Allmendinger: “Um Vertrauen werben” – Der “March for Science” lebt fort (5)

Posted on 24. Mai 2017

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Eine radikale Öffnung der Wissenschaft zu allen Bevölkerungsschichten, ja sogar eine Demokratisierung der Wissenschaft, forderte die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, Prof. Jutta Almendinger. Sie sprach beim „Science March“ in Berlin, um um „Vertrauen in die Wissenschaft“ zu werben

#ScienceMarchBER

Für Prof. Jutta Allmendinger, Präsidentin des WZB in Berlin, ist freie Wissenschaft Grundlage einer demokratischen Gesellschaft. Sie sprach beim „March for Science“ in Berlin. (Foto: Inga Haar)

Vor 30 Jahren war ich sehr krank. Die Ärzte waren besorgt und wussten nicht weiter. Erst nach Wochen stellte ein ägyptischer Oberarzt die richtige Diagnose. In meiner Wirbelsäule versteckte sich eine Tuberkulose. Die Medikamente haben geholfen. Vor nur 100 Jahren wäre mein Leben ganz anders verlaufen.

Meine kleine Geschichte zeigt, wie sehr wir alle Wissenschaft und Forschung brauchen. Sie zeigt, wie dankbar wir sein können, dass viel Vertrauen und Geld in die Wissenschaft geflossen sind, gepaart mit Wissen, Motivation und großem Durchhaltevermögen der Forscherinnen und Forscher. Meine Geschichte zeigt auch, wie sehr wir offene Grenzen brauchen, wie sehr eine freie und international verbundene Wissenschaft. Ich war damals in den USA, TBC hat dort nie eine Rolle gespielt und ich brauchte das Wissen eines Ägypters, der übrigens hier in Berlin ausgebildet worden war.

Es wird Sie wundern, dass ich als Sozialwissenschaftlerin, die das Wissenschaftszentrum Berlin leitet, ein großes Institut der Leibniz Gemeinschaft, mit einem medizinischen Beispiel beginne. Ich setze damit ein bewusstes Zeichen, denn in diesen Zeiten ist die Wissenschaft in ihrer Gesamtheit bedroht. Der Anlass, aus dem wir heute zusammen gekommen sind, ja zusammen kommen mussten, ist zu ernst, als dass ich mich nur für meine eigene wissenschaftliche Disziplin einsetzen wollte.

Politisch instrumentalisierte Eingriffe in die Freiheit kritischer Universitäten in Ungarn, die Beschneidung der Wissenschaftsfreiheit in der Türkei, die Ignoranz und das Wegdrücken wissenschaftlicher Erkenntnisse in den USA und in weiteren Ländern, die Einreiseverbote: all das alarmiert mich, mein Institut, viele Kolleginnen und Kollegen – und uns alle, die wir heute hier sind.

Der Wissenschaftsmarsch ist deshalb nicht Spaß am Protest, kein eitles Jammern, keine akademische Nabelschau. Er ist auch kein parteipolitisches Bekenntnis, weder links noch rechts noch Mitte.

Der Wissenschaftsmarsch ist Ausdruck unserer Sorge und Bestürzung über die aktuellen Entwicklungen; und er ist noch mehr: Denn heute erklären wir uns hier in Berlin solidarisch mit all jenen, denen die Grundlagen ihres wissenschaftlichen Arbeitens entzogen wurden, die aufgrund ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit verfolgt werden, sich gefährdet fühlen und deren wichtige Forschungsergebnisse schlicht ignoriert werden.

Zusammen setzen wir ein starkes Zeichen für die Freiheit, Förderung und Anerkennung der Wissenschaften weltweit.

Heute finden auf der ganzen Welt Wissenschaftsmärsche statt. Wir wissen, dass wir hier in Deutschland privilegiert sind. In unserem Land ist die Förderung von Forschung und Wissenschaft gut und frei von politischer Gängelung. Dafür danken wir insbesondere all den Bürgerinnen und Bürgern, die mit ihren Steuergeldern die Wissenschaft finanzieren und auch der Politik.

Wir werben heute auch um Vertrauen in die Wissenschaft. Als Forscherinnen und Forscher wissen wir, dass wir selbst noch viel dazu tun müssen. Wir müssen besser erklären, dass die Wissenschaft davon lebt, Erkenntnisse zu hinterfragen und – wenn nötig – zu widerlegen. Viele Menschen suchen nach Gewissheit, nach einfachen Wahrheiten. Das ist verständlich und doch können wir absolute Wahrheiten nicht bieten. Aber Wahrscheinlichkeiten, und das ist sehr viel.

Unsere Forschungsergebnisse müssen überprüfbar, die Daten, die wir nutzen, für alle offen verfügbar sein. Ethische Regeln guten wissenschaftlichen Arbeitens müssen wir einhalten und dürfen nicht verhandelbar sein.

Das Wichtigste aber ist, dass die Menschen unsere Forschungsergebnisse verstehen und sie nachvollziehen können – wir brauchen eine klare Sprache. Wir dürfen nicht warten, bis die Menschen zu uns kommen. Wir müssen unsere Erkenntnisse zu ihnen bringen.

Mein Institut, das WZB, versucht dies mit „Fokus Neukölln“. Das ist eine Veranstaltungsreihe, bei der wir vor Ort mit den Menschen im Kiez unsere Ergebnisse zu den Themen Migration und Integration diskutieren. Ich kann Ihnen sagen: der Dialog funktioniert.

Diese Öffnung der Wissenschaft müssen wir letztlich noch radikaler denken: Wir brauchen eine Demokratisierung der Wissenschaft. Wir brauchen an unseren Hochschulen mehr junge Menschen, deren Eltern nicht studiert haben. Wissenschaft ohne Grenzen heißt auch: Wissenschaft ohne Standesgrenzen.

Für mich ist der heutige Marsch nicht zuletzt ein Plädoyer, die Situation unserer jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ernst zu nehmen. Sie sind in Sorge, da sie länger als in anderen Berufen in befristeten Arbeitsverhältnissen stecken, oft ohne Aussicht darauf, je in der Wissenschaft entfristet arbeiten zu dürfen. Auch dies kann die wissenschaftliche Freiheit und Kreativität einschränken.

Wissenschaftliche Erkenntnisse sind für unsere Gesellschaft, für jeden Einzelnen von uns, von höchster Bedeutung – denken Sie an das Beispiel der Lebenswissenschaften. Die freie Forschung zum Wohl der Gesellschaft verbindet alle Disziplinen. So kann sozialwissenschaftliche Forschung erklären, wie soziale Ungleichheit entsteht und welch verheerende Folgen sie für unsere Gesellschaft hat, wenn wir nichts dagegen unternehmen.

Unsere Erkenntnisse zeigen auch, unter welchen Rahmenbedingungen man fremden Menschen Verständnis und Vertrauen entgegen bringt und was man tun kann, will man Integration und Chancengerechtigkeit fördern. Wir haben Antworten auf die wichtige Frage, welche Entwicklungen unsere Demokratie gefährden und wie wir das so notwendige Interesse an Politik wecken. Wir Sozialwissenschaftler untersuchen die Chancen, aber auch die Risiken der Digitalisierung für die Gesellschaft.

Wenn wir alle die Sorge haben, dass Staaten die wissenschaftliche Freiheit aus machtpolitischen Motiven beschränken, dass Hass und Angst unsere Gesellschaften im Inneren aushöhlen, dass uns die soziale Ungleichheit die Luft nimmt, so kann die sozialwissenschaftliche Forschung nicht nur die nötigen Diagnosen stellen, sondern auch Wege aufzeigen, gesellschaftliche Brüche zu heilen.

Bisher erschienen:

Demnächst: Beatrice Lugger: „Lernt kommunizieren“

Diese und weitere Beiträge der Reihe mit den interessantesten Reden zum „Marsch für die Wissenschaft“ in Deutschland.

 

 

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