Lugger: „Lernt kommunizieren“ – Der „March for Science lebt fort (6)

Posted on 29. Mai 2017

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Kommunikation ist die entscheidende Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Doch sie steht in keinem Lehrplan der Wissenschaft. Beatrice Lugger rief beim „March for Science“ in Heidelberg dazu auf, Fehler zu vermeiden und gute Kommunikation zu lernen – zumindest aber als Wissenschaftler Kommunikation mit der Gesellschaft als wichtiges Element dieses Berufs ernst zu nehmen.

#ScienceMarchHD


Beatrice Lugger ist Direktorin des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation (Nawik) in Karlsruhe. Sie sprach beim „March for Science“ in Heidelberg.

Wer ist eigentlich schuld an der aktuell kritischen Wahrnehmung von Wissenschaft? Wir beklagen zu Recht den Niedergang des Faktischen. Genau deshalb gehen wir ja auch heute auf die Straße – für Wissenschaft und Gesellschaft. Aber: Woran liegt es denn eigentlich, das zunehmende Ignorieren von Erkenntnissen?

  • Ist es schlicht die Überforderung des Einzelnen in einer immer komplexeren Welt?
  • Liegt es an den Elfenbeintürmen, in denen sich die Forschenden angeblich einschließen?
  • Sind es die Algorithmen und Filterblasen, die uns umgeben mit Gleichgesinnten, in denen jeder von uns die ganz eigenen Wahrheiten findet?

Ich glaube, es ist von all diesem etwas, aber sicher auch eines. Ich glaube, dass vieles in der Wissenschaftskommunikation in der Vergangenheit schiefgelaufen ist. Fünf kurze Punkte dazu.

Erstens: Augenhöhe

Wissenschaft bildet eine Elite. Wir haben sogar Eliteuniversitäten. Nur entsteht dann ein Problem, wenn diese Elite als von der Gesellschaft abgehoben wahrgenommen wird. Es ist ein Problem, wenn manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich als Allein-Wissende in Dialogen positionieren. Wenn sie signalisieren, sie haben das Wissen auf ihrer Seite und sehen die andere Seite damit automatisch im Unrecht. Das ist natürlich eine denkbar schlechte Ausgangsposition, für einen glaubwürdigen Dialog auf Augenhöhe.

Zweitens: Fakten sind nicht gleich Fakten

Ist Rotwein für das Herz-Kreislaufsystem nun gut? Oder schadet er? Ist Glyphosat für unsere Gesundheit gefährlich oder nicht? Unterschiedliche Ergebnisse einschlägiger Studien sorgen in der Öffentlichkeit immer wieder für Verwirrung. Diese Beispiele zeigen: Es ist ausgesprochen gefährlich so zu tun, als liefere Forschung stets eindeutige Ergebnisse.

Meist reden wir nämlich über Wahrscheinlichkeiten. Und diese können bekanntlich höchst individuell und damit höchst unterschiedlich interpretiert werden.

Drittens: Fortbildungsangebote

Vielen Forschenden fällt es schwer, Laien ihr eigenes Thema zu vermitteln. Ihnen fehlen einfach die Worte dazu. Oder vielleicht eher: die richtigen Worte. Dabei könnten Wissenschaftler sehr wohl lernen und trainieren, wie sich komplexe Themen in verständlichen Worten ausdrücken lassen. Deshalb brauchen wir in den Studiengängen entsprechende Angebote und für Forschende Fortbildungsmöglichkeiten in Sachen Kommunikation.

Viertens: Sachlichkeit genügt nicht

Wissenschaftler fühlen sich häufig wohl mit der rein sachlichen Argumentation. Dabei sind es vor allem Emotionen, von denen abhängt, wie wir Themen aufnehmen, wie wir sie verankern. Beispiel Impfung: Wir können Impfgegner mit Zahlen, Fakten und Belegen zuschütten. Bloß: Das hilft nicht weiter. Was helfen kann, sind Wissenschaftler, die aus eigenem Erleben und höchstpersönlich erzählen, warum sie von etwas überzeugt sind.

Damit Sie mich richtig verstehen: Es geht nicht darum, die Sachlichkeit durch Emotion zu ersetzen. Aber es geht darum, Sachlichkeit durch Emotion zu ergänzen.

Fünftens: Angst vor mangelnder Anerkennung

Wissenschaftler, die sich im Dialog mit der Öffentlichkeit engagieren, müssen fürchten, dass sie im Fachkollegenkreis nicht mehr als seriös gelten. Das kann nicht sein.

Deshalb brauchen wir innerhalb der Wissenschaften einen Kulturwandel. Wir brauchen eine ausdrückliche Stärkung derer, die ihr Gesicht zeigen, die dadurch der Wissenschaft ein Gesicht geben. Wissenschaftler, die Forschungsthemen in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen, verdienen in besonderer Weise Anerkennung. Und wir brauchen mehr von ihnen.

Liebe Science Marcher, mit dem heutigen Tag habt Ihr und die vielen anderen rund um den Globus in noch nie dagewesenem Maße einen Punkt gemacht: Wissenschaft ist wertvoll! Das ist eine der zentralen Botschaften des heutigen Tages.

Ich hoffe, dass von diesem Tag ein Impuls ausgeht. Jetzt geht es darum, den Dialog zu stärken. Wir brauchen mehr Austausch auf Augenhöhe und dafür brauchen wir auch Euch. Ich hoffe, dass dieser Tag ein Start ist für einen Wandel, und dass Ihr dabei seid.

Bisher erschienen:

Demnächst:  KI-Forscher Strube: “Verantwortung ernst nehmen”

Diese und weitere Beiträge der Reihe mit den interessantesten Reden zum „Marsch für die Wissenschaft“ in Deutschland.

 

 

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