Ranga Yogeshwar: „Vereinfachung spaltet“ – Der „March for Science“ lebt fort! (2)

Posted on 16. Mai 2017

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Populismus, der Fakten unzulässig vereinfacht, spaltet die Gesellschaft. Das ist eine zentrale Aussage des bekannten Wissenschaftsjournalisten Ranga Yogeshwar, der beim „Marsch for Science“ in Berlin sprach. Wir veröffentlichen hier seine Rede, damit sie auch allen Nichtanwesenden zugänglich wird: Ein aufrüttelnder Appell, wie wichtig Wissenschaft und Fakten für eine offene, demokratische Gesellschaft sind.

#ScienceMarchBER

Ranga Yogeshwar, der bekannteste deutsche Wissenschaftsjournalist und TV-Moderator, will einen faktenreichen, verständlichen Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Er sprach beim „March for Science“ in Berlin. (Foto: Yogeshwar.de))

Mit Besorgnis sehen wir, wie die Basis unserer aufgeklärten Gesellschaft von einigen im In- und Ausland zur Disposition gestellt wird. Anstelle gesicherter Erkenntnisse werden Vorurteile verbreitet und „alternative Fakten“ konstruiert, um Ängste zu schüren und Stimmung zu machen. Doch eine Politik, die bewusst gesicherte Erkenntnisse verneint oder ignoriert, täuscht ihre Bürger und handelt undemokratisch. Berthold Brecht schrieb einmal: „Wer die Wahrheit nicht kennt, ist nur ein Dummkopf. Wer sie aber kennt, und sie eine Lüge nennt, ist ein Verbrecher.“

Wir alle befürworten die Freiheit und Offenheit unserer Gesellschaft und fordern, dass nicht Vorurteile oder Ängste, sondern gesicherte Erkenntnisse unser Denken und Handeln prägen. Daher stehen wir heute hier beim March for Science vereint mit Hundertausenden weltweit und sagen: „Bekämpft die Angst mit den Fakten“.

Ja, unsere Welt ist kompliziert, und gerade deshalb ist sie schön. Viele Zusammenhänge lassen sich nicht auf simple Formeln reduzieren. Wir dürfen nicht zulassen, dass Populisten unsere Welt gefährlich vereinfachen um so unsere Gesellschaft zu spalten – das sind wir der Suche nach der Wahrheit schuldig.

Gute Wissenschaft gehört uns allen. Ihre Erkenntnisse sind unser gemeinsames Erbe. Gute Forschung hilft der Politik und der Gesellschaft, Entscheidungen wissensbasiert und im öffentlichen Interesse zu treffen. Doch dafür braucht Wissenschaft ihre besondere Freiheit. Sie darf nicht eingezwängt werden in ein ökonomisches Erwartungsdenken. Wissenschaft ist kein Sklave der Geschäftemacher; wer sie nur dann unterstützt, wenn ihre Früchte vermarktbar sind, oder das Studieren zu einem gehetzten Sammeln von Creditpoints degradiert, der verkennt den kulturellen Wert der Erkenntnis. Wer dazu noch sichere Erkenntnisse verfälscht oder verheimlicht, für eigene Zwecke auslegt oder lediglich einer Minderheit Zugang dazu gewährt um seine Macht zu stärken, der verkennt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse Teil des Wissensschatzes unserer gesamten Gesellschaft sind.

Wir bekennen uns zur Transparenz, zur Unabhängigkeit und zur Integrität der Wissenschaft. Doch in einigen Fällen, zum Beispiel beim Sammeln und Auswerten von Big Data, oder der Entwicklung von Algorithmen, kann wissenschaftliche Erkenntnis zu enormen privaten Machtkonzentrationen führen. Diese können dann zu einer Bedrohung unserer Demokratie werden. Hier fordern wir die Wissenschaftler auf, sich ihrer Verantwortung stärker bewusst zu werden und die Konsequenzen ihres Handelns zu bedenken. Freiheit der Wissenschaft kann es nur in einer freien Gesellschaft geben, in der Wissen dem Allgemeinwohl dient. In einer Gesellschaft, die hilft, die komplexe Welt in einen menschlicheren Ort zu verwandeln. Die Früchte der Wissenschaft gehören uns allen.

Der offene und kritische Dialog ist die Basis jeder zivilisierten Gesellschaft. Wir engagieren uns für diesen offenen Austausch, auch über nationale Grenzen hinweg. Wirkliches Wissen wirkt überall. Wer meint, dass er in sozialen Netzen eigene Wahrheiten konstruieren kann, der irrt. Viele dieser Plattformen meiden echte Kontroversen, verweigern sich einer Selbstkorrektur im Lichte neuer Tatsachen und bekämpfen den zivilisierten Austausch von Argumenten.

Was sie anbieten sind lediglich Spiegelbilder der Meinungen ihrer Nutzer, sie erzeugen Echokammern, die sie mit ihrem Gedankengut beschallen. Die Feinde der Aufklärung verzerren die Wirklichkeit, propagieren „fake news“, hetzen Menschen gegeneinander auf und spalten so unsere demokratischen Gesellschaften. Wir setzen die Kraft des wissenschaftlichen Denkens und demokratisches Diskutieren dagegen, weil es anderen Gedanken mit Offenheit begegnet und unseren Horizont stetig weitet.

Journalistische Massenmedien spielen in der Selbstverständigung unserer Gesellschaften eine zentrale Rolle. Wenn öffentliche Diskussionen statt von Argumenten von Hysterie und Angst getrieben werden und die Lautsprecher des Populismus mit ihren Schreckensszenarien Debattenräume besetzen, dann müssen wir aufstehen und sagen: „Bekämpft die Angst mit den Fakten“.

Die Aufklärung mit Argumenten steht nicht zur Disposition – Die Stimme der Wissenschaften muss Gehör finden – Heute und auch morgen.

Bisher erschienen:

Demnächst: Ludger Gaillard: Große Vorbilder aus Göttingen

Diese und weitere Beiträge der Reihe mit den interessantesten Reden zum „Marsch für die Wissenschaft“ in Deutschland.

 

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