Uni-Präsident Mukherjee: „Darum geht es!“ – Der „March for Science“ lebt fort! (8)

Posted on 7. Juni 2017

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„Alternative Fakten“ sind nicht allein ein Problem anderer Länder. Denn Wissenschaft ist international, Einschränkungen in einem Land treffen alle. Aber auch bei uns sind bis in Eliten hinein, ähnliche Tendenzen sichtbar. Der Präsident der Universität Giessen, Prof. Dr. Joybrato Mukherjee, rief beim „March for Science“ in Frankfurt dazu auf, wachsam solche Entwicklungen anzuprangern.

#ScienceMarchFRA

Prof. Joybrato Mukherjee ist Präsident der Universität Giessen und Vizepräsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Er sprach beim „March for Science“ in Frankfurt. Foto: Rolf K. Wegst

Worum geht es in diesen Tagen? Um eine eigentlich selbstverständliche Unterscheidung – in den Worten Justus von Liebigs, dem Begründer der organischen Chemie, nach dem meine eigene Universität benannt ist:„Die Erfindung ist Gegenstand der Kunst, der der Wissenschaft ist die Erkenntnis; die erstere findet oder erfindet die Tatsachen, die andere erklärt sie; die künstlerischen Ideen wurzeln in der Phantasie, die wissenschaftlichen im Verstande.“

Phantasie versus Verstand: Wer Daten herbei phantasiert, Ereignisse und Entwicklungen erfindet, Erklärungen aus Bauchgefühl – oder gar Machtkalkül – heraus entwickelt, der kann für sich keine Wissenschaftlichkeit beanspruchen. Wir leben in einer Zeit, in der bis in Kernstaaten des aufgeklärten Westens hinein, bis in die Mitte unserer eigentlich aufgeklärten Gesellschaften hinein, bis in die politischen Eliten in zahlreichen Ländern hinein die Unterscheidung zwischen Phantasie und Verstand angegriffen wird – dagegen müssen wir uns wehren. Und die Dinge beim Namen benennen: „alternative facts“ sind Lügen, „fake news“ sind Erfindungen, Meinungen sind keine Tatsachen.

Betrifft uns die Einschränkung der Wissenschaft in anderen Ländern überhaupt? Ja – “no man is an island” – “no science is an island”. Wir leben in einer international vernetzten Wissenschaftsgemeinde, gerade wir in Deutschland sind ein global vernetzter Wissenschaftsstandort wie nur wenige andere – und das ist auch gut so! Denn ohne internationale Zusammenarbeit, ohne das Zusammenbringen der besten Köpfe weltweit, ohne den ständigen interkulturellen Erfahrungsaustausch werden wir die großen Fragen und die drängenden Probleme der Menschheit nicht angehen können, sei es in den Geistes- und Sozialwissenschaften, sei es in den Natur- und Lebenswissenschaften, sei in den Ingenieur- und Technikwissenschaften.

Wir sind 80 Millionen in Deutschland – knapp 1 Prozent der Weltbevölkerung. Ohne den Austausch mit den vielen klugen Menschen unter den anderen 99 Prozent der Weltbevölkerung sind wir verloren, das sollte uns klar sein. Liebe Freunde: in Sachen Wissenschaftsfreiheit gibt es keine Außenpolitik – alles ist Innenpolitik. Das finanzielle Aushungern von Wissenschaftsgebieten wie der Klimaforschung in den USA, die Schließung von wissenschaftlichen Institutionen in Ungarn, die Drangsalierung von Wissenschaftlern in der Türkei – all das geht uns an, betrifft auch uns, kann uns nicht kalt lassen. Auch dagegen wehren wir uns hier und heute.

Dabei gilt: auch bei uns, in Deutschland, müssen wir wachsam sein und bleiben. Auch bei uns kommt es mitunter vor, dass Kolleginnen und Kollegen von bestimmten lautstarken Gruppen wegen ihrer wissenschaftlichen Meinung diffamiert werden, dass politisch oder gesellschaftlich unerwünschte Forschungsergebnisse entwertet werden, dass ganze Wissenschaftsthemen diskreditiert werden. Politik und Gesellschaft müssen es aushalten, dass Wissenschaft Pluralität braucht, dass Erkenntnisfortschritt ohne eine Vielfalt der Ansätze und Plausibilisierungen nicht möglich ist, dass die wissenschaftliche Suche nach der Wahrheit nicht immer kompatibel ist mit der Suche nach einer politischen oder gesellschaftlichen Mehrheit.

Worum geht es in diesen Tagen? Es geht – in den Worten Justus Liebigs – um den Baum der Wissenschaft: „Wir wissen jetzt, daß die Ideen der Menschen nach bestimmten Gesetzen der Natur und des Geistes organisch sich entwickeln und sehen den Baum menschlicher Erkenntnis wachsen ohne Unterbrechung und im Sonnenschein der Freiheit blühen und Früchte tragen zur richtigen Zeit.“

Dieser Baum der wissenschaftlichen Erkenntnis, liebe Freunde, dieser Baum – das ist unser Baum, den wir hegen und pflegen, den wir schützen müssen. Dem wir den Sonnenschein der Freiheit sichern müssen. Darum geht es.

Bisher erschienen:

Demnächst: Wertheimer: „Fragwürdige Exzellenz“

Diese und weitere Beiträge der Reihe mit den interessantesten Reden zum „Marsch für die Wissenschaft“ in Deutschland.

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