Nie mehr neue Technologien? – acatech: Kommunikation spielt die entscheidende Rolle

Posted on 15. März 2016

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Blogautor Wissenschaft kommuniziert

Symbol einer gescheiterten Technologie: Aus dem Kernkraftwerk wurde der Freizeitpark Kalkar. (Foto: D. Schütz/Pixelio

Symbol einer gescheiterten Technologie: Aus dem Kernkraftwerk wurde der Freizeitpark Kalkar. (Foto: D. Schütz/Pixelio)

Nein, die Historiker haben nicht immer recht. Wie ein Mantra tragen sie vor sich den Satz her „Geschichte wiederholt sich nicht“. Doch das stimmt nicht. Die Entwicklung wichtiger Technologien liefert in Deutschland dafür die besten Gegenbeispiele: Milliarden wurden in die Entwicklung der Kernkraftwerke gesteckt, bis die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik erkennen mussten, dass diese Technologie in einer immer selbstbewusster agierenden Bürgerschaft nicht durchsetzbar war. Große Hoffnungen wurden in die rote Gentechnik gesetzt, bis Bürgerproteste und gerichtliche Einsprüche die Errichtung der Produktionsanlagen blockierten und die Industrie damit größtenteils ins Ausland abwanderte. Deutschland war führend bei der Entwicklung der Grünen Gentechnik, bis Politiker angesichts ständiger Sabotage von ungenannten Aktivisten Angst bekamen vor den „Genen auf dem Acker“ – und die Entwicklung lahmlegten. Eine weitere Wiederholung dieser Geschichte droht bei der „Synthetischen Biologie“, wo – wie die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina feststellte – die Bürger zwar gar nicht wissen, was das ist, aber dennoch Angst davor haben.

acatech-Studie "Technik gemeinsam gestalten" - Zur Einführung neuer Technologiefelder.

acatech-Studie „Technik gemeinsam gestalten“ – Zur Einführung neuer Technologiefelder.

Es ist das große Verdienst der Akademie der Technikwissenschaften „acatech“, die Regeln hinter diesen Fehlschlägen der Technologieentwicklung erkannt zu haben und zu versuchen, daraus einmal die Konsequenzen zu ziehen. Die Ursache für die ständig wiederholten Fehlschläge wichtiger Technologien liegt in der späten Einbeziehung der Bürger, so die These der acatech in der gerade erschienenen Studie „Technik gemeinsam gestalten“. Und am Beispiel des künftigen, noch kaum entwickelten Technologiefelds „Künstliche Fotosynthese“ spielt die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften auch gleich durch, wie die „frühzeitige Einbindung der Öffentlichkeit“ erfolgreich laufen könnte.

Und damit sind wir bei der Wissenschaftskommunikation! Zunächst noch ein paar Worte zum Titel der Studie, denn er stellt tatsächlich auch (selten genug) ihre Inhalte dar: Hier geht es nicht um Information der Öffentlichkeit, hier geht es nicht um Akzeptanzbeschaffung für ein Technologieprojekt, sondern tatsächlich um die gemeinsame Entwicklung neuer Technikfelder von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Das wird auch noch einmal durch den Untertitel unterstrichen, der von einer „frühzeitigen Einbindung der Öffentlichkeit“ spricht, also Einbindung, nicht nur Information, nicht nur Dialog oder das, was man heute im Allgemeinen unter „Partizipation“ versteht, bei der die Wissenschaft für sich die Dominanz beansprucht (siehe Interview mit Akademienunions-Präsident Prof. Hanns Hatt „Wissenschaft ist zur Kommunikation verpflichtet“). Das Wort Einbindung bedeutet: mitverantwortliche Beteiligung an der Planung, den Entscheidungen und Realisierung der neuen Technik.

Ein großes Vorhaben fürwahr. Aber wohl auch der einzige Weg, wie in Deutschland angesichts großer Skepsis gegenüber allem Neuen, angesichts auch dem zunehmenden Drängen nach Partizipation, noch große wichtige Technologiefelder erfolgreich eingeführt werden können. Die einzige Kritik – am Titel, wie am weiteren Vorgehen der acatech – gilt dem Begriff „Öffentlichkeit“. So, wie dieses Wort allgemein in der Wissenschaft verstanden wird, nämlich als „breite Öffentlichkeit“ vieler einzelner Individuen, nicht dagegen als ein komplexes Netzwerk von gesellschaftlichen Gruppen mit vielen unterschiedlichen und multiplen Einzelinteressen, ist der Begriff schlicht naiv. Zwar werden NGO’s, die Nicht-Regierungs-Organisationen wie „Greenpeace“ oder „Ärzte ohne Grenzen“, in der Studie auf 15 Zeilen kurz erwähnt, doch ohne daraus Konsequenzen für das weitere Vorgehen zu ziehen. „Die breite Öffentlichkeit“ aber wird ein gerade sprossendes Technologiefeld nie erreichen, geschweige denn überzeugen können oder von ihr Anregungen für die weitere Entwicklung bekommen. So ist unsere Gesellschaft nicht gebaut, so funktioniert das System der gesellschaftlichen Entscheidungen nicht.

Prof. Armin Grunwald, KIT Karlsruhe - Leiter der acatech-Studie.

Prof. Armin Grunwald, KIT Karlsruhe – Leiter der acatech-Studie.

Prof. Alfred Pühler, Universität Bielefeld, Leiter der acatech-Studie.

Prof. Alfred Pühler, Universität Bielefeld – Leiter der acatech-Studie.

Dennoch ist diese Studie nicht hoch genug zu bewerten. Sie hat sich von vielen weiteren naiven Vorstellungen zum Funktionieren der Gesellschaft gelöst, wie sie leider immer noch in der Wissenschaft gang und gäbe sind. Zum Beispiel, dass es allein genügt, die beste wissenschaftlich begründete Lösung für ein Problem zu realisieren, der Bürger werde dies letztendlich schon goutieren. Dazu die Studie: „Spezifische Wissensbestände, die sich jenseits von Wissenschaft und Wirtschaft finden, können zu Lösungen … beitragen oder eine Integration von Technik in die Alltagspraxis … erleichtern.“ Oder: „Indirekte Wirkungen der Einbindung sind ebenso möglich, indem etwa durch Einbeziehung einer Vielzahl an Perspektiven „neue“ Fragen aufgeworfen … werden. So kann „bessere Technik“ entstehen, und so könnten gleichzeitig Innovationsprozesse beschleunigt werden.“

Oder aber, die Vorstellung vom perfekten Wissenschaftssystem: „Bis heute ist es nicht gelungen, die übergeordneten gesellschaftlichen Herausforderungen mit denjenigen innerhalb des Wissenschaftsprozesses zusammenzubringen. … Gerade in Zeiten, in denen sich die Wissensproduktion und die darauf basierende Entwicklung neuer Technologien ständig beschleunigen, ist das Wissen, das Forschung und Entwicklung in Wissenschaft und Wirtschaft bereitstellen, um gesellschaftliche Wahrnehmung und Werte zu ergänzen.“

Oder aber zur Rolle der Gesellschaft bei der Entwicklung neuer Technologien: „Angesichts des Einflusses neuer Technologien in der Gesellschaft sind … neben dem Fachwissen der Experten auch Wertvorstellungen, Zukunftsvisionen und Wünsche der Bürgerinnen und Bürger wichtig. Diese sind – ebenso wie Interessen der einzelnen Anspruchsgruppen – im Rahmen der Gestaltungsdiskurse sichtbar zu machen und in die Bewertung einzubringen. … Technik kann nicht alleine auf der Grundlage von Fachwissen gestaltet werden, aber ein angemessenes Fachwissen ist die notwendige Voraussetzung, um zu einem wohlüberlegten Urteil der Gestaltung kommen zu können. Verantwortliches Handeln muss sich daran messen, wie sachlich adäquat und moralisch gerechtfertigt Entscheidungen angesichts von Unsicherheiten getroffen werden.

Dr. Marc-Denis Weitze - Konzeption und federführender Autor der acatech-Studie.

Dr. Marc-Denis Weitze – Konzeption und federführender Autor der acatech-Studie.

Auch die Probleme und die Herausforderungen der frühzeitigen Einbindung von Nichtfachleuten werden in der Studie offen genannt, etwa das Collinbridge-Dilemma: Das Wissen über Wirkungen und Risiken neuer Technologien wächst erst im Laufe der Entwicklung, ist die Entwicklung aber weit genug, um jene deutlich zu erkennen, ist die Technologie meist schon „verhärtet“, ein Umsteuern kaum mehr oder gar nicht möglich. Oder auch die Frage, wie man in einem frühen Stadium der Entwicklung die Bürger überhaupt für das neue Technikfeld interessiert. So dürfte es schwierig sein, schon heute Normalbürger (außer wenige an allem Neuen interessierte) dazu zu bringen, sich intensiv mit Künstlicher Fotosynthese zu beschäftigen. Und das Ergebnis ist auch mager: Meist kommt es in diesem frühen und notwendigerweise abstrakten Stadium lediglich zu einer „Reproduktion des Expertendiskurses“, also ohne neue Aspekte, die für die Gestaltung eines Technologiefeldes interessant wären.

Weitere Probleme sind die Transparenz der Zusammenarbeit, damit Bürger auch die Wirkungen der Kommunikation erkennen können, der hohe Aufwand, der – angesichts des noch vorherrschenden Desinteresses – nur wenige erreicht, und dieVorbereitung der teilnehmenden Wissenschaftler, denn sie sind normalerweise Dialog im Sinn einer echten Zweiweg-Kommunikation nicht gewohnt, und als „Experten“ oft auch nicht dazu bereit. Tolle Erkenntnisse, tolle Einsichten, tolle Anregungen.

Eine große Herausforderung ist auch, wie den wissenschaftlichen Laien die Technikperspektiven, die möglichen Konsequenzen für Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt zu vermitteln sind – in einem Stadium, in dem ja die Wissenschaft selbst noch gar nicht so recht weiß, wie sie aussehen werden. Die Künstliche Photosynthese ist dafür ein gutes Beispiel. Derzeit ist noch keineswegs klar, wie diese Technik, wenn sie denn jemals umsetzungsreif wird, genutzt werden wird – durch fotoelektrochemische Umwandlung von CO2 aus Abgasen, in Fabriken auf Nanoskala, durch autarke Kleinverbraucher oder durch Anstriche von Gebäudeoberflächen. Jede Form der Umsetzung ist mit gänzlich anderen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Risiken verbunden. Die acatech-Studie löste das Problem, indem sie drei unterschiedliche Szenarien entwerfen ließ, „Technikzukünfte“, die das Leben mit der neuen Technologie erlebbar und verstehbar machen sollten. Diese Szenarien wurden, wenn ich das richtig verstanden habe, nicht von beteiligten Wissenschaftlern verfasst, sondern von externen Journalisten. Das ist wichtig und richtig, denn Externe haben viel mehr Mut, das Machbare über den heutigen Stand der Forschung hinaus zu extrapolieren, und sie sind nicht zu sehr durch den Blick auf das Spezielle gefesselt, um auch noch eine Gesamtschau zu haben, allerdings müssen sie sich in die äußerst komplexe Materie Künstliche Photosynthese erst einmal einarbeiten.

Immerhin, die Technikzukünfte waren ein guter und vielversprechender Ansatz. Und damit endet auch schon die Anerkennung für diese Seite der Studie – die praktische Umsetzung. Denn die acatech wollte ja nicht nur zur frühzeitigen Einbindung der Gesellschaft theoretisieren, sondern auch die praktische Umsetzung in einem ersten Probelauf demonstrieren. Doch bei der Praxis waren die Theoretiker am Ende mit ihrem Latein. Sie veranstalteten vier Dialog-Veranstaltungen mit Schülern, Studierenden und Bürgern mit insgesamt knapp 50 Teilnehmern, zwei Science-Cafes, ein Studierenden-Workshop und ein Comic-Workshop auf der Suche nach einer publikumsnahen Umsetzung des abstrakten Themas. Als Ergebnis gab es einige kaum verständliche Zeichnungen, wenige Anregungen für gesellschaftliche Problemfelder der neuen Technologie, wie oben beschrieben, und die Erkenntnis, dass es ein ungeheurer Aufwand sein dürfte, ein Technologiefeld wie die Künstliche Fotosynthese, das für die Energieversorgung der Zukunft einmal entscheidende Bedeutung haben kann, auf diese Weise gemeinsam mit der Gesellschaft zu gestalten. Wenn dies überhaupt möglich ist.

Der Fehler lag wohl in der Vorstellung, dass sich „die Öffentlichkeit“ aus Einzelpersonen zusammensetzt, die es jeweils zu informieren und zu aktivieren gilt. Der Begriff „Gesellschaft“ hätte eine andere Vorgehensweise nahegelegt, die jeder Kommunikationspraktiker den Machern der acatech-Studie empfohlen hätte: Die Gesellschaft besteht aus unzähligen gesellschaftlichen Gruppen – siehe oben – miteinander vernetzt, miteinander im Wettkampf, mit unzähligen Einzelinteressen, mit unterschiedlichem Einfluss, auf jeden Fall mit großer Motivation, ihrer Perspektive in der Gesellschaft Geltung zu verschaffen. Allein beim Bundestag gibt es eine öffentliche, 855 Seiten umfassende Liste von über 2.000 registrierten Interessenvertretern, die direkt Einfluss auf die Volksvertreter und die Politik dieses Landes nehmen wollen (übrigens acatech selbst ist Nummer drei auf der Liste). Dies ist ein Spiegel der Interessen, die unsere Gesellschaft und die Entscheidungen bestimmen (und sicher sind es bei weitem nicht alle Lobbyisten). Und wer die Medien aufmerksam beobachtet, erkennt auch schnell, dass die wenigstens Nachrichten und Meinungen ohne aktiven Einfluss von Interessengruppen zustandekommen (zu denen natürlich die politischen Parteien und die NGO’s auch gehören).

Warum also versuchen, mit einzelnen Bürgern zu sprechen (die derzeit noch gar nicht an Künstlicher Fotosynthese interessiert sind? Warum der enorme Aufwand, der wahrscheinlich nie zum erfolg führen wird? Warum nicht zehn oder zwanzig, selbst hundert, für die Entwicklung der Künstlichen Fotosynthese relevante Interessengruppen einladen, ihnen die Technikzukünfte vorführen und mit ihnen auf Augenhöhe diskutieren? Sie sind motiviert genug, um potenzielle Problemfelder frühzeitig zu benennen; sie sind engagiert genug, um sich die Zeit zu nehmen und die Arbeit zu machen, sich in entstehende Fragen einzuarbeiten; sie sind einflussreich genug, um das gesellschaftliche Klima für ein gemeinsam gestaltetes neues Technologiefeld nachhaltig mitzubestimmen.

Mein Fazit: Von der Studie „Technik gemeinsam gestalten“ kann die Wissenschaftskommunikation jede Menge lernen, vor allem aber wird sie hoffentlich von vielen Wissenschaftlern und Ingenieuren gelesen und regt manche an, die Bedeutung der frühzeitigen, von vornherein im Konzept verankerten Kommunikation für die Entwicklung neuer Forschungs- und Technikfelder zu sehen. Wer die Gelegenheit hatte Zwischenstadien dieser Studie mitzuerleben, der muss jetzt überrascht feststellen, wieviel Wertvolles dabei herausgekommen ist. Wenn es aber an die praktische Umsetzung geht, dann scheinen die Theoretiker der Wissenschaftskommunikation an ihrem naiven Bild von den Entscheidungs- und Konsensprozessen in der Gesellschaft zu scheitern. Da sind die Praktiker schon sehr viel weiter.

 

Conflict of Interest: Die Studie „Technik gemeinsam gestalten“ der acatech wurde maßgeblich von der Philip Morris Stiftung gefördert. An der Vorbereitung der Förderentscheidung habe ich seinerzeit als freier Berater der Stiftung mitgewirkt. Heute bin ich nicht mehr für die Philip Morris Stiftung tätig und habe auch keine anderen Verbindungen zu der Studie.

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