KI-Forscher Strube: “Verantwortung ernst nehmen” – Der “March for Science” lebt fort! (7)

Posted on 1. Juni 2017

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Zur Freiheit der Wissenschaft gehört auch ihre Verantwortung. Für den Computerlinguisten Prof. Michael Strube, wissenschaftlicher Direktor des HITS (Heidelberger Institut für Theoretische Studien), endet sie nicht an der Labortür. Wissenschaftler sind mitverantwortlich für Erscheinungen, die sie heute selbst beklagen, etwa für die Filterblasen im Internet.

#ScienceMarchHD

Michael Strube ist Scientific Director des HITS und Honorarprofessor für Computerlinguistik der Universität in Heidelberg. (Foto: HITS)

Wir haben heute oft gehört, daß Wissenschaft frei sein muß, daß Wissenschaftler unabhängig sein müssen. Ich möchte dem einen Punkt hinzufügen. Als Wissenschaftler tragen wir auch Verantwortung. Verantwortung für die Zukunft. Da ich nicht in die Zukunft schauen kann, muss ich auf die Gegenwart zurückgreifen.

Nehmen wir die Filterblase. Die Filterblase ist keine Erfindung böser Politiker. Nein, sie beruht auf Erfindungen aus der Informatik. Informatiker tragen, zumindest in Teilen, die Verantwortung für die Existenz der Filterblasen. Konkret: In der Frühzeit des E-Commerce versuchte ein Online-Buchhändler Kunden personalisiert Bücher zu empfehlen. Da das nicht auf Basis einer inhaltlichen Analyse geschehen konnte – mein Fach, die Computerlinguistik, war damals noch nicht soweit –, begann man, Metadaten über Buchkäufe und Käufer auszuwerten. Das funktioniert, ist effizient und lässt sich auf alles Mögliche anwenden—von der Websuche über Online-Auktionen bis hin zum Online-Dating — was zur Folge hat, daß wir uns nur noch in Leute verlieben, die genauso sind wie wir— und schon sind wir in der Filterblase gefangen.

Wird das auch auf Nachrichten und Informationen angewendet, erfahren wir nur noch, was wir erfahren wollen—und dann sind wir überrascht, daß es tatsächlich Leute gibt, die für den Brexit stimmen, die Trump wählen, morgen Le Pen und im Herbst die AFD.—Wie denken diese Leute? Das wissen wir nicht, weil wir sie nie treffen. Ich bin davon überzeugt, daß Wissenschaftler, daß Informatiker die Verantwortung für diese Entwicklung zumindest mittragen.

Suchmaschinen, Personalisierung, Empfehlungssysteme sind allesamt Entwicklungen aus der Informatik. Diese Entwicklungen machen unser Leben ohne Zweifel besser. An diesen Entwicklungen ist dennoch etwas fundamental falsch. Wir haben den Geist aus der Flasche gelassen, und wir bekommen ihn nicht wieder herein. Damit das nicht wieder passiert, sollten wir uns gut überlegen, ob wir den Geist beim nächsten Mal nicht besser in der Flasche lassen.

Das ist die Verantwortung, die wir als freie Wissenschaftler tragen. Freiheit bedeutet auch Verantwortung.

Bisher erschienen:

Demnächst: Uni-Präsident Mukherjee: „Darum geht es!“

Diese und weitere Beiträge der Reihe mit den interessantesten Reden zum „Marsch für die Wissenschaft“ in Deutschland.

 

 

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