Gravitationswellen – Eine perfekte Show, doch für wen?

Posted on 17. Februar 2016

3


Die Verschmelzung zweier Schwarzer Löcher führte zur spektakulären Entdeckung der Gravitationswellen - ein Lehrstück der Wissenschaftskommunikation. (Bild: NASA/CXC/GSFC/T. Strohmayer)

Die Verschmelzung zweier Schwarzer Löcher führte zur spektakulären Entdeckung der Gravitationswellen – ein Lehrstück der Wissenschaftskommunikation. (Bild: NASA/CXC/GSFC/T. Strohmayer)

Blogautor Wissenschaft kommuniziertEs war einfach alles perfekt. Wissenschaftskommunikation, wie man sie sich nur wünschen kann. Alles war bestens vorbereitet. Der Zeitpunkt stimmte, die Historie warf genug Fragen auf, es gab Geschichten über Geschichten zu erzählen, Hintergrundmaterial, Animationen und Footage-Material für die TV-Stationen waren vorbereitet, Gerüchte machten rechtzeitig die Runde, so dass alle wussten, was kommen würde – und dann, am 11. Februar 2016 der Big Bang: Auf einer Pressekonferenz in Washington (und fünf weiteren parallel rund um die Welt) verkündeten die Forscher das, wonach sie jahrzehntelang  und mit Milliardenaufwand gesucht hatten, den direkten Nachweis von Gravitationswellen.

Hier ein Live-Mitschnitt der gesamten Pressekonferenz:

Die erste Geschichte, die dazu zu erzählen war, kam überall: Dass Albert Einstein diese Gravitationswellen vor genau 100 Jahren vorhergesagt hatte. Was weniger bekannt wurde: dass die Physiker diese Entdeckung schon seit Jahren für 2016 erwartet haben, und es dennoch nur einem glücklichen Zufall zu verdanken ist, dass die Entdeckung am 14. September 2015 erfolgte und damit schon so früh im Jahr 2016 bekanntgegeben werden konnte

Zwei übereinstimmende Messkurven signalisieren das Ereignis - die Signale der Gravitationswellen. (Bild: LIGO)

Zwei übereinstimmende Messkurven signalisieren das Ereignis – die Signale der Gravitationswellen. (Bild: LIGO)

– und so auch rechtzeitig, dass noch in diesem Jahr der erwartete Nobelpreis dafür vergeben werden kann. „Advanced LIGO“, wie die gerade verbesserten Messstationen in den USA heißen, war nämlich noch gar nicht auf wissenschaftliche Experimente eingestellt, als die entscheidende Messung gemacht wurde. Bei einem technischen Testlauf wurden die 0,2 Sekunden dauernden Signale der Gravitationswellen von zwei verschmelzenden Schwarzen Löchern aufgezeichnet, die anschließend als Botschaften vom Zusamenstoß zweier Schwarzer Löcher identifiziert werden konnten. Auf einem kurzen Soundtrack klingen sie wie ein Pulsschlag im Stethoskop.

Wissenschaftskommunikation: Die vielen unerzählten Geschichten

Doch viele weitere Geschichten blieben meist unerzählt: Einstein hatte seine Vorhersage der Gravitationswellen 1916 ausgerechnet dem Physiker gegenüber geäußert, der die (1971 entdeckten) Schwarzen Löcher theoretisch vorhergesagt hatte, Karl Schwarzschild. Und der hat sich posthum noch einmal in die Geschichte der Gravitationswellen eingemischt, denn eigentlich hatten die LIGO-Physiker ihre ersten Signale gar nicht von Schwarzen Löchern erwartet, sondern von Neutronensternen. Oder die Geschichte der Hartnäckigkeit über Jahrzehnte, um sowohl die Gelder zu bekommen als auch die Verbesserungen der Laser-Interferometrie zu erreichen, die für den Erfolg der LIGO-Experimente notwendig waren. Oder das tragische Schicksal eines der Väter und Impulsgeber von LIGO, der heute an Demenz erkrankt ist und daher bei der Jubelfeier nicht dabei sein konnte.

Echo der Medien: Die Titelseite der New York Times.

Echo der Medien: Die Titelseite der New York Times.

Oder auch die Geschichte der vielen Enttäuschungen, etwa des Physikers Joseph Weber, der vor gut 50 Jahren mit der angeblichen Entdeckung der Gravitationswellen Aufsehen erregte. Dies stellte sich als Irrtum heraus, aber die Diskussionen holten damals die Suche nach Gravitationswellen aus dem Dornröschenschlaf, gaben die entscheidenden Impulse, etwa für die Laser-Interferometrie, öffneten Geldquellen und waren letztendlich der Startschuss für die Erfolge heute. Oder aber die Geschichte des amerikanischen Astrophysikers John Kovac, der vor zwei Jahren glaubte, in Signalen des Südpol-Radioteleskops „Bicep2“ Hinweise auf Gravitationswellen noch vor den Kollegen von LIGO gefunden zu haben. Obwohl seinerzeit vom britischen Fachblatt „nature“ als „Revolution“ und „nobelpreiswürdig“ hochgejubelt, musste Kovac inzwischen seine Befunde zurückziehen.

Viele Geschichten also, die zu erzählen gewesen wären. „nature“ stellte wenigstens ein kurzes Video ins Netz, das die Emotionen der beteiligten Forscher zeigt.

Die menschlichen Geschichten, die mit so einer wichtigen Entdeckung verbunden sind, hätten das breite Publikum sicher weit mehr angesprochen als die Details der Entstehung und der Theorie von Gravitationswellen. Doch sie blieben meist unerzählt. Stattdessen  hörten Leser und Zuschauer bombastische Sprüche von einem neuen Zeitalter der Astronomie, bis hin zu einem Schlüssel für die Erforschung der Dunklen Materie, die 90 Prozent unseres Universums ausmacht. Ganz ohne Zweifel: Der experimentelle Nachweis der Gravitationswellen ist ein

Echo der Medien: Der Spiegel

Echo der Medien: Der Spiegel

wissenschaftlicher Durchbruch. Doch er ist auch erst ein Anfang. Die Gravitationswellen-Astronomie verspricht viele neue Einsichten in das Universum. Das zeigten schon die zahlreichen Informationen über die beiden kollidierenden Schwarzen Löcher, die die Forscher aus den ersten Signalen gewinnen konnten. Und die Gravitationswellen-Detektoren sind noch nicht an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit: LIGO etwa erwartet etwa zehn registrierbare Gravitations-Ereignisse pro Jahr und will seine Empfindlichkeit noch verdreifachen. Neue Einsichten in die Physik und in die Kosmologie von Neutronensternen und Schwarzen Löchern sind zu erwarten, ganz generell über extreme Zustände der Materie. Faszinierende Grundlagenforschung, die viele junge Wissenschaftler zu Höchstleistungen motivieren kann. Toll.

Echo der Medien: Die Titelseite der Süddeutschen Zeitung.

Echo der Medien: Die Titelseite der Süddeutschen Zeitung.

Wen haben wir erreicht?

Doch eine neue Epoche? Auf jeden Fall wurden keine geltenden Theorien auf den Kopf gestellt, sondern existierende wurden bestätigt. Keine Lehrbücher müssen umgeschrieben werden. Lediglich Einsteins Vorhersage, dass diese Gravitationswellen niemals gemessen werden könnten, wurde widerlegt (wobei auch er sich dabei sehr unsicher war, sich mehrmals sogar in dieser Frage widersprach, aber das blieb auch unerwähnt).

Aus Sicht der Wissenschaftskommunikation war eigentlich alles perfekt. Kein Medium, das nicht groß darüber berichtet hätte: Die großen Zeitungen auf den Titelseiten, die Hauptnachrichtensendungen der Fernsehanstalten machten mit dem Ereignis auf, widmeten Hintergründen und Erklärungen viele, viele wertvolle Sendeminuten. Der Spiegel machte trotz der Zuspitzung politischer Krisen die Gravitationswellen zum Titelthema, das Internet bebte, in Twitter war „#gravitywaves“ der Hashtag des Tages, Google erlebte einen Boom an Suchanfragen,ähnlich sah es in den Sozialen Medien wie Facebook oder Pinterest aus, auf Youtube wurden Videos zu den Gravitationswellen zehntausende Male angeklickt. Wohl kein anderes Wissenschaftsereignis in den vergangenen Jahren hat ein derartiges Echo ausgelöst.

Echo in Google: Die Zahl der Suchanfragen zu "Gravitational Waves" schnellte in die Höhe. (Quelle: Google Trends)

Echo in Google: Die Zahl der Suchanfragen zu „Gravitational Waves“ schnellte in die Höhe. (Quelle: Google Trends)

Doch dann kommt der Wissenschaftskommunikator der Universität von Tennessee in Chattanooga, Kirk Englehardt, und fragt auf Twitter seine Freunde: Wen haben wir eigentlich mit den Schwerkraftwellen erreicht? Und die Antworten sind eindeutig: Sicher jeden Physiker, wir mussten auch Bekannten wieder und wieder erklären, worum es denn hier geht, aber wir haben Zweifel, dass die Menschen draußen, die fernab jeder Wissenschaft, jeder Begeisterung oder auch nur Interesse für Forschung und Naturwissenschaft leben, irgendwie von der Nachricht oder vom Wesen der Wissenschaft berührt wurden. Für diese Normalbürger, so die Schlussfolgerung, ist die Entdeckung der Gravitationswellen kein wichtigeres Ereignis geblieben als etwa irgendeine Leitzinserhöhung einer Notenbank – fern, unverständlich, scheinbar ohne Relevanz für sie selbst, ihr Weltbild oder ihr eigenes Tun.

Kirk Englehardt

Kirk Englehardt

Wen haben wir erreicht? Die Frage darf man sich auch in Deutschland stellen. Wer die Einführung von Klaus Kleber im „heute-journal“ zu den Gravitationswellen hörte, spürte, dass die ausgefeilten Erklärungen der Wissenschaftler offensichtlich nicht einmal ihn erreicht hatten, also einen derjenigen, die sich beruflich mit derartigen Nachrichten beschäftigen müssen. Der wortgewandte Nachrichtenmoderator brachte es nur zu einem zusammenhanglosen Gestammel von „kaum Begreiflichem“, „Masse“, „Energie“, und dass Albert Einstein „nicht gesponnen hat“. Und zeigte dann auch noch die falsche Formel, E=mc2, also die der Speziellen Relativitätstheorie, nicht aber die der Allgemeinen Relativitätstheorie, aus der sich die Gravitationswellen ableiten. (Die Anmoderation ist hier anzusehen und am Ende dieses Blogposts schriftlich dokumentiert.)

Gravitationswellen – eine vertane Chance der Wissenschaftskommunikation?

Echo der Medien: ZDF-Heute-Journal-Moderator Klaus Kleber mit der falschen Formel.

Echo der Medien: ZDF-Heute-Journal-Moderator Klaus Kleber mit der falschen Formel.

Was hat die Wissenschaftskommunikation an diesem Tag erreicht? So könnte man die Frage auch stellen. Mit Sicherheit hat sie eine große Entdeckung gebührend nach allen Regeln der Kunst abgefeiert. Mit Sicherheit hat sie potenzielle Geldgeber beeindruckt und ein Stück weit von weiteren Investitionen in die Gravitationsforschung überzeugt. Mit Sicherheit auch hat sie vielen Lehrern eine Steilvorlage für einen lebendigen, aktuellen Physikunterricht gegeben, wahrscheinlich sogar einige interessierte junge Menschen begeistert, mit Physik oder Gravitationsphysik ihre Zukunft zu gestalten. Doch zweifellos waren es gerade die vielen Erklärungen, das Streben, die Menschen draußen an allen Details des Phänomens Gravitation teilhaben zu lassen, der auf das Wissenschaftliche fokusierte Blick, der Stolz auf das erreichte Ergebnis, schlicht die Sicht aus der Perspektive der Wissenschaftler, die verhindert haben, mit diesem vielbeachteten Ereignis die Aufmerksamkeit für die Wissenschaft auf große Bevölkerungskreise zu erweitern, die bisher nicht viel mit Forschung am Hut haben – über die Grenzen der Scientific Community, der Begeisterten und Interessierten hinaus. Und dies ist wahrscheinlich die Mehrheit, die mit weniger spektakulären nachrichten überhaut nicht zu erreichen ist. Es wäre eine große Chance gewesen, schlicht Wissenschaft als Erlebnis erkenntlich werden zu lassen: Erstens Wissenschaft ist ein Abenteuer. Zweitens Wissenschaft wird von Menschen gemacht. Und drittens lesen und hören Menschen nichts so gern wie von den Erlebnissen anderer Menschen.

Geschichten, um dies herauszustellen, hätte es genug gegeben. Und wenn es nur die Geschichte gewesen wäre, dass Wissenschaft auch bedeutet, Autoritäten zu misstrauen, Gegenpositionen zu vertreten, ihre Aussagen zu widerlegen. Etwa nach dem Motto: „Da mag der große Herr Einstein der Überzeugung sein, seine Gravitationswellen könnte niemand je messen, ich werde es ihm schon zeigen.“ Und schließlich eröffnen neue Techniken (= wissenschaftliche Errungenschaften vergangener Jahrzehnte) heute Möglichkeiten, von denen sich Einstein niemals hätte träumen lassen. Autoritäten anzuzweifeln und neue Möglichkeiten zu nutzen ist schließlich eine Tugend und ein Thema unserer Zeit, das weit über die Wissenschaft hinausreicht.

Advertisements