„Ein dramatisches Gesellschaftsproblem“ – Ein Kommentar zu Strohschneider

Posted on 1. Februar 2017

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Von Reiner KorbmannBlogautor Wissenschaft kommuniziert

Zwei Dinge vorab:
Erstens: In über 40 Jahren als Wissenschaftsjournalist und Wissenschaftskommunikator bin ich nie einem Forscher gegegnet, der mit derart sicherem Gespür und großer Kompetenz gesellschaftliche Entwicklungen erkennt und ihre Konsequenzen für die Wissenschaft analysiert, wie dem DFG-Präsidenten Prof. Peter Strohschneider.
Zweitens: Kaum vorher habe ich jemals einen verantwortlichen Repräsentanten der deutschen Wissenschaft erlebt, der mit dieser Ehrlichkeit und gleichzeitig mit großer Ratlosigkeit das Unvermögen seiner Zunft analysiert, mit den gegenwärtigen Entwicklungen der Gesellschaft zurecht zu kommen.

Vom Interview zuJahresrede: Prof. Strohschneider beim DFG-Jahresempfang im Leibniz-Saal am Gendarmenmarkt in Berlin.

Vom Interview zuJahresrede: Prof. Strohschneider beim DFG-Jahresempfang im Leibniz-Saal am Gendarmenmarkt in Berlin.

„Wir haben dramatische Vermittlungsprobleme“ wird in der kommenden Woche als Zitat über dem zweiten Teil des Gesprächs mit Prof. Strohschneider stehen. Ein „dramatisches Gesellschaftsproblem“ könnte man es auch nennen, wenn man ihm folgt. Schon in der Vergangenheit, erst recht aber in den letzten Jahren, da sich die Gesellschaft so rasant wandelt.

Lange hat sich die Wissenschaft, so Strohschneider, selbst von der Gesellschaft wegbewegt. Jetzt wendet sich die Gesellschaft von Wissen, Fakten und rationalen Auseinandersetzungen ab. Wohl auch, weil viele Verheißungen der Wissenschaft nicht erfüllt wurden, wohl auch, weil die Welt und das tägliche Leben – nicht zuletzt durch Erkenntnisse der Forschung – immens komplex geworden sind. Die Folge: Umfragehörigkeit, Populismus, Pegida, postfaktisch, Meinungsblasen und „alternative Fakten“. Statt Fakten bestimmen Befindlichkeiten heute wichtige Entscheidungen, nicht nur beim Brexit oder bei der Wahl von US-Präsident Donald Trump.

Wenn aber Fakten immer weniger wichtig sind, wird auch weniger Geld für die Produktion von Fakten ausgegeben, werden immer weniger Menschen sich dafür begeistern, ihr Leben lang nach neuen Fakten zu suchen und wird es weniger Privilegien für die Faktensuche geben, vulgo für die Wissenschaft. DFG-Präsident Strohschneider erkennt, wie gefährlich die Entwicklung für die Zukunft der Forschung in Deutschland ist. Strohschneider ist eigentlich Literaturwissenschaftler, hat aber auch Soziologie studiert, was man ihm bis heute anmerkt. Er macht es seinen Zuhörern und Lesern nicht leicht, seinen Gedanken zu folgen, doch er analysiert scharf, mit enormem Hintergrund und auf den Punkt.

Es geht um existenzielle Fragen für die Wissenschaft, jedenfalls wenn sie auf einem hohen, international wettbewerbsfähigen Niveau betrieben werden soll. Das schlimmste aber: Viele verantwortliche Repräsentanten der Forschung scheinen das noch gar nicht wahrgenommen zu haben. So sieht das selbst der DFG-Präsident, der ganz dicht dran ist.

Was hat das alles mit Wissenschaftskommunikation zu tun? Nun, Kommunikation ist die Währung über die verschiedene Teilbereiche der Gesellschaft zusammenwirken. Und wenn die Wissenschaft Einfluss auf die Gesellschaft nehmen will, dann geht das nur über Kommunikation. Freilich muss sie dann aber Abschied nehmen von der Überzeugung, bei der Wissenschaftskommunikation gehe es vor allem darum, die eigenen Erkenntnisse an die Öffentlichkeit zu vermitteln  (und damit die Forscher mehr oder weniger zu beweihräuchern). „All dies ernst genommen,“ so legte Prof. Strohschneider beim Neujahrempfang der DFG in Berlin im Januar noch einmal nach (das Gespräch mit „Wissenschaft kommuniziert“ wurde fünf Wochen vorher geführt, konnte aber aus technischen Gründen erst heute veröffentlicht werden), „ergäben sich ziemlich einschneidende Folgerungen für die Wissenschaftskommunikation. Und auch für die Art und Weise, in der etwa die Wissenschaftsorganisationen öffentlich und politisch für die Wissenschaften werben. Darüber sollten wir diskutieren.“

Ein erster Schritt dazu wäre sicher, dass Wissenschaftler auf allen Ebenen – vor allem aber in den oberen Etagen – Wissenschaftskommunikation ernst und wichtig nehmen. Da gibt es enorme Defizite. Selbst Prof. Strohschneider muss einräumen, dass er noch nie bei einer Tagung zur Wissenschaftskommunikation war. Die wenigen „Naturtalente“ (Strohschneider) unter den Forschern, sind wertvoll und unterhaltsam, aber sie reichen nicht aus, um Kommunikationsstrategien zu entwickeln, um wachzurütteln und den gesellschaftlichen Dialog zu beginnen. Wichtig ist vor allem auch Eines: Die Verantwortlichen in der Wissenschaft müssen erkennen, dass sie gut ausgebildete und kommunikationserfahrene Helfer brauchen, um das Kernziel der Wissenschaftskommunikation zu erreichen: Die Stellung der Wissenschaft in der Gesellschaft festigen. Und dies vor allem in einer so verfahrenen Situation, in der sich Wissenschaft und Gesellschaft derzeit befinden.

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