hackte nicht weiter nach. Aber das waren – soweit ich entdecken konnte – schon die beiden einzigen verantwortlichen Wissenschaftler, die auf dem Podium saßen. Hat die Wissenschaft kein Interesse? Hat sie noch nicht erkannt, wie wichtig Kommunikation für die Existenz der Wissenschaft in dieser Gesellschaft ist?

Open-Wissenschaftskommunikation im Barcamp des Forums.

Barcamp – Themenentscheidung in letzter Minute

Ich habe andererseits aber auch den Eindruck, dass sich die Protagonisten der Wissenschaftskommunikation, mit dem zunehmenden Selbstbewußtsein und der besseren Professionalisierung der Szene (was positiv ist!) als ein eigener Berufsstand neben der Wissenschaft verstehen. Ein paar Gründe für diesen Eindruck habe ich im Blogpost „Leitlinien zur Sackgasse? – Fünf Einwürfe zu den „Leitlinien guter Wissenschafts-PR“ beschrieben. Und in Nürnberg hat sich das bei mir eher verstärkt. Doch so eine Entwicklung wäre fatal.

Und noch eine Klage in diesem Zusammenhang: Ein überinstitutioneller Arbeitskreis wollte ja seinen Entwurf von „Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR“ in Nürnberg mit den Kollegen diskutieren und weiterentwickeln. Am Ende fanden sich – eher zufällig, da ohne Ankündigung im Programm – etwa 20 Kollegen in einer Ecke des Barcamps des Forums zusammen und sprachen gerade einmal eine halbe Stunde darüber. Die meisten Teilnehmer der Tagung haben weder von der Diskussion etwas mitbekommen, noch davon, dass und wo über die Leitlinien überhaupt diskutiert werden sollte. Eine vertane Chance.

Mein Fazit: Der Blick über den Tellerrand, wie WiD-Geschäftsführer Markus Weißkopf es formulierte, mit „Wissenschaftskommunikation international“ ist wertvoll. Das 8. Forum Wissenschaftskommunikation hat gezeigt, das es dort oft ganz anders aussieht, als dort, wo wir Wissenschaft kommunizieren müssen. Woher die Unterschiede kommen und wie wir von ihnen profitieren können, das zeigte das Forum leider nicht. Insofern ist das Forum Wissenschaftskommunikation vielleicht wieder zu seinen Anfängen zurückgekehrt, wo Best Practice oder Selbstdarstellung die Präsentationen beherrschte, nur jetzt eben Best Practice von jenseits der deutschen Grenzen. Zwischenzeitlich hatte sich das Forum zu einer ernsthaften Fachkonferenz der Wissenschaftskommunikation gemausert, wo Konzepte, Probleme, Ideen auf den Tisch kamen, wo all die Best und Worst Practice-Einzelbeispiele eingeordnet wurden und neue Werkzeuge auf ihre Tauglichkeit abgetastet werden konnten. Ich hoffe, die Lücken beim 8. Forum – auch das Fehlen der Wissenschaft und die kaum sichtbare Diskussion zu den Leitlinien – waren kein Schritt zurück, sondern nur ein Ausrutscher.

Gespräche unter Kollegen der Wissenschaftskommunikation

Brezeln und Kaffee – Grundlage für viele gute Gespräche unter Kollegen.

Immerhin funktionierte auch 2015 wieder, was ich für die zweite wichtige Funktion dieses Forums halte – das Community-Building. Die Band beim traditionellen Remmidemmi am 2. Abend war wieder originell und hervorragend (ein wenig zu laut), Gelegenheit zu Gesprächen und Kontakten gab es ausreichend, viele neue Teilnehmer (Tagungsort in neuer Region), aber auch Begegnungen mit vielen bekannten Gesichtern, einzig das zusammenschweißende Element eines gemeinsamen Tagungshotels wie im Vorjahr in Potsdam fehlte. Aber dieser Mangel ist noch am leichtesten zu verschmerzen. Und wer weiß, vielleicht sieht es nächstes Jahr in Bielefeld beim 9. Forum Wissenschaftskommunikation (5.-7.12.2016) ja schon wieder anders aus.

 

P.S. Noch eine persönliche Reminiszenz: Am Tag des Beginns des „Forums Wissenschaftskommunikation“ in der Nürnberger Meistersingerhalle startete in Paris die große Klimakonferenz COP21, die endlich Fortschritte bringen soll, um den Klimawandel aufzuhalten. Mit dem Forum kam ich nach genau 40 Jahren in die Meistersingerhalle zurück: An diesem Ort hatte ich 1975 zum ersten Mal mit einem Wissenschaftler über den drohenden Klimawandel gesprochen und (zugleich mit einem anwesenden ZDF-Kollegen) darüber berichtet, mit vielen Details, die bis heute unverändert sind. Wir beide waren die ersten Journalisten, die in Deutschland dieses Thema in die Öffentlichkeit getragen haben.

Themenkarriere: So lange brauchen Themen, bis aus der wissenschaftlichen Erkenntnis politisches Handeln wird.

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